Inklusion im Kindergarten

Das Thema Inklusion ist heiß diskutiert. Die einen lehnen das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung ab, die anderen plädieren dafür. Im Kindergarten Balzheim funktioniert das Projekt.

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Christine Brunner mit ihrer Sprachfördergruppe. Lena (zweite von links) fügt sich gut ein.  Foto: 

Seit einigen Jahren arbeiten zwei Förderkräfte mit den Kindergartenkindern in Balzheim an ihrer Sprachentwicklung. Seit einem Jahr macht auch Lena (5) mit. Sie hat das Down-Syndrom. In der Sprachförderung von Christine Brunner wird jedes Kind individuell gefördert und Lena noch ein bisschen mehr. Für Christine Brunner ist jede Stunde ein kleines Abenteuer, "denn Lena gibt an, zu was sie bereit ist und zu was nicht". So müssen Stunden, die in einem Wochenplan organisiert sind, auch kurzfristig umgestellt werden. Kein Problem für die ausgebildete Sprachförderkraft der Caritas Ulm: "Man muss eben flexibel sein und auf die Kinder eingehen."

Wenn die Stunde beginnt, sitzen drei bis fünf Kinder im Raum und singen zur Begrüßung ein Lied. Danach beginnt der thematische Teil. Christine Brunner übt mit den Kindern spielerisch Präpositionen, Artikel, den Satzbau, den Sprachrhythmus und mehr. So werden sprachliche Defizite gemildert, die Stärken der Kinder hervorgehoben und die Schwächen unbemerkt verbessert.

In der täglichen Förderstunde gehen auch die anderen Kinder aus der Gruppe auf Lena ein. Sie wollen Vorbild sein, denn Lena beobachtet die anderen genau und adaptiert oft deren Verhalten und ihr Sprechen. "Lena hat im vergangenen Kindergartenjahr tolle Fortschritte gemacht", freut sich Brunner. Am Anfang habe sie sich hauptsächlich durch Laute verständigt, die andere Kinder nicht immer verstanden hätten. Jetzt kann sie Sätze bilden. Geschafft hat das die Gruppe der Kinder gemeinsam - durch Muskelübungen mit einem Strohhalm, Sprachrhythmusübungen, Rollenspiele und das auditive Schulen von Wörtern. "Die Kinder sind in diesem geschützten Raum ein Team, alle sind Teil davon und das motiviert sehr", so Brunner.

"Die Inklusion ist für alle Kinder hilfreich", meint auch Lenas Vater. "Meine Tochter kann mehr sprechen, und Fremde verstehen sie jetzt auch besser." Er findet die Sprachförderung rundherum positiv. Sie motiviere und stärke das Selbstbewusstsein seiner Tochter.

Das spielerische Lernen steht an erster Stelle. Auf unterschiedliche Art und Weise setzt die Sprachförderung der Caritas Ulm mit allen Sinnen an, um die Kinder individuell in ihrer Sprachentwicklung zu fördern. Hansjörg Ludwig, Leiter der Migration und Sprachförderung der Caritas Ulm, ist verantwortlich für die Organisation der Sprachförderung in der Region. Die Pädagogik der Caritas-Sprachförderung geht auf das Denkendorfer Modell (www.sprachhilfe-bw.de) zurück, wobei der Schwerpunkt auf die Beziehung der Sprachförderkraft zum Kind gelegt wird. "Die Sprache soll aus dem Kind herausgelockt werden", erläutert Ludwig, dem es wichtig war, das Modell um einige Punkte zu erweitern. So sind die Sprachförderkräfte nicht ehrenamtlich angestellt, sondern durch einen Honorarvertrag, wodurch eine bedarfsgerechte Organisation möglich ist. Außerdem werden die Gruppen mit maximal acht Kindern belegt, die jeweils vier Stunden in der Woche durch eine ausgebildete und qualifizierte Sprachförderkraft unterrichtet werden.

In Balzheim besuchen derzeit 16 Kinder die Sprachförderung. Möglich ist dies nur, weil die Erzieherinnen unter der Leitung von Hannelore Fromm mit den Sprachförderkräften erfolgreich am gleichen Strang ziehen und gemeinsam versuchen den Kindern in ihrer Sprachentwicklung zu helfen.

Lenas Papa wünscht sich, dass solche Programme ausgebaut werden, denn dass "alle miteinander umgehen und dadurch akzeptieren können, dass nicht alle gleich sind" ist für ihn von großer Bedeutung. Die Mischung machts und vor allem hätten Kinder die Offenheit andere anzunehmen, wie sie sind. "Das würde unsere Gesellschaft besser machen - von Inklusion kann jedes Kind profitieren!" Grenzen sieht Hansjörg Ludwig dort, wo man nicht mehr allen gerecht werden kann. "Funktionieren kann Inklusion nur in den Einrichtungen, die dafür aufgeschlossen sind und sich durch Fortbildungen darauf vorbereiten", betont Ludwig, der stolz auf die gelungene Sprachförderung in Balzheim ist.

Die Kindergartensprachfördergruppe von Lena zeigt, dass erfolgreiche Inklusion gar nicht so schwer ist, wie einige meinen. Sie erfordert Mut, Spontanität und vor allem Flexibilität. Sie gibt den Kindern mehr Selbstbewusstsein und Motivation. Menschen werden so nicht mehr in "normal" und "unnormal" eingeteilt, sondern dürfen individuell sein und im Miteinander einander verstehen und kennenlernen. Für die Gesellschaft erstrebenswerte Ziele.

Sprachförderung der Caritas Ulm wird bezuschusst

Etwa 40 Kindergartengruppen und ebenso viele Schulgruppen in der Region nehmen derzeit die Sprachförderung der Caritas Ulm in Anspruch. Zunächst absolviert jede Förderkraft einen fünftägigen Einführungskurs und danach alle sechs Wochen aufbauende Seminare. In diesen Seminaren findet ein Erfahrungsaustausch mit der jeweiligen Mentorin und den anderen Förderkräften statt sowie die Weiterbildung der Förderkräfte. Das Programm wird aus einem Landeszuschuss und Geldern der jeweiligen Gemeinden finanziert.

SWP

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