Familienkarte Bermaringen: Das Dorf der Apolonias

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Drei Töchtern hat Anna Jacob den Namen Apolonia gegeben. Die ersten beiden starben im Alter von elf beziehungsweise zehn Tagen. Die dritte Apolonia, geboren am 3. März 1607, wurde erwachsen und heiratete mit 21 Jahren. Ihre Mutter hat das nicht mehr miterlebt: Sie starb kurz nach Apolonias Geburt im Kindbett. Anna Jacob wurde nur 42 Jahre alt, Apolonia war ihr elftes Kind. Eckdaten eines Lebens vor rund 400 Jahren auf der Schwäbischen Alb. Zu finden sind sie mit hunderten weiteren in der „Familienkartei Bermaringen und Treffensbuch 1569-1800“ – einer Sammlung von Familienblättern, die der in Bermaringen geborene Heimatforscher und Lehrer Hans Dreher hinterlassen hat. Dr. Otto-Günter Lonhard hat sie in einem Band zusammengefasst.

„Wer in seiner Familiengeschichte forschte und dabei nicht mehr weiter wußte, der wurde im Rathaus in Blaubeuren an Hans Dreher verwiesen.“ So stand es am 22. August 1984 im Nachruf dieser Zeitung auf den im Alter von 79 Jahren verstorbenen Hans Dreher, der in Gerhausen Konrektor war. Bei historischen Forschungen in Blaubeuren hat auch Otto-Günter Lonhard seinen „väterlichen Freund“ kennengelernt: Dreher war damals Archivverwalter in Blaubeuren, Lonhard schrieb an seiner Doktorarbeit über das Kloster Blaubeuren.

Etwa ein Jahr hat Lonhard nun daran gearbeitet, für Hans Dreher ein „offizielleres Andenken“ zusammenzufassen. 405 Seiten hat der 84-Jährige in seiner Hommage an Dreher geschrieben, ist von seinem Wohnort Pforzheim ins Landeskirchliche Archiv nach Stuttgart gefahren, um selbst in die Kirchenbücher aus Bermaringen zu schauen. „Ich habe da auch einiges geklärt, was er nicht klären konnte“, erzählt Lonhard über seine Nachforschungen. „Die Arbeit von Hans Dreher war aber viel größer.“ Dreher hatte die Daten aus den Kirchenbüchern Bermaringens zusammengestellt: Aus chronologischen Einträgen führte er die Familien zusammen und legte Familienblätter an. Da Treffensbuch zwar zum Amt Blaubeuren gehörte, aber zur Pfarrei Bermaringen, erfasste Dreher auch diese Daten.

50 Exemplare der Familienkartei hat Lonhard im Selbstverlag drucken lassen, die meisten haben schon Abnehmer gefunden, nachdem Lonhard das Erscheinen über eine Mailingliste für Genealogen bekannt gegeben hatte. Sogar ein Familienforscher aus Wien habe sich nach der Veröffentlichung gemeldet. Beim Blättern in der Familienkartei fällt auf, dass Anna Jacob mit ihrer Vorliebe für den Namen Apolonia nicht allein war. Auch das Schicksal der toten Säuglinge war beileibe kein Einzelfall. „Mir ist in Bermaringen aufgefallen, dass viele Kinder gestorben sind“, sagt Lonhard: „Da hätte man fast heulen können.“

Vertieft in die Daten bekomme man schon eine genaue Vorstellung der Lebensumstände, sagt der Heimatforscher, der hauptberuflich Jurist und von 1991 bis 1998 Präsident des Rechnungshofs Baden-Württemberg war. Dank seiner rund 60-jährigen Erfahrung habe er es geschafft, die eine oder andere Lücke in den Daten Drehers zu schließen – beispielsweise fehlten viele die Daten aus dem Dreißigjährigen Krieg, da Seiten verloren gingen und mancher Bermaringer nicht heimkehrte.

Die Daten werden detaillierter

Um 1800 löste in Bermaringen ein Familienregister die Kirchenbücher ab. Darin sind auf einem Familienblatt immer drei Generationen erfasst: „Da muss man diese Arbeit gar nicht mehr machen“, sagt Lonhard und meint das Übertragen und Zusammenfassen der Einträge aus den Kirchenbüchern. Die letzten Einträge haben noch eine aufschlussreiche Neuerung: In Klammern werden hinter den Todestagen die Ursachen eingetragen. Hier erfährt man, dass Kinder beispielsweise an „Bräune“ oder „Blattern“ sterben, also an Diptherie oder Pocken. Aber auch, dass die Chancen auf das Überleben größer werden: Den Geburtseintrag eines Jungen namens Jacob vom 14. Januar 1762 ergänzt in Klammern der Hinweis „durch Operation“.

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