Gaffer: Getrieben von Sensationsgier und Wunsch nach Bestätigung

Jeder findet Gaffer schrecklich. Ohne Anstand. Ohne Respekt. Doch die Polizei muss sich immer öfter mit ihnen auseinandersetzen. Es wird zunehmend krasser.

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Schaulustige bei Unfällen gab es schon immer. Aber seit fast jeder ein Smartphone hat, werden die Opfer fotografiert oder gefilmt und in sozialen Medien gepostet.  Foto: 

Jeder findet Gaffer schrecklich. Ohne Anstand. Ohne Respekt. Erstaunlich ist aber, dass die Polizei immer öfter berichtet, dass mit Handys bewaffnete Gaffer an Unfallstellen vorbeifahren und ungeniert filmen. Meist wohl aus reiner Neugier (siehe Info-Kasten). Es geht auch krasser, wie am Wochenende im Landkreis Heidenheim: Auf der B 19 bei Mergelstetten war ein Motorradfahrer gestürzt und noch an der Unfallstelle gestorben. „Ein junger Mann im Alter von ca. 20 bis 25 Jahren filmte bereits vor Eintreffen des Rettungsdienstes mit seinem Handy unbeeindruckt die Unfallstelle und den Verletzten. Danach behinderte er auch die Rettungssanitäter und den Notarzt bei ihrer Arbeit“, berichtet das Polizeipräsidium Ulm.

Da es einen Videofilm einer Dash-Cam  gibt – einer im Auto montierten Kamera – ist die Polizei sicher, den Radfahrer bald zu ermitteln. Ähnliches hat sich vor zwei Wochen auf der A 8 zugetragen. Auch dort starb ein Motorradfahrer nach einem Unfall. Auch dort stieg ein Lastwagenfahrer, der im Stau stand, aus seinem Fahrzeug und filmte die Unfallstelle. Die Polizei wurde darauf aufmerksam und nahm ihm das Handy ab.

„Gefühlt kommt so was inzwischen öfter vor“, sagt Wolfgang Jürgens, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Ulm. Mit Zahlen belegen lasse sich das nicht. Auch früher habe es Schaulustige gegeben. Heutzutage aber seien überall und ständig Kameras verfügbar.  „Das macht es so prekär, dass die Bilder nicht nur im Gedächtnis der Schaulustigen, sondern irgendwo gespeichert sind. Oder schlimmstenfalls in den sozialen Medien landen“, sagt Jürgens. Auch auf bayerischer Seite kann die Polizei einen Anstieg von Gaffern nicht mit Zahlen belegen. „Aus dem Bauch raus würde ich sagen, es hat zugenommen“, sagt Jürgen Krautwald vom Polizeipräsidium Schwaben Süd/West.

Dass die Polizei keine Zahlen vorlegen kann, liegt auch daran, dass es schwer zu definieren ist, „was unter Gaffen fällt“, erklärt Krautwald. Das Handy-Verbot am Steuer sei ein Weg, Gaffern beizukommen. Doch deren Verstöße,  für die ein Bußgeld von 60 Euro und ein Punkt in Flensburg fällig sind, werden nicht gesondert aufgeführt.  Ein weiteres Problem sei, dass Rettungskräfte und Polizei in ihrer Arbeit behindert werden. Häufig seien Gaffer der Grund, warum keine Rettungsgasse frei gemacht wird.

Auch das Polizeipräsidium Ulm sieht genau hin, wer mit gezücktem Handy an einer Unfallstelle vorbeifährt und ahndet die Ordnungswidrigkeit rigoros. Aus den selben Gründen wie ihre Kollegen auf bayerischer Seite.  „Wir wollen damit auch klarstellen, dass sich das nicht gehört“, erklärt Wolfgang Jürgens.

Bei dem Lkw-Fahrer, der auf der A 8 den sterbenden Motorradfahrer gefilmt hat, sieht es anders aus. Gegen ihn wegen unterlassener Hilfeleistung ermittelt: anstatt zu filmen, wäre es seine Pflicht gewesen zu helfen. Die juristischen Feinheiten muten etwas befremdlich an. Denn der Handy-Filmer kann für unterlassene Hilfeleistung nur dann belangt werden, wenn der Motorradfahrer zum Zeitpunkt des Filmens noch gelebt hat.

In Paragraf 201a des Strafgesetzbuchs steht unter anderem, dass wer „eine Bildaufnahme, die die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt, unbefugt herstellt oder überträgt und dadurch den höchstpersönlichen Lebensbereich der abgebildeten Person verletzt“ mit einer Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder einer Geldstrafe bestraft wird. Die Ermittlungen der Polizei gegen den Lastwagenfahrer laufen, anschließend entscheidet die Staatsanwaltschaft Memmingen anhand der Ergebnisse, ob sie beispielsweise Anklage gegen den 50-Jährigen erhebt.

Für den Radfahrer, der am Wochenende im Kreis Heidenheim gefilmt hat, könnte neben den beiden oben genannten strafrechtlich relevanten Punkten eine weitere, neue Strafvorschrift angewendet werden: „Behinderung von hilfeleistenden Personen“ . Es droht bis zu einem Jahr Haft.

Kommentar zur Diskussion um Gaffer: Hinlaufen, um zu helfen

Eigentlich ist es ganz einfach: Jeder Mensch sollte sich fragen, ob er selbst als Verletzter gefilmt oder fotografiert werden möchte. Ob es ihm nach einem Unfall nicht wichtig wäre, dass Notarzt und Sanitäter Zeit und Platz haben, sich um das verletzte Kind, den schwerverletzten Partner zu kümmern. Statt sich den Weg durch Gaffer zu bahnen. Würde sich jeder diese Fragen beantworten, gäbe es solche Auswüchse wie am Sonntag wohl nicht: Ein Radfahrer hat einen sterbenden Motorradfahrer nicht nur gefilmt, sondern auch noch die Rettungskräfte bei ihrer Arbeit behindert.

Wobei man in der Diskussion ehrlich bleiben muss. Denn taucht irgendwo ein Rettungswagen mit Blaulicht auf, wird fast jeder den Kopf recken, um zu sehen, was passiert ist. „Neugier ist etwas zutiefst Menschliches“, sagt der Polizeipsychologe Adolf Gallwitz. Allerdings gibt es erhebliche Unterschiede, diese Neugier zu befriedigen. Hinlaufen und schauen, ist das eine. Schließlich könnte Hilfe von Nöten sein, unterlassene Hilfeleistung ist eine Straftat. Eine ganz andere Sache aber ist es, im Weg zu stehen, dabei das Handy zu zücken, um das ganze Unglück zu filmen. Um die eigene Sensationsgier zu befriedigen. Oder gar, um sich mit solchen Bildern in sozialen Netzwerken zu profilieren. Letztlich mangelt es Gaffern an Anstand und Respekt. Beides würde jeder von ihnen für sich selbst einfordern.
Eigentlich ganz einfach.

Ein Kommentar von Helga Mäckle.

Motive „Neugier, inklusive Ekel-Gier, sind etwas zutiefst Menschliches“, sagt der Polizeipsychologe Professor Adolf Gallwitz. Darin liege das Hauptmotiv von Gaffern. „Verbunden mit der Angst, dass mir selbst so etwas auch passieren könnte.“ Allerdings gelte es, verschiedene Typen von Gaffern zu unterscheiden. Vor allem seit Smartphones allgegenwärtig seien, treten verstärkt Menschen als Gaffer auf, denen soziale Medien sehr wichtig sind. „Je schrecklicher die Bilder, die ich poste, desto exklusiver, desto mehr Follower habe ich“, erklärt Gallwitz. Solche Menschen folgten der Logik, dass sie die erhoffte Bestätigung und Bewunderung nur für das Besondere bekomme. Selbst wenn das schreckliche Unfallbilder sind. Daneben gibt es auch noch die „störenden Schaulustigen“ und die „Non-helping Bystanders“, also diejenigen, die einfach dastehen und nichts tun. Auch Sensationsgier sei ein wichtiger Punkt für Gaffer, erklärt der Polizeipsychologe. Und diese werde durchaus über das Allgemeinwohl gestellt. Solche Menschen seien der Meinung, es stehe ihnen zu, bei einem Unfall in der ersten Reihe zu stehen. „Sie gehen von einer Art Rechtsanspruch aus, nach dem Motto ,Mir hat niemand was zu sagen’“, sagt Gallwitz. Auch die Einsatzkräfte nicht. Und letztlich mangele es vielen Gaffern an Einfühlungsvermögen und Empathie. „Sie selbst wollten ja auch nicht gefilmt werden, wenn sie schwerverletzt und halb ausgezogen am Boden liegen.“

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Kommentare

20.09.2017 08:46 Uhr

Danach behinderte er auch die Rettungssanitäter und den Notarzt bei ihrer Arbeit“,

Und niemand traut sich ... ?

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