Jakob Salzmann hat Geschichten Merklinger Auswanderer erforscht

Drei Jahre lang hat Jakob Salzmann zur Migrationsgeschichte seiner Gemeinde recherchiert. Doch ein Rätsel konnte er bis heute nicht lösen ...

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George Washington liegt auf einem Tisch in Merklingen. Doch Hobby-Historiker Jakob Salzmann interessiert sich nicht für den US-Präsidenten. Sein Konterfei auf dem Postwertzeichen könnte spannend sein, vielleicht für einen Briefmarkensammler. Aber Salzmann sammelt keine Marken sondern Schicksale, Tragödien und manch kleine Heldengeschichte. Drei Jahre lang hat der 73-Jährige recherchiert, im Personenstandsregister und im Württembergischen Migrationsindex im Kreisarchiv, zudem hörte er Überlieferungen von Bekannten, und stöberte in Zeitungsarchiven.

Was er zutage gefördert hat, ist bemerkenswert: eine vollständige Auflistung aller Auswanderer aus Merklingen seit Mitte des 18. Jahrhunderts. Sehnsuchtsland Nummer eins war Amerika, mehr als 90 Personen wanderten im Zeitraum 1752 bis 1987 dorthin aus.

Ein Schicksal hat Salzmann besonders bewegt: das der Familie Mangold – über einen weit verzweigten Stammbaum verwandt mit Jakob Salzmann. 1871 wagten die Mangolds die Überfahrt über den Atlantik, bauten sich in Ohio eine neue Existenz auf und pflegten doch regen Briefkontakt in die schwäbische Heimat. Die Briefe von Philipp Mangold sind eine wahre Goldgrube für Salzmann, vom Kuvert schaut George Washington, aber viel spannender findet Salzmann das Geschriebene auf dem vergilbten Papier: Zwanzig Jahre lang arbeitete Mangold in einer Eisengießerei und verdiente ausreichend Lohn. Dennoch schreibt er 1900 selbstkritisch: „Ich wollte, ich hätte diese Akkordarbeit nie übernommen, ich habe gearbeitet wie ein Stück Vieh, jeden Tag so lange fertig gemacht, bis ich nicht mehr konnte.“ Jetzt fühle er sich „wie ein altes Werkzeug, welches man in die Rumpelkammer tut.“

Der Traum vom Wohlstand und unbegrenzten Möglichkeiten, er blieb für viele Auswanderer zunächst Illusion. „Sie mussten ganz unten anfangen“, sagt Salzmann. Vor ihrem Aufbruch waren die Migranten meist euphorisch und bewiesen Gottvertrauen. Ein Gedicht aus jener Zeit lautet:  „Kommt Freunde, lasst uns ziehen ins Land Amerika. Es kostet wohl viel Mühen, wills Gott, bald sind wir da.“

Ohnehin begann das Abenteuer bereits mit der Schiffsreise – und endete für manche auch dort. Einen besonders harten Schicksalsschlag erlebte die aus Machtolsheim stammende Familie Mayer. 1752 wanderten Andreas und Barbara mit ihren sieben Kindern aus. Barbara starb während der Überfahrt bei der Geburt ihres achten Kindes.

Tragische Ereignisse gab es zuhauf, immer wieder kam es zu schweren Schiffsunglücken wie am 1. März 1854. Im Blaumann (heute Blaumännle) ist darüber zu lesen: „Wieder ist ein Schiff mit Auswanderern untergegangen. Das von Havre abgegangene Schiff „Powhattan“  sank durch einen schrecklichen Schneesturm. Drei Tage kämpfte es gegen den Berg hoher Wellen, bis es mitten in zwei brach und Kapitän, Matrosen, Passagiere, im Ganzen 250 Seelen in den Fluten ihren Tod fanden. Die Rufe der sinkenden Männer, das Jammergeschrei der Weiber und Kinder soll unter dem Heulen des Windes doppelt entsetzlich gewesen sein.“ Es ist bestätigt, dass darunter auch Familien aus Ulm und dem heutigen Alb-Donau-Kreis waren.

Warum nahmen so viele die Strapazen und Gefahren auf sich? Das Leben auf der steinigen Alb war ärmlich. „Der Erträge waren so kärglich, es herrschte oft Hunger“, sagt Salzmann. „Und wenn jemand sechs Kinder um den Tisch hatte, die musst er auch erst Mal satt bekommen.“ Zum Teil bekamen die Auswanderer einige Gulden von der Gemeinde oder der Kirche gezahlt für die Überfahrt: „Das wurde damals unter dem sozialen Aspekt gesehen.“

Heute würde man solche Menschen wohl als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen, meint Salzmann. Politisch verfolgt waren damals nur wenige – im Gegensatz zu den Flüchtlingen heute. Salzmanns Schilderungen wirken plötzlich brandaktuell, von Menschen, die ihre Heimat zurücklassen in der Hoffnung auf ein besseres Leben. „Heute kommen sie übers Mittelmeer, viele treibt auch der Hunger“, meint Salzmann. Weniger als 200 Jahre ist es her, dass sich viele Europäer als Bedürftige in andere Länder aufmachten. „Wenn heutzutage Flüchtlinge in unserem Land sind, stehen wir in der Pflicht, ihnen etwas Menschenwürdiges anzubieten“, sagt Salzmann.

Damit es ihnen nicht so ergeht, wie vielen Deutschen, die in Amerika ankamen: Sie glaubten den Versprechen der teuer bezahlten Auswanderungsagenten, dass man sie in in der neuen Heimat empfangen werde. Dort warteten aber höchstens die nächsten Hochstapler.

Aber manche sind doch sesshaft und glücklich geworden. Der rätselhaften Geschichte der Mangolds ist Jakob Salzmann noch auf der Spur: Irgendwann kamen keine Briefe mehr von Philipp aus den USA, Salzmann fragt sich: „War der erste Weltkrieg Schuld oder ist Mangold gestorben?“ Er vermutet, dass es Nachfahren gibt der Mangolds, Enkel, Urenkel…. Jetzt hat er seine Nichte auf die Fährte gesetzt, sie arbeitet in Chicago und recherchiert. Bislang ohne Erfolg. „Aber ich geb‘ die Hoffnung nicht auf“, sagt Salzmann. Entfernte Verwandte in Amerika treffen, „das wäre doch klasse!“

Historische Ausstellung

Gemeindehalle Die Interessengemeinschaft Merklingen lädt ein zu einer historischen Ausstellung in die Gemeindehalle. Der Festabend beginnt am 22. Oktober um 19.30 Uhr. Am 23. Oktober kann zusätzlich ab 13 Uhr die Ausstellung besichtigt werden, bei der auch Originaldokumente der Merklinger Auswanderer gezeigt werden.  

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