Ikonenmuseum im Schloss Autenried - Ein spiritueller Ort

Das Ikonenmuseum im Schloss Autenried öffnet den Besuchern einen Blick in die Glaubenswelt der Ost-Kirche. Die Auferstehung Christi feiern die orthodoxen Christen heuer erst am 1. Mai.

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Pater Jakobus Puckett hat im orthodoxen Glauben seine Berufung gefunden und im Schloss Autenried seinen Lebensmittelpunkt.  Foto: 

Wer mit Pater Jakobus Puckett verabredet ist, außerhalb der Öffnungszeiten des von ihm betreuten Ikonen-Museums, sollte unbedingt mit dem Auto vorfahren. "Bitte 2 x hupen", steht auf einem Schildchen am Eingang, der ins Innere des imposanten Landschlosses aus dem frühen 18. Jahrhundert führt. Eine Klingel fehlt. Also alles nochmal zurück auf Los und diese kleine Residenz mit dem etwas morbiden Charakter mit dem Wagen angesteuert, auf ähnliche Weise, wie das einst die hochherrschaftlichen Bewohner zu handhaben pflegten.

Die Durchfahrt für die Kutsche quer durchs überwölbte Erdgeschoss ist noch erkennbar, aber längst zugemauert. Denn sie beherbergt bereits seit einem halben Jahrhundert eine orthodoxe Kirche, die zugleich der spirituelle Wirkungskreis des Paters ist. Im Stockwerk drüber ist ebenfalls seit 1959 das Ikonenmuseum des Slawischen Instituts aus München untergebracht, des Paters zweiter Wirkungskreis. Wer einen Besuch vorhat, sollte beachten, dass so ein Gemäuer heutzutage mit einem vertretbaren Aufwand einfach nicht mehr beheizbar ist, obwohl die historischen Öfen in den Zimmern teils noch vorhanden wären. Auch brächte ihre Anfeuerung konservatorische Probleme mit sich.

Über dem ganzen Schloss liegt ein Hauch von Stillstand und Gestrigkeit. Der blätternde Außenputz steht in Kontrast zur Betriebsamkeit im Gasthaus der örtlichen Brauerei nebenan. Der kleine Schlossgarten verwildert. Das Museum selbst ist eine einzige Verweigerungsgeste gegenüber neueren Konzeptionen, sei es in der Präsentation, sei es in der Vermittlung. Es passt aus demselben Grund aber durchaus zu seinen Objekten. Ikonen, die Tafelbilder im Kultus der Ostkirche, sind ja ebenfalls stark verhaftet im Tradierten - und häufig sogar noch in direkter Anlehnung an byzantinische Bildvorstellungen. Da Ikonen in einer Sphäre zwischen Visuellem und Transzendenz angesiedelt sind, sind ihre häufig bestimmten Schulen angehörenden Produzenten streng an einen Kanon gebunden, im Formalen wie im Thematischen. So haben sie etwa die Entwicklung einer Zentralperspektive nie nachvollzogen.

Dieser Kanon wird zum einen gebildet aus von der Bibel abgeleiteten Grundmodellen und dem Heiligen-Personal der Ostkirche, zum anderen durch deren Synodenbeschlüsse. Trotzdem gibt es natürlich augenscheinliche Unterschiede, die der Pater bei der Führung gerne erläutert: "Ikonen aus dem griechischen Raum sind farbenfroher." In Russland blühte bis zur Revolution die Miniaturmalerei. Manche Produzenten dort verwendeten Pflanzenfarben, die in dünnen Lasuren aufgetragen wurden. Stickerei als Verzierung verweist den Kenner auf die Orte ihrer Produktion, darunter bestimmte Klöster. Ebenso wie eine Ausführung in gedengeltem oder gepresstem Metall, das anschließend versilbert oder gar vergoldet wurde. In anderen Objekten sind winzige Flussperlen in das Bildgefüge mit einbezogen.

Der Nachbau einer Ikonostase, einer Wand, die den Altarraum von dem Raum für die Laien trennt, bildet den "Eyecatcher" in der Ausstellung, die neben Ikonen noch weitere Kult-Gegenstände zeigt. Zu den kostbarsten Stücken zählen ein Karfreitagstuch aus dem 14. Jahrhundert und ein Bischofssornat aus dem 18.; Elfenbeinarbeiten sind ebenfalls zu sehen.

Angeschlossen an die bereits 1959 eingerichtete Präsentation ist eine Spezialbibliothek des Slawischen Instituts mit Fachrichtung Kunstgeschichte, Theologie und Volkskunde des christlichen Ostens. Die Immobilie selbst gehört der Orthodoxen Kirche und ist Mittelpunkt einer über die ganze Region ringsum verteilten Gemeinde.

Über den Hauptflur mit seinen klappernden Bodenfliesen und die ausgetretenen Stufen des Treppenhauses geht es wieder nach unten, wo der Pater zwei Räume bewohnt, die direkt neben der Kirche liegen. Die Einrichtung ist spartanisch. Immerhin hat der blubbernde Ölofen eine Chance, etwas Behaglichkeit in die hohe Wohnküche zu bringen.

Ostern feiern die Orthodoxen nach ihrem eigenen Kalender. In diesem Jahr fällt das Fest auf den 1. Mai. An Gründonnerstag und Karfreitag stehen darin jeweils um 20 Uhr Heilige Messen. Der in Altgriechisch begangene Ostergottesdienst beginnt am Ostersamstag um 23 Uhr mit einer Prozession, dauert mitunter drei Stunden und beschert dem Pater mit bis zu 300 Besuchern den stärksten Zulauf des Jahres. Wie groß seine Gemeine genau ist, kann der 1972 zum Priester geweihte Seelsorger nicht sagen. Durch Rückkehrer aus Griechenland und Flüchtlinge aus Syrien wachse sie gerade wieder leicht an.

Pater Jakobus Puckett, studierter Germanist und Theologe, kam einst als GI nach Deutschland. Im orthodoxen Glauben hat er seine Berufung, in Autenried in einem herausfordernden Schloss seinen Lebensmittelpunkt gefunden. Doch er meint, winters sei es hier jetzt nicht mehr ganz so hart. Wegen des Klimawandels.

Info Das Ikonenmuseum im Schloss Autenried ist an Sonn- und Feiertagen von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Führungen gibt es zu jeder vollen Stunde. Für Gruppen bietet der Kustos Pater Jakobus Puckett nach Voranmeldung auch wochentags Rundgänge durchs Museum an. Anmeldung unter Tel. (08223) 862.

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