Grundstein der Hüttisheimer Kirche wurde vor 100 Jahren gelegt

Warum haben die Hüttisheimer ihre Kirche nicht im Dorf gelassen? Vor 100 Jahren, als der Grundstein für die heutige Michaelskirche gelegt wurde, war es für einen Standortwechsel längst zu spät.

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Karl Neidlinger befasst sich mit der Ortsgeschichte von Hüttisheim.  Foto: 

Hoch über Hüttisheim thront die Michaelskirche. Zu dem imposanten Gebäudekomplex gehören Pfarrhaus (1804), Pfarrstadel (1849), alte Schule (1863) und eine massive Umfassungsmauer mit Ecktürmen. "Wieso haben die Hüttisheimer ihre Kirche nicht im Dorf gelassen?", lautete denn auch eine Frage, die Ortshistoriker Karl Neidlinger immer wieder gestellt wird.

Neidlinger kann nur Vermutungen anstellen. Der erste schriftliche Nachweis für eine Pfarrkirche in Hüttisheim stammt aus dem Jahr 1275. Wahrscheinlich aber habe es schon einige Jahrhunderte zuvor einen Kirchenbau gegeben. Die Anhöhe sei vielleicht ausgesucht worden, "um unseren dickköpfigen alemannischen Vorfahren" den Übergang zum Christentum zu erleichtern, meint Neidlinger. Missionare hätten nicht selten frühere Kultstätten zum Bau eines christlichen Gotteshauses genutzt. Vielleicht habe sich auf dem Hügel aber auch eine keltische Befestigung befunden.

Der Grundstein für die heutige Michaelskirche ist vor knapp 100 Jahren, am 26. April 1914, gelegt worden. Der Bau der nördlichen Wand war bereits im Gange, so dass schon im Juni das Richtfest gefeiert werden konnte. Im Juli wurde das Dach eingedeckt. Die Gipser schafften es allerdings nur noch, das Gerüst aufzustellen. Mit der Kriegserklärung am 1. August an Russland wurden die Arbeiten eingestellt. Sechs Jahre sollte es dauern, bis der später als "Bekennerbischof" wider den Nationalsozialismus bekannt gewordene Josef Baptista Sproll die Kirche einweihen konnte.

Den Kirchenbau hatte der legendäre Pfarrer Remigius Mösle, von 1908 bis 1948 in Hüttisheim, angestoßen. "Praktisch seit dem Tag seiner Einsetzung", habe der Pfarrer das Projekt Kirchenneubau verfolgt, sagt Neidlinger. Mit dem aus Altheim im Kreis Biberach stammenden Joseph Cades holte sich Mösle einen bekannten Kirchenbaumeister in den Ort. Cades baute in seiner Laufbahn etwa 40 Kirchen, die in Hüttisheim war wohl die letzte. Seine Spezialität war der Historismus, die Mischung der großen Stile. Die Michaelskirche charakterisierte er so: "Barockprojekt mit breitem Schiff und wenig ausladendem Querschiff, an die Wand stoßenden Pfeilern mit Durchgängen und flacher Rabitzwölbung."

War der überbordende Arbeitstitel bereits Hinweis auf die Dimension des Vorhabens? Schließlich sollte die neue Kirche etwa dreimal so groß werden wie ihr Vorgängerbau aus dem Jahr 1735. Neidlinger vermutet eher pragmatische Gründe für die Größe. In Deutschland war die Bevölkerung in den vorangegangenen Jahrzehnten um 60 Prozent gewachsen, von den damals 500 Hüttisheimern waren 148 Schüler. "Man dachte, das geht so weiter", sagt der Ortshistoriker. Folglich ließ Mösle für die Zukunft bauen. Das Geld war auch da, denn seit Jahren war für einen Kirchenbaufonds gespendet worden.

Der Turm von St. Michael stammt noch aus dem 15. Jahrhundert. Wann genau der 30 Meter hohe Turm mit stattlichem Grundriss gebaut wurde, ist jedoch ebenso unklar, wie die Frage der Bauherrschaft. Vielleicht waren es die Herren von Griesingen, die von 1435 an als "Stifter und Gutthäter" eine wesentliche Rolle in Pfarrei und Kirche spielen und dafür belohnt werden wollen: "Fürohin ewiglich" müssen "eine gesungene Virgil und ein gesungenes Seelamt und zwei gesprochene Messen" gehalten werden. Daran hält sich die Kirchengemeinde bis heute.

Im Turm der Michaelskirche verrichten drei uralte Glocken ihren Dienst. Die beiden jüngeren sind 500 Jahre alt, wurden 1514 von der Biberacher Gießerei Folmer und Kisling, damals eine der führenden in Süddeutschland, gegossen. Die kleinste der Hüttisheimer Glocken trägt zwar keine Inschrift, ist aber noch älter. Fachleute datieren den Guss - vermutlich durch wandernde Glockengießer - auf ein Jahr "um 1300". Damit sei sie eine der ältesten Glocken in Württemberg, sagt Neidlinger.

Gelegentlich gab es auch Pläne für eine Kirche im Dorf. Trat die Schmiehe, was früher wohl häufig vorkam, über die Ufer, war den Hüttisheimern der Weg zur Messe auf dem Hügel abgeschnitten. So ließ die Gemeinde im Jahr 1718 die Antoniuskapelle im Ort errichten - für ein geordnetes Seelenheil auch bei Hochwasser.

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