Wenn der Boden leise brummt

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Hier zu wohnen könnte sehr idyllisch sein. Aber ein Ton, der vermutlich aus dem Boden ins Haus eindringt, macht einem Ehepaar in Weidach das Leben schwer.  Foto: 

Eine ruhige Straße in Weidach, ein Einfamilienhaus, ein schöner Garten. Ein Idyll. Wäre da nicht dieser Ton. „Sss-sss-sss“, macht der Mann, der hier lebt. Seine Frau sagt, manchmal höre es sich eher nach „wusch-wusch-wusch“ an und macht mit den Händen kreisende Bewegungen auf die Ohren zu. Sie beschreiben ein maschinelles Brummen, hin und wieder auch Knacken und Jaulen. Es ist sehr leise – und doch sagt der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte: „Es ist eine krankmachende Situation“. Er spricht von Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Nasenbluten, einer grundlegenden Unruhe und Herzrasen. „Das Herzrasen kommt von der Angst“, sagt er: Sie mache ihn schon auf dem Weg nach Hause hilflos, denn der Ton ist immer schon vor ihm da.

Dem Ehepaar ist bewusst, dass das seltsam, sogar verrückt klingt. Ihr erster Gang führte zum Arzt, nachdem das Geräusch, das die Frau 2015 zuerst im Keller gehört hatte, Mitte 2016 für beide und in verschiedenen Räumen hörbar wurde. Neurologe, Psychiater, Umweltarzt, Ohrenarzt: Keiner fand die Ursache für den Ton.

Es sind nicht die Windräder

Also suchte das Paar in der Umgebung. Windräder? Das Geräusch war auch da, wenn sie stillstanden. Der Tunnelbau für die Bahnstrecke Stuttgart–Ulm? Die Maschinen waren schon seit Monaten weg. Die Straße? Nachts war der Ton intensiver, auf der Baustelle an der Kreisstraße wird tags gearbeitet – und das hören alle. Das Geräusch war auch da, wenn die Fenster geschlossen waren. Die Vermutung: Es kommt aus dem Boden.

Auf der Suche nach einem Verursacher kam eine weitere Vermutung hinzu: Es könnte das Kalkwerk der Firma Märker in Blaustein-Herrlingen sein. Das sei zwar gut zwei Kilometer entfernt, liege aber auf dem selben Gestein – der Mann zeigt eine geologische Karte, auf der sich eine Fläche in verschiedenen Grautönen von Herrlingen bis Weidach zieht und erzählt vom schwierigen Einbau eines Gastanks im felsigen Untergrund seines Hauses. Ein geophysikalisches Institut, das er gefragt habe, halte die Übertragung von Schwingungen auf diese Distanz für denkbar.

Der Mann kontaktierte Märker. Reinhold Ackermann, Geschäftsführer der Märker-Gruppe, antwortet auf Nachfrage der SÜDWEST PRESSE per Mail: „Wir sahen keinen Anlass, seinen Schilderungen (…) keinen Glauben zu schenken (…). Wir haben (…) geprüft, ob es bei uns in der Vergangenheit bauliche, technische oder sonstige Änderungen gab, die für eine mögliche Geräuschentwicklung ursächlich sein könnten. Diese Frage können wir eindeutig mit Nein beantworten.“ Die Grenzwerte würden „selbstverständlich eingehalten“ in der Vergangenheit habe es nie vergleichbare Beschwerden gegeben.

Weitere „Hörer“ gefunden

Und doch hat das Ehepaar andere gefunden, die den Ton kennen: Ihre Nachbarin, die das Geräusch seit 2011 hört und ungefähr gleich lange unter Herzrhythmusstörungen leidet, ist mit ihrem Lebenspartner einer Interessengemeinschaft des Ehepaars beigetreten. Einige Straßen weiter haben mehrere Weidacher den Ton schon gehört. Eine Zeugin berichtet am Telefon von Schlafstörungen wegen eines „sonoren Brummens“, das auch sie auf die Idee brachte: „Es muss irgendeine große Industrie dahinter sein.“ Obwohl das nicht der Grund für ihren Umzug gewesen sei, habe sie danach mit Erleichterung festgestellt, dass der Ton weg war.

Ronald Scherb, ebenfalls Weidacher, fühlt sich von dem Geräusch nicht gestört – aber er kennt es und möchte gerne als Zeuge für das geplagte Ehepaar dienen: „Ich kann das, was sie sagen, durchaus glauben.“ Es gebe weitere, die den Ton hören – und andere, sogar im gleichen Haus, die ihn nicht kennen.

„Es gibt natürlich auch unterschiedliche Wahrnehmungsschwellen“, sagt Tatjana Erkert, Pressesprecherin der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW). Im Auftrag des Landrats­amts war die LUBW zwei Mal in Weidach, im März und April. Der Messbericht, der der SÜDWEST PRESSE in Auszügen vorliegt, fasst zusammen: Immissionsrichtwerte seien unterschritten, Anhaltswerte für Erschütterungen auch, Geräusche oberhalb der Hörschwelle wurden nicht aufgezeichnet. Die Mitarbeiter der LUBW stellten zwar tieffrequente Geräusche fest, sie führten diese aber auf einen Gefrierschrank im Keller zurück. Das Ehepaar sagt dazu: Mehrere Straßen entfernt hören Zeugen wohl kaum ihren Gefrierschrank. Sie finden in den Diagrammen des Berichts außerdem Ausschläge oberhalb der Hörschwelle.

Was im Bericht der LUBW auch steht: Dass tieffrequente Geräusche unter oder an der Grenze der Hörschwelle Ohrendruck, Unsicherheits- und Angstempfinden sowie Schwingungs- oder Druckgefühle im Kopf hervorrufen können.

Durch das Messergebnis der LUW schätzt das Landratsamt „weitergehende Maßnahmen behördlicherseits als nicht angemessen“ ein.

Das Ehepaar mit dem idyllischen Garten sucht nun nach weiteren Zeugen für den Ton und möchte Flyer im Ort verteilen. Auch ein teures privates Gutachten schließen sie nicht mehr aus.

Bis sie das Geräusch nachweisen und dann vielleicht dagegen vorgehen können, bleiben Lärmschutzkopfhörer für die Nacht, im Sommer Übernachtungen auf der Terrasse oder auswärts. Einmal seien sie mitten in der Nacht zu Freunden gefahren: „Wir waren verzweifelt“, sagt er. Seine Frau unterbricht ihn: „Wir sind verzweifelt.“

Phänomen  Im Internet gibt es verschiedene Beschreibungen von niederfrequenten Tönen, die als „Brummton-Phänomen“ zusammengefasst werden. Dort steht jedoch, dass die Betroffenen den Ton durch Ortswechsel nur zeitweise loswerden, sie nehmen das Geräusch mit.

Kontakt Wer das Geräusch aus Weidach kennt, kann unter gegenton@t-online.de Kontakt zur Interessensgemeinschaft aufnehmen.

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Kommentare

12.08.2017 09:09 Uhr

Lärmverschmutzung

Im Bekanntenkreis gibt es ähnliche Fälle. Dort stellte sich eine 3km entfernte Biogas-Anlage als Quelle heraus, die ohne Unterbrechung lief.
Auch die Anwohner von Straßenbahnen werden das tiefe Rumpeln in ihren Häusern kennen.
Vor dem Hintergrund ist schlechtes Hören bald ein Segen.

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