Ein Dorf will einen Bahnhof - wieder

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Dort, wo einst der Merklinger Bahnhof stand, ist heute ein Haus mit weißer Fassade, braunem Gartenzaun und zwei Balkonen zu sehen. Das Heim von Andrea und Roland Wörtz. Gebaut 1994 - neun Jahre nachdem die Schienen verschrottet waren und fünf Jahre nachdem der alte Holzbahnhof endgültig abgerissen wurde. "Wir haben immer gesagt, das ist ein schöner Bahnhof, den müsste man eigentlich herrichten. Mein Gott, da war ich 16 und er 18, das hätte man damals ja noch gar nicht wissen können, dass wir mal unser eigenes Haus hier hinstellen", sagt Andrea Wörtz.

Um das Fundament legen zu können, hatten sie Schlangennester, alte Toiletten und Schrottfahrräder beseitigt - die letzten Spuren einer 85-jährigen Bahnhofsgeschichte. Ein Kapitel der Dorfgeschichte wurde geschlossen, von dem keiner dachte, dass es noch einmal geöffnet wird. Bis Bagger anrollten, um Platz für die Neubaustrecke der Bahn vorbei an Merklingen zu schaffen.

Merklingen ist ein Dorf, wie es viele gibt an der Strecke von Ulm nach Stuttgart: knapp 2000 Einwohner, vier Wirtschaften, ein Industriegebiet mit erfolgreichen mittelständischen Betrieben. Wenige hundert Meter neben Merklingen verläuft die Autobahn 8. Besucher kommen nur auf der Durchreise.

Und auch die Probleme des Ortes sind typisch. Viele Bewohner ziehen zum Arbeiten und Studieren weg. Die Gemeinde wird älter. Örtliche Unternehmen beklagen zunehmenden Fachkräftemangel, weil junge Menschen sich nur selten überreden lassen, jeden Tag den Weg aufs Land in Kauf zu nehmen.

"Der Bahnhof wäre ein Quantensprung für die Region", sagt Sven Kneipp. Der Merklinger Bürgermeister hat sich an den großen Tisch in seinem Büro gesetzt und mehrere Pläne ausgebreitet. Einer zeigt das Schienennetz im Alb-Donau-Kreis. Wie eine Krake greift Ulm als zentrale Stadt nach den Orten im Kreis. Geislingen hat einen Arm, Ehingen, sogar Münsingen - nur die Laichinger Alb hat Kneipp mit einem grünen Textmarker umkringelt und ein Fragezeichen daneben gemalt.

"Merklingen und die Laichinger Alb sind die einzigen, die nicht vom Netz profitieren", sagt Kneipp. Und: "Für die Neubaustrecke dürfen wir nun die Lasten tragen, ohne an den Vorteilen beteiligt zu werden." Kneipp möchte, dass an der Strecke ein Halt in Merklingen gebaut wird. Ein Bahnhof für Interregio-Züge schwebt ihm vor. 35 Kilometer hinter Ulm soll die Trasse die Alb an den Rest der Welt anbinden.

Die Aussicht, in 34 Minuten nach Stuttgart zu kommen, hat die Kommunen auf der Laichinger Alb zusammengeschweißt. Merklingen, Nellingen, Laichingen, Heroldstadt, Berghülen - sie alle haben sich verbündet, um die Bahn zum Anhalten zu bewegen. "Man arbeitet gerade sehr gut miteinander", sagt Kneipp.

Das stärkste Argument der Bürgermeister ist das Ergebnis einer Potentialanalyse. Der Bahnhof wäre wirtschaftlich, heißt es da, rund 1500 Menschen würden täglich mit den Regionalzügen fahren. Das zieht: Die Landtagsabgeordneten Karl Traub (CDU), Martin Rivoir (SPD) und Jürgen Filius (Grüne) stehen inzwischen offen hinter dem Projekt.

Doch die Studie zeigt auch die Nachteile des Plans: Die Bauern müssten noch mehr Land abtreten, die Bauarbeiten würden sich ausdehnen, die Finanzierung ist noch nicht geklärt. Rund 27 Millionen Euro müssten für den Bahnhof investiert werden. Kosten, die die Kommunen nicht tragen können und das Land bislang nicht zu tragen beabsichtigt.

Die Debatte ist nicht neu. Schließlich hatte Merklingen schon einmal einen Bahnhof, um den vor mehr als 100 Jahren genauso gekämpft wurde. 5000 Mark kostete die Planung im Jahr 1897. Merklingen musste 114 Mark tragen.

Gegner der Bahn waren auch damals schon die Landbesitzer, denen für den Bau der Trasse ein Teil ihrer Grundstücke weggenommen wurde. "Die waren natürlich nicht von den Plänen begeistert", sagt Jakob Salzmann, der in Merklingen einer Interessensgemeinschaft für Brauchtum vorsitzt. Dennoch vergingen nur drei Jahre von der Planung bis zur ersten Fahrt im Juni 1901 auf der Schmalspurbahn zwischen Amstetten und Laichingen.

"Es wurde unheimlich schnell gebaut", sagt Salzmann. Hunderte Arbeiter aus Italien und Kroatien haben es möglich gemacht. "Die Bahn war ein Segen für die Alb", sagt Salzmann. Mit der Dampflok wurden Lebensmittel und Baustoffe transportiert. "Bevor ein Zug hier lang fuhr, musste man alles mit Pferden machen." Die Alb wurde mobil.

Aus einer dunklen, roten Ledermappe holt Georg Baumann, Mitglied der Interessensgemeinschaft, ein Fotobuch heraus. Er zeigt eine Schwarzweiß-Aufnahme einer Dampflok neben der drei Männer stehen. Einer von ihnen hält einen Holzstamm fest. "Das ist mein Vater. Da hat er gerade Holz auf die Bahn aufgeladen."

Mit Hilfe der Bahnlinie konnte Baumann Senior sein Holz nach Italien, Frankreich und Holland liefern. Den Holzhandel der Familie Baumann gibt es heute noch. Allerdings werden die Stämme nicht mehr per Zug, sondern über die Autobahn transportiert.

Ende 1984 strich die Regierung die finanziellen Hilfen für die Schmalspurbahn - Gas und Öl blieben aus. "Man hat behauptet, der Betrieb sei nicht mehr kostendeckend", sagt Baumann. Die Gemeinden wollten nicht für die Trasse bezahlen. "Das war eine kommunalpolitische Fehlentscheidung", sagt Salzmann.

Der Abriss der Strecke ging noch schneller als der Aufbau. "Die Schienen wurden einfach verschrottet." Die Eisenbahn-Waggons wurden 1986 ausgeräuchert, der Bahnhof in Merklingen abgerissen.

Im Bahnhofsviertel ohne Bahnhof reiht sich heute kurz vorm Ortsausgang ein gepflegter Vorgarten an den anderen. Hinter den Doppelhaushälften erstrecken sich die Felder der örtlichen Bauern. Spricht man vom Bahnhof, ist es so, als würde man die Menschen an etwas erinnern, an das sie lange nicht mehr gedacht haben. Viele erinnern sich an ihren Schulweg, an die 20-minütige Zugfahrt nach Laichingen. Sie erinnern sich an den "alten Bretterbahnhof", der in den drei Jahren zwischen Stilllegung und Abriss zur Ruine verkommen ist.

Als Peter Melasch vor 25 Jahren den Abriss des alten Bahnhofs von seinem Vorgarten aus beobachtete, hat es ihn am meisten geärgert, dass kurz zuvor noch 10 000 Mark in die Sanierung der Strecke investiert worden waren. Dass Merklingen deshalb heute an kein Netz mehr angebunden ist - geschenkt. "Was wollen Sie denn heute noch mit einer Schmalspurbahn anfangen?", fragt er.

Die Grundstücke wurden 1986 schnell verkauft und bebaut, die Bahntrasse zu einem Fahrradweg umgewandelt, der sich nun von einem Ende Merklingens zum anderen zieht.

Einen Merklinger Bahnhof an der Neubaustrecke befürwortet Melasch. "Die Menschen arbeiten immer häufiger außerhalb. Da muss man flexibel sein", sagt er. "Die Autobahn ist immer voll, mit dem Zug hätte man es deutlich leichter."

Vorteile hätte ein neuer Bahnhof. Aber ob er wirklich realisiert wird? Das bezweifeln viele Anwohner. "Ich glaube nicht, dass der Bahnhof kommt", sagt Claus Keller. Im Bahnhofsviertel schätzen viele den Plan ihres Bürgermeisters als gewagt ein. Sie kennen die Argumente gegen einen Halt: zu teuer und aus Bahn-Perspektive kontraproduktiv.

Am 11. September könnte die Vorentscheidung fallen, ob Merklingen einen Bahnhof bekommt. Dann treffen sich alle Bürgermeister mit den Landräten und Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Im Optimalfall für Merklingen und seine Nachbarn bliebe dann nur noch die Umsetzung des Plans. "Ich weiß ja nicht, wo der Bahnhof hinkommen soll. Aber mein Haus bleibt stehen", sagt Andrea Wörtz und lacht.

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