Ewig junges Spatzennest

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Mal sehen, ob am Sonntag ebenso viele Menschen zum Spatzennest kommen wie zu dessen Einweihung im Jahr 1927.  Foto: 

Es waren andere Zeiten: Die Naturfreundebewegung führe „die Arbeiterschaft aus stumpfer Gleichgültigkeit, aus rauchigen Zimmern von Alkohol und allerlei öden seichten Vergnügen weg hinaus in die schöne herrliche Natur und erziehe sie zum Schauen, Denken und Genießen“. Diese markigen Worte sprach der Präsident der Naturfreunde-Internationale, Karl Volkert aus Wien, an Pfingsten 1927 auf dem „Äckerlesberg“ bei Weidach.

Dort wurde nach drei Jahren Bauzeit das „Spatzennest“ eingeweiht, das die Naturfreunde Ulm – damals noch eine klassische Arbeiterbegwegung – in mühseliger Arbeit auf der Felsnase inmitten der Wacholderheide gebaut hatten: Mit Spitzhacken und Schaufeln, Handwagen und Steinen, die aus dem nahegelegenen Steinbruch herangeschleppt werden mussten.

Entsprechend stolz und glücklich waren die Naturfreunde auf ihr Haus. Und entsprechend groß wurde die Einweihung gefeiert: Das zweitägige Fest war ein Erfolg: Trotz des lausigen Wetters kamen Tausende, ein Sonderzug aus Ulm brachte die Naturfreunde und ihre Gäste an den Herrlinger Bahnhof, von wo aus schließlich der Festzug durch Weidach zum Spatzennest zog.

In den vergangenen 90 Jahren seit dem denkwürdigen Einweihungsfest hat das Spatzennest, mit anfänglich rund 100 Schlafplätzen, Aufenthaltsräumen, Küche und Nebenräumen, nicht nur baulich einige Veränderungen durchlebt. Die Beschlagnahme durch die SA im „Dritten Reich“ war sicher die bitterste Veränderung. Die Nazis machten das Naturfreundehaus zu einem Hitlerjugendheim. Gegen Ende des Krieges diente es während der Bombenangriffe als Zuflucht für verschiedene Nazi-Größen, wie in der von Hans-Peter Zagermann geschriebenen Chronik des Spatzennestes nachzulesen ist.

Keine Frage, dass die Naturfreunde ihr mit so viel Mühe und Liebe gebautes Haus nach dem Krieg so bald wie möglich zurückholten: Bereits am 2. Dezember 1945 wurde die Ulmer Ortsgruppe wiedergegründet, und es dauerte nicht lange, bis das geplünderte Spatzennest  wieder mit Möbeln ausgestattet war.

In den vergangenen Jahren wurde es stetig erweitert, umgebaut, modernisiert: Ein Anbau kam hinzu, eine neue Pelletsheizung eingebaut, die Zimmer saniert und vieles mehr. Ermöglicht haben das stets die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Ulmer Naturfreunde, die derzeit etwa 490 Mitglieder zählen. Zwar ist der klassenkämpferische Ton der Arbeiterbewegung inzwischen Vergangenheit. „Unpolitisch sind  wir aber nicht“, sagt Vorsitzender Hans-Peter Zagermann.

Gerechtigkeit, Naturschutz und  Armut seien Themen, bei denen sich die Naturfreunde engagieren. „Wir mischen uns zum Beispiel auch in die Diskussion um das Freihandelsabkommen TTIP ein.“ Entsprechende Vorträge finden im Spatzennest statt. Rund 120 Veranstaltungen im Jahr werden angeboten. „Hauptsächlich natürlich Wandern und Radfahren“, sagt Zagermann. Aber auch kulturelle Veranstaltungen wie Theater.

Engagierte Mitglieder

Dass die Naturfreunde ihr Haus so gut in Schuss halten können, liegt auch daran, dass über die Bewirtung und die Vermietung an Schulklassen und Wandergruppen regelmäßig Geld in die Vereinskasse kommt – rund 1700 Übernachtungen im Jahr verzeichnet der Verein. 60 Mitglieder übernehmen ehrenamtlich die Hüttendienste: An den Wochenende wird das Spatzennest bewirtet – während der Sommerferien sogar täglich. Es gibt selbstgebackene Kuchen, Brotzeiten und ein Mittagessen. Und das zu Preisen, die sich auch Familien leisten könnten, wie Zagermann betont.

Überhaupt seien Familien das Thema der Zukunft für die Naturfreunde: „Die gehen wieder raus zum Wandern.“ Diesem Trend gelte es Rechnung zu tragen und entsprechende Angebote zu machen. Kein Wunder also, dass das Fest anlässlich „90 Jahre Spatzennest“ am morgigen Sonntag ganz unter dem Motto „Familien- und Kinderfest“ steht. Bleibt zu hoffen, dass sich auch dann tausende Besucher im und um das Spatzennest tummeln.

Fest Am morgigen Sonntag feiert der Verein unter dem Motto „Naturfreunde bewegen“ mit einem Familien- und Kinderfest „90 Jahre Spatzennest“. Beginn ist um 11 Uhr. Von 14 bis 14.30 Uhr gibt es „Lieder und Geschichten aus dem Mäusenest; um 14.30 Uhr beginnt ein Kinderliedersingen, um 15 Uhr folgen Grußworte, danach ist Unterhaltung mit der „Feschtagsmusik“ geboten. Es gibt eine Spielstraße und eine Schminkecke, Spiele in der Natur, eine Tombola und vieles mehr. Wer zum Spatzennest wandern will: Treffpunkt ist um 11.45 Uhr am Wasserrad auf dem Klosterhof in Söflingen. Gewandert wird auf dem Ulmer Natura-Trail. Mit dem Auto ist das Spatzennest nur von Weidach her erreichbar, die Straße von Herrlingen her ist gesperrt.

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