Gut und Böse auf engstem Raum

Wie erstaunlich nahe sich Gutes und Böses räumlich und zeitlich kommen können, zeigt die neue Ausstellung "Pädagogik-Deportation-Literatur / Herrlingen 1912 - 1947". Eröffnung ist morgen im Rathaus Blaustein.

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"Es sind sechs Gebäude, die auf eindrückliche Weise von einer bewegten Ortsgeschichte erzählen - und darüber hinaus von der deutschen Geschichte von 1912 bis 1947." So fasst Karl Giebeler die Konzeption der Ausstellung zusammen, die morgen um 11 Uhr im Blausteiner Rathaus eröffnet wird. Giebeler ist Vorstandsvorsitzender des "Haus unterm Regenbogen - Verein eine Welt & Erinnerungsarbeit Herrlingen". Der Verein hat die Ausstellung auf die Beine gestellt und zu einem Viertel finanziert. Ein weiteres Viertel der rund 9000 Euro für die zwölf transportablen Ausstellungstafeln trägt die Gemeinde Blaustein, die andere Hälfte die baden-württembergische Landeszentrale für politische Bildung.

Die erwähnten sechs Gebäude stehen nicht weit entfernt voneinander im alten Villenviertel zwischen der Erwin-Rommel-Steige und der Oberherrlinger Straße. In fünf der Häuser ist reformpädagogische Pionierarbeit geleistet worden, von Claire Weimersheimer, Anna Essinger und Käthe Hamburg. Weimersheimer gründete 1912 ein Heim für schwer erziehbare Kinder (Karolinensteige Nr. 92), Essinger 1926 ein in drei Gebäuden angesiedeltes Landschulheim (heutige Erwin-Rommel-Steige 50 und 13 sowie Obere Hildenbrandstraße), und Hamburg 1927 ein weiteres Kinderheim (Karolinensteige 28).

Die drei Pädagoginnen zogen weitere jüdische Intellektuelle auf die Herrlinger Hügel: Hugo Rosenthal, der Essingers Werk 1933 übernahm und bis 1939 als jüdisches Landschulheim weiterführte, sowie den damals schon weltbekannten Religionsphilosophen Martin Buber, der auf Einladung seines ehemaligen Schülers Rosenthal im Landschulheim eine Fachtagung veranstaltete. Und zwar im Haus in der heutigen Rommel-Steige 13, an dem sich die wechselvolle Herrlinger Geschichte dieser Zeit besonders deutlich nachvollziehen lässt, sagt Giebeler: 1906 als "Haus Breitenfels" erbaut, ist es unter anderem von der Dichterin Gertrud Kantorowicz bewohnt und 1934 in "Martin-Buber-Haus" umbenannt worden. Der freiheitliche Geist wich aber schon bald der Düsternis. Denn das Haus wurde wie die anderen Landschulheimgebäude 1939 von Nazis als "Feindvermögen" beschlagnahmt. Ab 1943 diente Haus Nr. 13 dem Generalfeldmarschall Erwin Rommel und seiner Familie als Unterkunft.

Eine noch traurigere Wendung des Schicksals erfuhr das Haupthaus des Landschulheims, heute Erwin-Rommel-Steige 50. Bald wurde daraus ein jüdisches Altersheim, dann "ein verkapptes Sammellager, das eine möglichst unauffällige Deportation in die Konzentrationslager ermöglichte", sagt Giebeler. Ihn freut deshalb besonders, dass auch der "kulturelle Neubeginn nach der Schreckensherrschaft" mit der Ausstellung dokumentiert wird: Am Beispiel des ehemaligen Kinderheims Karolinensteige 34. Dort habe sich "die bedeutendste literarische Erneuerungsbewegung nach der Hitlerdiktatur" getroffen, die später weltberühmte "Gruppe 47".

Mit der Ausstellung "Pädagogik-Deportation-Literatur" kann nun einerseits dem Jubiläum "100 Jahre Reformpädagogik in Herrlingen" gedacht werden, findet Giebeler. Darauf könne der Ort mit Stolz zurückblicken. Und es werde zudem erstmals konzentriert dargestellt, wie viel Licht und Schatten sich dort auf so engem Raum in so kurzer Zeit geballt hat, geradezu "exemplarisch für die deutsche Geschichte ".

"Außerdem haben wir ebenfalls zum ersten Mal die Möglichkeit, dank der Präsentation auf transportfähigen Tafeln diese einzigartige Ortsgeschichte etwa auch in Schulen zeigen zu können." Die Ausstellung baue auf dem auf, was der frühere Regenbogenhaus-Vorsitzende Heinz Krus und der Herrlinger "Arbeitskreis Landschulheime" geleistet hätten. Auf dieser Grundlage sei sie um einige Bilder und Informationen erweitert worden.

Nun freut sich Giebeler darauf, die Tafeln endlich präsentieren zu können - und auf die Reaktionen und Diskussionen der Ausstellungsbesucher. Mit dabei ist morgen Hans Fichtner, der als Zeitzeuge das Herrlinger Kinder- und Landschulheim kennengelernt und Informationen beigesteuert hat. Für den Beitrag des Blausteiner Bürgermeisters zum Projekt ist Giebeler ebenfalls besonders dankbar. "Thomas Kayser hat immer geholfen und uns das Gefühl vermittelt, dass die Gemeinde dahintersteht."

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