Gänsegeier Gypsi macht Station im Donauried bei Langenau

Er lockt seit einigen Tagen Ornithologen von Nah und Fern ins Ried: In der Nähe von Rammingen wurde ein seltener Besucher gesichtet.

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Am Weg stehen etliche Ornithologen und richten ihre Ferngläser Richtung Wiese. Sogar mit bloßem Auge ist der etwa 100 Meter entfernte Gänsegeier zu erkennen. Kein Wunder. Der „Gyps fulvus“ gehört zu den größten Vögeln Europas. Im schwäbischen Donauried allerdings ist er ein ungewöhnlicher Anblick. Seit ein paar Tagen hält sich der Vogel in der Gegend auf. Weil er einen Sender trägt, wissen die Vogelfreunde Bescheid: Es ist „Gypsi“, der im Sommer 2016  von den Rotorblättern einer Windkraftanlage in Thüringen erwischt worden war.

Die Folgen: Verletzte Schwungfedern und damit Flugunfähigkeit. Der fast verhungerte Vogel wurde rechtzeitig gefunden und ein Jahr lang in der Falknerei am Rennsteig gepflegt, bis die Federn nachgewachsen waren. Anfang September war es so weit: Gypsi wurde im Donautal bei Beuron in die Freiheit entlassen, nachdem er mit einem GPS-Sender ausgestattet worden war. Der liefert Geierschützern und Wissenschaftlern Daten über den Zug und Aufenthalt des Vogels. Daher wissen sie, dass er zunächst bis Tuttlingen geflogen und dann nach Süden abgebogen ist.

Sein Flug führte ihn über Zürich in die Schweizer Alpen bis zum Mont Blanc und zum Matterhorn. Von dort ist er nun – für die Ornithologen überraschend – auf einer etwas weiter östlich gelegenen Route in den Norden zurückgekehrt. Es komme laufend vor, dass Geier aus Südeuropa „auf ihren natürlichen Wanderwegen nach Deutschland einfliegen“, erklärt Dieter Haas aus Albstadt. Er ist Vorstandsmitglied der Geierschutz-Initiative GESI, die bei Beuron eine Station unterhält und sich um die von den Naturschutzgesetzen geforderte Absicherung der Vögel kümmert.

So seien an einem Freitagabend 29 Geier im Donautal gesehen worden, die dort in einer Felswand übernachtet hätten. Ein spektakulärer Anblick, der sich allerdings selten biete. Denn die Vögel seien äußerst vorsichtig und ließen sich so gut wie nie sehen. Das Obere Donautal und die Schwäbische Alb mit ihren Felsen und Schluchten könnten den Geiern geeigneten Lebensraum bieten, immerhin waren sie bis zum ausgehenden Mittelalter in diesen Gegenden sehr verbreitet.

Seit etwa 150 Jahren sind sie dort so gut wie ausgerottet. Aber auch international zählen sie laut Haas zu den am meisten gefährdeten Vogelarten. Allerdings hätten Spanien und Frankreich aktive Schutzmaßnahmen ergriffen: An abseits gelegenen, aber für die Vögel gut sichtbaren Stellen wird Aas ausgelegt, und die Population nimmt wieder zu. Das ist einer der Gründe, dass wieder mehr Vögel Richtung Norden ziehen. Doch hier „landen sie oft  im Aus“, wie Haas sagt. Denn in Deutschland finden die Aasfresser schlicht keine Nahrung: Tote Tiere auf der Weide werden sofort aus den Herden ausgesondert. Was im Straßenverkehr verendet, wird umgehend entsorgt statt es dem Naturhaushalt zu überlassen. So werde den Geiern die Nahrung „vor der Nase weggezogen“.

Wer die Biodiversität fördern wolle, müsse jedoch auch die Bedürfnisse der zahlreichen Aasvertilger berücksichtigen, betont Haas. Er verweist in diesem Zusammenhang auf die Verpflichtung zum Schutz von wandernden Tierarten. Haas hält es für richtig, dass die Ornithologen am Wochenende über den Aufenthalt von Gypsi informiert worden waren. Jäger aus der Gegend brachten Futter, und den „Ornitho-Tourismus haben wir im Griff“.

Unbedingt sollten auch Spaziergänger den Vogel in Ruhe lassen und diesen nur aus der Ferne beobachten. Haas hofft, dass „Gypsi“ nun so weit zu Kräften gekommen ist, dass er weiterziehen kann – und nur der Geier weiß wohin.

Altweltgeier Gypsi hat es allein ins Donauried verschlagen. Aber eigentlich sind Gänsegeier sehr gesellig und brüten meist in Kolonien, die mehr als 100 Brutpaare umfassen können. So berichtet es Wikipedia. Der Gänsegeier zählt zu den großen Altweltgeiern. Die Körperlänge beträgt bis 110 Zentimeter, die Spannweite bis 269 Zentimeter. Die Tiere wiegen gut 6 bis 11 Kilogramm. Gänsegeier sind in Trockengebieten Südeuropas, Nordafrikas, Vorder- und Zentralasiens bis zur Mongolei sowie in Nordindien und Bangladesch verbreitet. Die Nahrung besteht ausschließlich aus frischem oder bereits verwesendem Aas.

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