Hunde werden bei der Ausbildung mit Stromschlägen gequält

Ein Schutzhund durchläuft eine knallharte Ausbildung. Gehorcht er nicht wie gewünscht, quält ihn so mancher Ausbilder mit Stromschlägen. Das ist verboten, wird aber offenbar auch in der Region praktiziert.

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Ein Schutzhund muss hart im Nehmen sein. Bei ihrer Ausbildung dürfen aber keine Stromschläge eingesetzt werden, was auf diesem Bild auch nicht der Fall ist.  Foto: 
„Die Hunde glühen.“ Mit diesen Worten beschreibt Oliver Baier, wie manche Hundeausbilder ihre Tiere mit Stromschlägen trainieren. Dafür werden so genannte Teletakter verwendet. Das Gerät – ein Halsband, an dem ein etwa streichholzschachtelgroßer Empfänger befestigt ist – wird dem Hund umgelegt, sein Ausbilder kann mit einer Fernbedienung Stromschläge auslösen. Laut Paragraf 3 Tierschutzgesetz sind Teletakter in Deutschland verboten, da sie „mit erheblichen Schmerzen, Leiden oder Schäden verbunden sind . . .“. Zum Einsatz kommen sie offenbar dennoch – unter anderem bei der Ausbildung von Schutzhunden, aber auch bei Jagdhunden. „Zum Teil auch schon im Agility“, sagt Oliver Baier, der in Ulm eine Hundeschule betreibt. Beim Agility müssen die Hunde einen Hindernisparcours bewältigen.

Baier hat schon oft gesehen, wie Hunde auf Übungsplätzen verschiedener Ortsgruppen des Vereins für Deutsche Schäferhunde (SV) mit Teletaktern, im Jargon „Tele“ genannt, traktiert oder „abgeschossen“ wurden: „Je nach Stromstärke und Dauer winselt der Hund und jault, verdreht die Augen, manche koten vor Schmerz und Angst.“

Der Schutzdienst gilt im Hundesport als Königsdisziplin. Früher wurden hauptsächlich Deutsche Schäferhunde darin ausgebildet, inzwischen kommen immer mehr belgische Schäferhunde, „Malinois“, auf die Übungsplätze. „Sie gelten mittlerweile als die härtere und triebstärkere Rasse, aber auch als die gesündere, weil sie noch nicht so überzüchtet ist wie der Deutsche Schäferhund“, erklärt Baier. Geschult werden die Tiere in den Bereichen „Fährte“, „Unterordnung“ und „Schutzdienst“. In diesen legen Hund und Halter nach einer internationalen Prüfungsordnung (IPO) Prüfungen ab.

Die Hunde müssen dazu unter anderem lernen, einen Angreifer abzuwehren und einen Flüchtigen zu stellen. Dazu steht auf dem Übungsplatz ein so genannter Figurant, der einen Beißärmel trägt. „Er ist die zentrale Figur bei der Ausbildung“, erklärt Baier, der selbst als Figurant arbeitet. Der Mann im Schutzanzug entscheide, wie weit er den Hund reize, etwa mit Schreien oder einem Stock, damit er angreift. „Dazu braucht man Erfahrung. Man muss den Hund gut einschätzen können.“ Sobald dieser in den Schutzärmel beißt und der Figurant still steht, muss der Hund wieder ablassen. Folgt das Tier dem Befehl „Aus“ nicht, würden manche Ausbilder dem Hund per Fernbedienung einen Stromschlag versetzen. Im Internet, wo die Geräte trotz Verbots verkauft werden, wird damit geworben, dass manche bis zu 50 „Impulsstärken“ haben, bei einer Reichweite von bis zu 2,5 Kilometern. Reagiere der Hund nicht gleich, drehe der Ausbilder die Stromstärke immer höher, erklärt Baier. „Und der Hund kapiert überhaupt nicht, woher der Schmerz kommt.“

Damit nicht genug. Es gebe auch Beißärmel mit Elektroden, die Stromschläge direkt ins empfindliche Maul des Hundes absetzen. Sogar Stromdrähte, die an die Hoden eines Rüden geklemmt werden, um ihn gefügig zu machen, hat Baier schon gesehen: „Da gibt es alles. Das müssen unglaubliche Schmerzen für das Tier sein.“ Andere schärften zum Beispiel Stachelhalsbänder extra spitz.

Der Ulmer, der nach eigenen Worten seit mehr als 20 Jahren Schutzhunde ausbildet, gibt zu, dass auch er „als Anfänger“ Teletakter eingesetzt hat. „Das haben alle so gemacht, und ich habe es auf den Übungsplätzen so gelernt. Aber irgendwann hatte ich genug. Mir war klar, dass diese Art der Ausbildung Tierquälerei ist.“ Er habe sich eine andere Form der Ausbildung angeeignet, unter anderem mithilfe des Schweizers René Sagarra. „Diese basiert im Wesentlichen auf der Entladung der Triebe, nicht auf Bestätigung.“ Klar sei: „Nur mit Liebe und gutem Zureden, kann ich keinen Schutzhund ausbilden.“

Er ist als Figurant auf vielen Übungsplätzen der Region unterwegs. Bei manchen sei er nicht mehr willkommen, weil er die brutalen Ausbildungsmethoden und Fehler angeprangert habe. „Die sind leider noch immer gang und gäbe. Verbot hin oder her.“ Er habe gesehen, dass selbst bei der Ausbildung von Diensthunden der Polizei mit Stromschlägen gearbeitet wird.

Das bestätigt Jürgen Ihle, Vorsitzender der Ortsgruppe Langenau des Vereins für Deutsche Schäferhunde: „Sie glauben doch nicht etwa, dass die Polizei ihre Hunde ohne Tele ausbildet.“ Auf dem Übungsplatz der Ortsgruppe Langenau gelte selbstverständlich ein Verbot für Teletakter. „Aber man weiß ja, dass es sie trotzdem gibt“, sagt Ihle. Jäger, Hundesportler und Ausbilder von Diensthunden nutzten die Geräte. Nach Meinung von Ihle sind das aber Profis, die wissen, wie sie mit dem Gerät umgehen müssen. „Auf der niedrigsten Stufe verursacht es lediglich ein Kribbeln, mit dem man die Aufmerksamkeit des Hundes bekommt. Das können Sie selbst an Ihrer Hand testen“, sagt Ihle. Den Impuls zur Bestrafung des Hundes hochzudrehen, sei „totaler Blödsinn“. Er ist nicht überrascht davon, dass angeblich auch Bundessieger des Vereins für Deutsche Schäferhunde ihre Tiere mithilfe von Elektroreizgeräten trainieren.

Genau das behauptet die Tierschutzorganisation Peta auf ihrer Internetseite. Dort ist ein mit versteckter Kamera gedrehter Film zu sehen, in dem Hundesportler – angeblich aus Ortsgruppen im Raum Köln – ihre Tiere mit Teletaktern trainieren. Zwar setzen sie nach Meinung von Experten auf dem Video keine Stromstöße ein, sondern Vibrationen. Dennoch hat das Video für einen Aufschrei des Entsetzens gesorgt. Vor allem, weil es sich bei den gefilmten Ausbildern zum Teil um erfolgreiche Mitglieder des Vereins für Deutsche Schäferhunde (SV) handelt, die an internationalen Wettkämpfen teilnehmen. Einschlägige Internet-Blogs sind voll mit Diskussionen, dass die Verantwortlichen im Verein nicht konsequent gegen diese Mitglieder vorgehen, sie gar schützen und fördern. Der Bundesverein mit Sitz in Augsburg weist die Vorwürfe zurück, ebenso wie die Polizeidirektion Ulm, die in ihrer Hundestaffel rund 20 Hunde hat und diese auf dem Übungsplatz der Ortsgruppe Jungingen ausbildet: „Nachdem die Geräte verboten sind, sind sie bei uns tabu“, sagte Polizeisprecher Wolfgang Jürgens.

Der SV weist die Mitglieder seiner 2200 Ortsgruppen in der jüngsten Ausgabe der Vereinszeitung erneut auf das Teletakter-Verbot hin: Es reiche nicht, Verbotsschilder am Übungsplatz aufzuhängen. Der Vorstand müsse aktiv gegen den Einsatz vorgehen. „Bei uns gibt es das alles nicht“, sagt auch Walter Zinner, Vorsitzender der Ortsgruppe Vöhringen. „Wir lassen niemanden mit so was auf den Platz.“ Das erklärt auch Manfred Drescher, Vorsitzender der Ortsgruppe Illertissen: „Wir bilden tierschutzgerecht aus.“ Drescher ist Leistungsrichter für Schutzhunde im Deutschen Schäferhundeverein, seit 30 Jahren sei der Hundesport sein Hobby. In den 90er Jahren habe man Teletakter noch benutzen dürfen, weiß Drescher. Damals sei so mancher Hund verängstigt mit hängenden Ohren in den Wettkampf getrottet. „Heute laufen die Hunde freudig neben ihrem Herrle her.“ Harmonie und Ausstrahlung werden inzwischen bei den Prüfungen ebenfalls bewertet, berichtet Drescher. Er erkenne sofort, ob ein Hund mithilfe des Teletakters ausgebildet wurde. „Die Geräte sind zu Recht verboten.“ Schwarze Schafe gebe es aber leider auch im Hundesport. Aber wegen diesen dürfe man nicht ein Hobby in Misskredit bringen, „das vielen Leuten viel Spaß bereitet“, findet Drescher.

Das will Oliver Baier auch nicht. Er will nur erreichen, dass die Schutzhund-Ausbildung ohne Qualen abläuft. „Und das geht.“ Vom Verein für Deutsche Schäferhunde ist er enttäuscht: „Die wollen das alles nicht hören und legen Kritikern dieser Ausbildungsmethoden nahe, aus dem Verein auszutreten.“ Als Grund für all das vermutet er zum einen ausgeprägtes Prestige-Denken. Zum anderen gehe es schlicht um Geld. Für manche Leute sei der Hund eben kein Gefährte, sondern ein Sportgerät.

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Kommentare

10.11.2013 18:17 Uhr

Hundetraining

Es ist mit Sorge zu lesen das Menschen gegen Gesetze verstoß en,Tiere quälen die für "ihr" Herrchen alles tun würden!! Gesetze müssen her die dazu führen das Trainer,Ausbilder und Besitzer die solche Methoden einsetzen,in Trainingsphasen sowie als Verantwortliche tolerieren mit Berufsverboten,Führungsverbot von Hunden belegen.Vereine auf essen Gelände Vereinsmitglieder " E Schocks" usw.. einsetzen muss mit dem Vereinsvermögen haften und die Linzens entzogen werden!! Erst dann wird sich was ändern!!Denn wär deutsches Recht bricht ist Charakterlich nicht in der 'Lage Schutzhunde zu führen.Also ihr lieben Mitbürger:Öfters mal spazieren gehn und Augen auf.Handy raus,filmen oder Foto und Polizei rufen oder anzeigen!!! Den die Tiere sind es wert das man sie schützt!!!!!

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08.11.2013 10:38 Uhr

Wenn so vieles verkehrt läuft,

und auch Beweise dafür vorhanden sind, warum unternimmt dann keiner was gegen die Damen und Herren? Oder haben Polizei und Hundevereine eine so große Macht um das zu verhindern?

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