„Arge Blautopf“-Forscher folgen Luftzug ins Unbekannte

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Reich der schönen Lau“, „1001 Nacht“, „Fakirgang“ oder „Stairway to Heaven“. Solch märchenhafte Namen geben Forscher den Gängen und Hallen der Blautopfhöhle. Nüchtern klingt dagegen die Bezeichnung „Versturz 3“. An einer Stelle rund vier Kilometer Wegstrecke vom Blautopf entfernt, unweit der Ortschaft Wennenden, muss vor Jahrhunderten die Höhlendecke eingebrochen sein. An der Oberfläche ist kein Trichter mehr zu erkennen. Aber unten in der Blautopfhöhle ein gewaltiger Trümmerhaufen. Mitglieder der „Arbeitsgemeinschaft Blautopf“ stießen vor zehn Jahren erstmals auf die schweren Steinblöcke, die den weiteren Weg in dem rund 20 Meter breiten und 15 Meter hohen Tunnel versperren.

Mittlerweile haben sie innerhalb des Schuttbergs Hohlräume gefunden und diesen Namen gegeben: „Folterkammer“ klingt noch nicht so optimistisch, „Y-Spalte“ oder Vier-Mann-Halle nicht märchenhaft. Es geht aber weiter. Daran haben die Mitglieder der „Arge Blautopf“ bei ihren Vorträgen am Samstag in der Stadthalle in Blaubeuren und am gestrigen Sonntag im Edwin-Scharff-Haus in Neu-Ulm keinen Zweifel gelassen. Vor rund 1500 Zuschauern berichteten Andreas Kücha, Werner Gieswein, Michael Klöble, Michael Kühn und Oliver Schöll mit phantastischen Film- und Fotoaufnahmen zugunsten der Aktion 100.000 und Ulmer helft der SÜDWEST PRESSE von ihren Forschungen in der Blaubeurer Unterwelt.

Über Wasser und – mit einer kleinen Tauchausrüstung – auch unter Wasser ist Projektleiter Andreas Kücha bereits 85 Meter weit in den „Versturz 3“ vorgedrungen. Eindrucksvoll waren bei den Vorträgen die bewegten Bilder von der Zündung einer Rauchpatrone. Der rote Rauch zog rasch in eine Spalte. „Wir haben da hinten noch kilometerlange Gänge“, ist sich Kücha sicher, der die Arbeit im „Versturz 3“ als einen „persönlichen Kampf“ bezeichnete. „Ich weiß nicht, wer gewinnen wird. Vielleicht die nächste Generation.“ Werner Giesweins Fazit nach den jüngsten Rauchversuchen, die gestartet wurden als die Höhle wegen der draußen herrschenden Kälte stark „atmete“: „Solange es einen Luftzug gibt, ist man nicht bereit aufzugeben.“

Der Kampf gegen die Gesteinsblöcke ist beschwerlich. „Es gibt halt keinen Baumarkt um die Ecke“, sagte Gieswein. Akku-Bohrhammer, Brecheisen und andere Werkzeuge müssen auf einer drei Kilometer langen Tour, bei der es auch mit Schlauchboot oder Autoreifen über Höhlenseen geht, transportiert werden. Die Forscher haben, wie auch an zwei Stellen weiter vorn, ein Biwak eingerichtet. Andreas Kücha berichtete von der Übernachtung im Ehebett, denn seine Frau Denise, eine erfahrene Forscherin, war mit dabei.

Hilfreich ist der Zugang in den trockenen Bereich der Höhle, den die Stadt Blaubeuren im Jahr 2010 gebohrt hat. Früher war eine 1250 Meter lange Tauchstrecke vom Blautopf aus der einzige Zugang. Michael Klöble erinnerte an die Blautopf-Pioniere von der Höhlenforschungsgruppe Eschenbach und an Jochen Hasenmayer, der 1985 als erster Mensch den Mörikedom erreichte. Die Eschenbacher versuchten, mit einer Lichterkette den Blautopf und den Höhlengang zu erhellen. Die Ausrüstung war teils selbst entwickelt. Die „Arge Blautopf“ zeigte auch Fotos von den ersten eigenen Tauchgängen vor 20 Jahren. Gieswein berichtete von einem 120 Kilogramm schweren Tauchgerät. „Heute würde ich damit nicht für viel Geld und gute Worte tauchen.“ Seit einigen Jahren werden so genannte Kreislaufgeräte verwendet, die verbrauchte Atemluft aufbereiten. Eine Helium-Mischung beugt dem Tiefenrausch vor. Ein Besucher nahm ein paar Atemzüge davon – und hörte sich beim Zungenbrecher „‘s leit a Klötzle Blei glei bei Blaubeura glei“ an wie Micky Maus.

Nicht nur im Blautopf und im „Versturz 3“ am Höhlenende wird getaucht, sondern auch in der „Halle des verlorenen Flusses“. In einem bemerkenswerten Film von Oliver Schöll konnten die Zuschauer Michael Kühn in den „Nyphargensyphon“ folgen, der eine Tiefe von 40 Metern erreicht. Anderswo ziehen Schlote nach oben, die von den Forschern kletternd erkundet werden. Giesweins Bitte an die Blaubeurer: „Wenn ihr im Garten einen Maulwurfshaufen seht, haut nicht gleich mit dem Spaten drauf!“


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