Frust statt Aufbruch

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Claudia Grau schließt ihr Schreibwaren- und Bastelgeschäft in der Erlenbachstraße zum Jahresende. Die Räume wird die angegliederte Druckerei Grau nutzen.  Foto: 

Mir blutet das Herz“, sagt Claudia Grau, die seit 20 Jahren mit Freude ihr Schreibwaren- und Bastelgeschäft in der Erbacher Erlenbachstraße führt. Zum Jahresende wird sie den Laden, in dem sie zwei Teilzeitkräfte beschäftigt, schließen. „Er hat sich nicht mehr rentiert“, erklärt sie mit Wehmut. Denn das Geschäft gibt es schon seit 1904. Anfangs als Kolonialwarenladen, den die Urgroßmutter ihres Mannes Michael Grau betrieb. Nun hat ein attraktives Job-Angebot ihre Entscheidung erleichtert.

Die angeschlossene Druckerei ihres Mannes wird die Geschäftsräume künftig nutzen. Mit ihrem Sohn steht schon die fünfte Generation in den Startlöchern.

„Ich habe in einer 1b-Lage angefangen, inzwischen ist das hier vielleicht eine 3c-Lage“, sagt die Geschäftsfrau. Seit mehr als fünf Jahren sei die Innenstadtoffensive in Erbach ein Thema. Doch es habe sich „überhaupt nichts Konkretes verändert“, nimmt sie die Stadt in die Pflicht. „Wenn es soweit ist, sind wir alle in Rente.“ Immer mehr Geschäfte schließen, so wie unlängst das Blumengeschäft Stöferle in der Erlenbachstraße. Das Eiscafé Petrini macht Ende Oktober zu. Die Stadt wird das Gebäude abreißen. Einen passenden Ersatz habe er nicht gefunden, erklärt Betreiber Rodriguez Petrini. Die Stadtmitte sei nicht gerade lebendig. Für ihn lohne es sich wohl nicht, in ein neues Eiscafé zu investieren. „Wir haben nicht einmal mehr einen Metzger“, sagt Michael Grau, „ein Armutszeugnis“. Claudia Grau hat gar den Eindruck, dass die Verwaltung den Einzelhandel im Zentrum aufgegeben hat.

Umdenken muss stattfinden

Händler-Aktionen wie das Night-Shopping, kostenloses Theater auf dem Marktplatz, Public Viewing oder verkaufsoffener Sonntag sind Geschichte. „Wir sind nur noch so wenig Dienstleister, dass sich das nicht mehr lohnt.“ Ohne Einzelhandel sei „die Stadtmitte tot“, meint die 52-Jährige. Eine Rolle spiele natürlich das Einkaufsverhalten, es sei ja bekannt, dass Waren zunehmend im Internet bestellt werden. „Da muss ein Umdenken stattfinden.“ Den Menschen müsse klar sein, dass es Einzelhändler sind, die ihre Vereine unterstützen, für Tombolas spenden, in Schulzeitungen Werbung schalten ...

„Dass das Schreibwarengeschäft schließt, ist ein herber Verlust“, bedauert Thomas Knöpfle, der Vorsitzende des Handwerker- und Gewerbevereins. Inzwischen gebe es in der Erlenbachstraße nur noch ein paar Einzelhändler – ein schleichender Prozess. Knöpfle sieht die Ursache in „der Politik der vergangenen Jahre, die Ergebnisse werden jetzt sichtbar.“ Die Entwicklung sei absehbar gewesen, als der Gemeinderat 2010 einem Fachmarktzentrum in der Heinrich-Hammer-Straße zustimmte und 2013 einem Umzug der Drogeriemarkt-Kette Müller vom Marktplatz dorthin. „Das Fachmarktzentrum sei eine „Wahnsinnskonkurrenz“ mit optimaler Infrastruktur, finanziert aus Steuermitteln. In der Innenstadt dagegen sei nichts vorangebracht worden.

„In das Geschäftsleben wurde massiv politisch eingegriffen“, meint dazu Elmar Braig, mit seinem Schuhgeschäft einer der wenigen verbliebenen Einzelhändler ums Rathaus. „Es ist eine ganz traurige Entwicklung in Erbach“, sagt er. Dabei funktioniere sein Geschäft ja, „nur nicht mehr mit der Frequenz wie früher“. Deshalb setzt er etwa auf eine Handelsagentur. „Dass es einen Strukturwandel gibt, haben wir Einzelhändler schon lange gecheckt.“ Deshalb müsse man ja nicht den Kopf in den Sand stecken. Es werde ja wohl möglich sein, in einer Stadt mit mehr als 13 000 Einwohnern ums Rathaus herum einige Einzelhändler am Leben zu halten – „mit gemeinsamen politischen Kräften“.  Schließlich sei die Stadt eine der finanzstärksten im Alb-Donau-Kreis. Braig vermisst den Schwung aus der Stadtverwaltung, gute Ideen, mit Liebe zum Detail, um etwa den Wochenmarkt zu beleben oder für gute Stimmung zu sorgen. So hätte etwa auf die Abbruchparty am Rampf-Areal eine „Aufbruchparty“ folgen können. Ihm scheint es, als warte die Stadt nun einzig auf Investoren.

Constantin von Ulm-Erbach, der Bürgermeister Achim Gaus während dessen Urlaubs vertritt, führt den „Verdrängungswettbewerb“ an: Einzelhändler gegen Fachmarktzentren, und diese gegen Internethandel. Seine Fraktion, die CDU, sei  bei der Abstimmung 2010 im Gemeinderat gegen das Fachmarktzentrum gewesen. Das Beispiel Biberach zeige, dass es möglich sei, eine belebte Mitte zu gestalten. „Die Stadtverwaltung kann in den Markt nicht eingreifen, aber Rahmenbedingungen schaffen“, sagt er. So gebe es in Biberach keine großen Fachmarktzentren vor der Haustüre. Andererseits sei es nicht gesagt, dass Erbach ohne Fachmarktzentrum besser dran wäre. „Dadurch kommt Kaufkraft in die Stadt.“

Von der Schließung des Schreibwarengeschäfts Grau sei er „erschüttert“. Es sei ein Signal, wenn ein so gut strukturiertes Geschäft aufgibt. Die Stadt bemühe sich um eine Neugestaltung des Zentrums, doch sie stoße auf Hindernisse. So sei ein „Stadtgarten“ im Bereich Bachmühle geplant, doch die Eigentümer geben das Areal nicht her. Der Wunsch, eine Metzgerei zu bekommen, scheitere am mangelnden Fachpersonal. Die Neubebauung des Rampf-Areals, das die Stadt gekauft hat, verzögere sich, weil der Baugrund deutlich schlechter sei als erwartet, sagt von Ulm-Erbach. Zumal die Stadt auch das benachbarte Haus gekauft hat, in dem das Eiscafé Petrini untergebracht ist. Dieses werde Anfang 2018 abgerissen, wodurch das Rampf-Areal noch erweitert werden kann. „Dann gibt es nur eine Baustelle aus einem Guss.“ Bis der Neubau mit Wohnungen und Laden steht, dauere es wohl zwei Jahre.

Im Oktober wird Claudia Grau für Stadtrat Ulrich Eberle (FWV) in den Gemeinderat nachrücken. Dann kann sie weiter für die Erlenbachstraße kämpfen. „Ich werde nicht aufgeben und meine Kollegen unterstützen.“

Fachmarktzentrum 2010 stimmte der Erbacher Gemeinderat dem Bebauungsplan für ein Fachmarktzentrum an der Heinrich-Hammer-Straße zu, auf einem 4,2 Hektar großen Areal beim ehemaligen Handelshof und der ehemaligen Skifabrik „Erbacher“. Im Bebauungsplan wurde festgelegt, welche Sortimente im ErlenbachCenter angeboten werden können – und welche der Innenstadt vorbehalten bleiben sollen. Der erste Bauabschnitt des Erlenbach-Centers wurde 2011 eröffnet.  Drogeriemarkt Müller mit Geschäft am Marktplatz war Investor. 2012 kündigte Müller an, die Filiale zu schließen und sich aus Erbach zurückzuziehen. Es sei denn, er könne den zweiten Bauabschnitt des Erlenbach-Centers beziehen. Der Gemeinderat debattierte, stritt und stimmte zu. 2013 eröffnete das Erlenbach-Center II.

Innenstadtoffensive 2012 beauftragte Erbach die Imakomm GmbH in Aalen, ein Einzelhandelskonzept zu erarbeiten, um die Innenstadt aufzuwerten. Tenor der Studie: Einzelhändler im Zentrum tun sich schwer, die Stadt solle auf Wohnungsbau, Begrünung und Gastronomie setzen. Das Einzelhandelskonzept wurde 2013 vom Gemeinderat  verabschiedet, ein  städtebaulicher Wettbewerb ausgerufen. Nun geht es um die Umsetzung der Ideen, etwa auf dem früheren Rampf-Areal, das die Stadt erworben hat.

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Kommentare

11.09.2017 18:41 Uhr

Neugestaltung und Wirkung

Überlegungen zur Neugestaltung sollen so oft helfen. Da wird Geld in Umbauten gepumpt, die alles schöner und neuer und hauptsächlich anders als vorher machen sollen. Lockt das Kunden an? Vielmehr wird das Gebäude teurer - und damit auch die Preise des Einzelhandels. Baustellen und gestrichene Parkplätze tragen weiter ihren Teil dazu bei dass zwar alles hübsch ist, aber zum einkaufen uninteressant wird.
Das alles will niemand hören und sehen. Wäre aber vielleicht entscheidender als man denkt.

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