Gesetze für Schulkinder anno 1813

Immer mehr Pädagogen fordern mehr Grenzen für Schüler. Disziplin scheint kein Tabuwort mehr zu sein. Vor 200 Jahren war dies selbstverständlich, wie ein Dokument aus Balzheims Gemeindearchiv zeigt.

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In den Schulklassen herrschte früher noch viel Disziplin. Diese Pädagogik scheint heute eine Renaissance zu erfahren.

Das Buch "Lob der Disziplin" von Bernhard Buebs, dem ehemaligen Schulleiter von Salem, ist ein Bestseller geworden. Auf dem besten Weg zu einem ebeson großen Erfolg ist Josef Kraus, Präsident des Lehrerverbands, mit seiner Schrift über die "Helikopter-Eltern". Das Ende der so genannten Kuschelpädagogik scheint eingeläutet. Kommt die Renaissance der autoritären Erziehung?

Für die ältere Generation war die autoritäre Erziehung noch eine Selbstverständlichkeit, viele erinnern sich an Ohrfeigen oder "Tatzen" der Lehrer. Vieles hat sich inzwischen verändert in der Schule, vor allem auf dem Land. Noch vor 50 Jahren standen Lehrerinnen und Lehrer vor 40, 50 oder mehr Schülern und unterrichteten mehrere Klassen gleichzeitig. Ohne Disziplinierung der Schüler wäre dies wohl nicht möglich gewesen - schon gar nicht vor rund200 Jahren, als die Lehrer zum Teil angelernt wurden und noch ein ärmliches Dasein fristeten.

Matthäus Unterweger, der damalige "Schulmeister" von Oberbalzheim, war ein gelernter "Blättersetzer" (Küfer) und erhielt seine Lehrerausbildung vom Balzheimer Pfarrer Miller. Schulschwänzen war an der Tagesordnung, aber nicht etwa, weil die Schüler keine Lust auf Unterricht gehabt hätten, sondern weil sie als Arbeitskräfte in der Landwirtschaft gebraucht wurden. Schulgeld mussten die meist armen Eltern auch noch berappen, mit der Folge, dass sie oft die Mädchen nicht zur Schule gehen ließen. Daher finden sich oft noch drei Kreuze als Unterschrift der Ehefrau auf Urkunden bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts.

Allerdings gab es vor 200 Jahren schon eine Schulordnung, nunmehr ausgestellt von der kirchlichen Schulaufsicht Balzheims, dem evangelischen Dekan Volz in Biberach. Diese mussten die Schulmeister Ranz in Unterbalzheim und Unterweger in Oberbalzheim abschreiben und ihren Schülern vortragen. Die entsprechende Abschrift von 1813 befindet sich heute im Balzheimer Gemeindearchiv. "Ohne Ordnung kann in der Welt nichts bestehen, also auch keine Schule", beginnt das 200 Jahre alte Schulgesetz, dessen erster Paragraf die Schüler zu Pünktlichkeit anmahnt ("mit dem Glockenschlage").

Ordentlich sollten sie in der Schule erscheinen, die Knaben und Mädchen: "Keines darf anders als gewaschen, gekämmt und wenigstens reinlich gekleidet" kommen. In Paragraf vier geht es um die Vollständigkeit und Reinlichkeit der Schulmaterialien. An oberster Stelle steht die Disziplin: "Vor allem ist Ruhe und Stille in der Schule nöthig. Es kann hier durchaus kein Lärm, kein Getöse, kein Zischen, kein Hin- und Herlaufen, überhaupt keine Unruhe geduldet werden, weil Kinder sonst sich und Andere am Benutzen des Unterrichts hindern." (Paragraf fünf) Nicht nur in der Schule war Disziplin angesagt, wie Paragraf sechs klarmacht: "Ebenso still und anständig müssen die Kinder in die Schule und aus derselben gehen, wenn sie nicht sich und ihrem Lehrer Schande machen wollen."

Respekt vor dem Lehrer war selbstverständlich: "Dem Lehrer müssen die Kinder mit der größten Achtung begegnen, ihm auf jeden Wink folgen und während des Unterrichts an nichts anderes denken, nichts anderes sehen und hören." (Paragraf 7) Die von den Schülern eingeforderte Disziplin galt auch in der Kirche und überhaupt in der Öffentlichkeit. Das Schulgesetz schloss mit der Anweisung, dass sich die "Schulkinder sich ausser der Schule brav und sittsam aufführen (müssen), gegen jedermann, besonders gegen Vorgesezte und ältere Personen höflich, ehrerbietig und dienstfertig seyen und sich überall so betragen, daß sie die Ehre und Freude ihrer Lehrer sind."

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