Fässer mit hochgiftigen Substanzen bleiben vorerst verschlossen

Der 67-jährige Bernstadter Chemiker kann seine beschlagnahmten Chemikalien zurückerhalten – sofern er nachweist, dass er sie ordnungsgemäß lagern kann. Am Montag wollte er seinen Besitz sichten.

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  • Rund ein halbes Jahr nach der Beschlagnahmung sind die Chemikalien aus Bernstadt zwischenzeitlich in Fässer verpackt – der Besitzer kam am Montag an den Lagerort und wollte den Inhalt sichten. 1/2
    Rund ein halbes Jahr nach der Beschlagnahmung sind die Chemikalien aus Bernstadt zwischenzeitlich in Fässer verpackt – der Besitzer kam am Montag an den Lagerort und wollte den Inhalt sichten. Foto: 
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    Rund ein halbes Jahr nach der Beschlagnahmung sind die Chemikalien aus Bernstadt zwischenzeitlich in Fässer verpackt – der Besitzer kam am Montag an den Lagerort und wollte den Inhalt sichten. Foto: 
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„Alles, was ein analytisches Labor braucht“ hatte ein 67-jähriger Diplom-Chemiker eigenen Worten nach in seinem ehemaligen Haus in der Bernstadter Ortsmitte gelagert. „Sachgerecht“, wie der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, versichert: „Ich kenne meine Verantwortung.“ Die richtige Lagerung und Verpackung sämtlicher Stoffe seien ihm stets wichtig gewesen.

Entsprechend wenig Verständnis hat er daher für das Großaufgebot von Polizei, Feuerwehr und Rettungskräften, das im vergangenen September sein Labor räumte und eine große Menge teils hochgiftiger, ätzender und radioaktiver Stoffe und Gemische beschlagnahmte. Sie wurden zur sicheren Verwahrung an eine Firma aus Neu-Ulm übergeben, die auf die Entsorgung und Behandlung von Sondermüll aus Industrie und Gewerbe spezialisiert ist. „Raub“ nennt der Chemiker, was die Ortspolizeibehörde der Gemeinde Bernstadt ihm angetan habe: „Es gab keine Begründung dafür.“

Bilder aus seinem Labor vor der Räumung, die unserer Zeitung vorliegen, sprechen allerdings eine andere Sprache: Sie zeigen eine Vielzahl verstaubter Plastikeimer, Dosen, Flaschen und Gasflaschen in Styroporboxen, Plastikwannen, Kochtöpfen, Pappschachteln und Obstkisten. Sie stehen oder liegen teilweise unbeschriftet, teilweise mit verblichenen Etiketten und anscheinend unsortiert auf dem Boden und auf Tischen, andere stapeln sich in einem Regal, das von Flecken angetrockneter Flüssigkeit übersät ist. Eine simple Holztüre sicherte sie vor unbefugtem Zugriff.

Rund ein halbes Jahr nach dem Einsatz könnte der Chemiker seinen zwischenzeitlich sicher in Fässer verpackten Besitz zurückerhalten – sofern er zum einen die bislang fehlende genaue Auflistung seines Chemikalienbestands vorlegt und zum anderen den Nachweis erbringt, „dass die Stoffe und Gemische in eine ordnungsgemäße Lagerung überführt werden“, wie es in einem Schreiben des Landratsamts Alb-Donau vom 16. März heißt.

Dokumente, die der Mann bislang offenbar schuldig bleibt: „Wir haben bis heute keine Freigabe von Seiten des Landratsamts erhalten“, berichtet Bürgermeister Oliver Sühring. Derzeit wisse niemand, was genau in den Fässern lagere; entsprechend blieben sie bis auf Weiteres unter Verschluss.

Ihren Besitzer hielt dieser Umstand allerdings nicht davon ab, am Montagmorgen an dem neuen Lagerort in Bernstadt zu erscheinen, der aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich gemacht wird. Er wolle sehen, in welchem Zustand seine Chemikalien seien, erläuterte der 67-Jährige. Der gesamte Bestand sei ins Ausland verkauft und werde von dem Kunden dringend erwartet. Bevor er ihn jedoch ausliefern könne, müsse er alle rund 1000 Stoffe und Gemische sichten, ihre Verpackung auf Schäden überprüfen und feststellen, was wie gelagert wurde. Erst dann könne er es verantworten, sie an Dritte weiterzugeben.

Der Betriebsleiter der Einrichtung in Bernstadt, die die Chemikalien derzeit lagert, lässt seinen Gast bei dieser Arbeit nicht aus den Augen. „Nach einem halben Jahr ist das alles sehr heikel“, sagt der Chemiker. Niemand könne sagen, ob durch Transport und Lagerung Behältnisse beschädigt worden seien oder ob sich Gase gebildet hätten. Auch sei „völlig unklar“, ob die Chemikalien nach ihrer Beschlagnahmung fachgerecht verpackt wurden. „Das sind Überraschungseier der übelsten Art.“ Entsprechend sorgfältig geht ihr Besitzer ans Werk. Akribisch protokolliert er, was er vorfindet: 29 kleine Fässer von etwa 40 Litern, ein mittleres Fass von etwa 60 Litern sowie ein großes Fass von etwa 120 Litern, allesamt auf Paletten verpackt und mit verschiedenen Gefahrzeichen gekennzeichnet: leicht- oder hochentzündlich, giftig oder tödlich, ätzend, umweltgefährdend. Zusätzlich sind auf den Behältnissen sogenannte UN-Nummern vermerkt, die Feuerwehren und anderen Behörden im Einsatzfall wichtige Informationen zur schnellen Erfassung des Gefährdungspotentials der betreffenden Stoffe liefern und bei der Einleitung der richtigen Maßnahmen helfen sollen.

Für den Diplom-Chemiker ist die Art der Lagerung trotzdem nicht akzeptabel. „Chemikalien gehören in Räume mit Entlüftung, nicht in geschlossene Fässer“, sagt er kopfschüttelnd. „Das ist nicht sachgerecht.“ Und er überlegt: „Wenn es hier brennt . . .“ In den Fässern seien rund 50 „hochgradige Gifte“ in Kleinmengen von 20, 50 und 100 Milligramm, die zwingend „gegen Brand und andere Chemikalien“ geschützt sein müssten und ausschließlich mit den dazugehörigen Sicherheitsdaten- und Merkblättern gelagert werden dürften. Außerdem verschiedene Hilfschemikalien wie Säuren, Laugen und Lösungsmittel, die teilweise ebenfalls sehr giftig („giftiger als Blausäure“) seien und bei nicht fachgerechter Lagerung explosionsfähige Gase bilden könnten.

Mit säurefester Schürze, Gasmaske und Schutzbrille will der 67-Jährige nachsehen, wie es um den Inhalt der Fässer bestellt ist. Da schreitet der Betriebsleiter, der das Geschehen bislang schweigend verfolgt hat, ein: „Die Fässer werden hier nicht geöffnet“, stellt er klar. „Dann können wir wieder gehen“, beschließt ihr Besitzer. Damit er seinem Kunden die verkaufte Ware endlich zustellen könne, will er Kontakt mit dem Verwaltungsgericht aufnehmen, sagt er: „Sonst passiert hier ja nichts.“

Dass ausgerechnet der Diplom-Chemiker der Gemeinde Bernstadt nun eine nicht sachgerechte Lagerung vorwirft, erstaunt weder die Verantwortlichen aus der Kommunalverwaltung noch die im Landratsamt. „Das ist seine alte Masche“, erklärt Landratsamts-Pressesprecher Bernd Weltin. Der aktuelle Standort sei für eine „vorübergehende Lagerung“ sowohl geeignet als auch sicher. „Eine Gefährdung der Bevölkerung besteht nicht.“

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