Computerspiel: In der Rolle des Flüchtlings

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Granaten explodieren auf dem Markt des kleinen syrischen Dorfes, als Noa mit seiner Schwester einkaufen will. Er muss gut überlegen, was er mitnehmen kann in seiner Tasche auf der Flucht nach Europa. Auch später wird er immer wieder schwierige Entscheidungen treffen: Soll er seine Schwester mitnehmen? Soll er auf dem Landweg oder doch lieber übers Meer fliehen?

Jeder kann in die Rolle des syrischen Jungen schlüpfen – wenn er sich das Computerspiel des 25-jährigen Fabian Fauser vornimmt. Und jede Entscheidung, die der Spieler trifft – ob er sich selbst nun Noa, Achmed oder Christian nennt –, verbessert die Chancen, am Ende wirklich in Deutschland anzukommen.

Längst sind Computerspiele in der Mitte der Gesellschaft angekommen, auch wenn das viele noch nicht richtig wahrhaben wollen. Eine breit gefächerte Industrie ist rund um diese Art von Spielen entstanden, die der Film-Industrie in Deutschland kaum nachsteht. Der Umsatz liegt weltweit bei bald 90 Milliarden Dollar, gibt der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware bekannt. Für den 25-jährigen Fauser, der zunächst Germanistik und Geschichte studierte, bevor er sich an der Universität Bayreuth im Bereich Medienwissenschaften einschrieb, ist es deshalb nur sinnvoll, sich diesem Spiele-Bereich zu widmen. Gerade hat er ein Praktikum bei der erfolgreichen Ulmer Computerspiele-Schmiede Scorpius Forge absolviert.

Egoshooter: Magische Kräfte?

Wenn er Zeit hat, spielt er selbst jeden Tag rund eine Stunde lang Computerspiele, hat Spaß auch an Egoshootern, umgangssprachlich Ballerspiele genannt. Das sei spannend, durch die Action unterhaltsam und schnell. „Aber Computerspiele können genauso ernste und wichtige Themen behandeln“, findet Fauser. Für ihn sind alle diese Spiele eine neue Art von Kunst. Jedenfalls eine Art von Unterhaltung, der weltweit Millionen von Jugendlichen nachgehen. Jochen Koubek, Professor für Digitale Medien an der Uni Bayreuth, meint, das größte Problem im Umgang mit dem Genre der Egoshooter sei ohnehin die Angst von Menschen, die es nie noch gespielt haben und ihm „kulturzersetzende Macht und magische Kräfte bei der Beeinflussung von Jugendlichen“ zuschreiben. Aber: „Computerspiele sind Medien, sie können mit Ausdruckswillen gestaltet werden und verschiedene gesellschaftliche Funktionen erfüllen.“ So würden Studenten bei Team-Computerspielen „sportliche Werte wie Leistungsstreben, Selbstvollendung, Teamgeist und Fairness“ erleben. Längst gibt es außerdem weniger bekannte Computerspiele, die sich von den viel diskutierten Egoshootern absetzen, so genannte Indie-Spiele wie „This War of Mine“, das den Krieg konsequent aus der Opferperspektive zeigt. Das soll unterhalten und berühren.

Von solchen Indie-Spielen hat sich Fauser für seinen „Langen Weg“ inspirieren lassen. Rund acht Monate arbeitete er dann daran, es als Abschlussarbeit für seinen Studiengang fertig zu bekommen. Am interessantesten bei dieser Arbeit war für ihn die Begegnung mit Flüchtlingen. Viele Details, die ihm Flüchtlinge über ihren Weg nach Deutschland erzählten, nahm Fauser ins Spiel mit auf. So etwa, dass Islamisten 60 Peitschenhiebe an Männer verteilten, die Alkohol getrunken hatten. Oder dass sich mit Geld die Überlebenschancen deutlich erhöhen, Unwägbarkeiten zu überwinden, wenn es auf der Flucht zu einem Schiffsunglück kommt. Ist der Flüchtling Noa schließlich in Deutschland angekommen, durchläuft er den bürokratischen Prozess, stellt den Antrag auf Asyl, wird zur Anhörung geladen, erlebt Diskriminierung. Rückblickend hätte Fauser gerne mehr Zeit gehabt, um etwas mehr über die Flüchtlinge zu erfahren. Das hätte jedoch den Rahmen seiner Arbeit gesprengt – ebenso der Wunsch, das Spiel graphisch oder musikalisch aufzuwerten. Aber er könnte sich durchaus vorstellen, dass Spieleentwickler seine Idee irgendwann einmal aufnehmen werden. Nach seinem Studienabschluss möchte er selbst jetzt aber erst mal Geld verdienen.

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