Ein Besuch an der Realschule in Altheim

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  • Schule aus um die Mittagszeit: Langen Nachmittagsunterricht gibt es nicht an der Altheimer Realschule.  01/10
    Schule aus um die Mittagszeit: Langen Nachmittagsunterricht gibt es nicht an der Altheimer Realschule. Foto: 
  • Lehrer vor der Schule 02/10
    Lehrer vor der Schule Foto: 
  • Gruppendiskussion im Klassenraum. 03/10
    Gruppendiskussion im Klassenraum. Foto: 
  • Noch wirkt das Schulhaus etwas kahl, aber die ersten Blumen sprießen schon. 04/10
    Noch wirkt das Schulhaus etwas kahl, aber die ersten Blumen sprießen schon. Foto: 
  • Manche Aufgaben werden im großen Kreis diskutiert. Wenn Schüler gezielt Hilfe brauchen, erhalten sie ein Vier-Augen-Gespräch, wie hier mit dem Lehrer Werner Kobes (unten). Mitbegründer der Schule sind zudem (von links) Bettina Ehringer, Marina Gruber und Schulleiterin Anja Österreicher. 05/10
    Manche Aufgaben werden im großen Kreis diskutiert. Wenn Schüler gezielt Hilfe brauchen, erhalten sie ein Vier-Augen-Gespräch, wie hier mit dem Lehrer Werner Kobes (unten). Mitbegründer der Schule sind zudem (von links) Bettina Ehringer, Marina Gruber und Schulleiterin Anja Österreicher. Foto: 
  • Die Hauptschule verliert an Popularität, dafür werden Realschulen und das Gymnasium immer beliebter. 06/10
    Die Hauptschule verliert an Popularität, dafür werden Realschulen und das Gymnasium immer beliebter. Foto: 
  • Gute Stimmung bei den Schülern. 07/10
    Gute Stimmung bei den Schülern. Foto: 
  • Sport gehört jeden Tag zum Unterricht dazu. 08/10
    Sport gehört jeden Tag zum Unterricht dazu. Foto: 
  • Der Werkraum in der Realschule. 09/10
    Der Werkraum in der Realschule. Foto: 
  • Das Schulgebäude liegt mitten in Altheim. 10/10
    Das Schulgebäude liegt mitten in Altheim. Foto: 
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Jeden Morgen eilt Anja Österreicher den Weg zur Turnhalle hinauf. Die Kinder stehen bereits Schlange für die  Sportstunde. Auf der Anhöhe aber bleibt Österreicher manchmal stehen, hält inne. An klaren Tagen sieht sie von hier oben die Sonne aufgehen, bei Föhn zeichnen sich die Alpen am Horizont ab, vor allem aber überblickt sie ihren verwirklichten Traum: die Realschule Altheim. „Richtig stolz“ sei sie in diesen Momenten. Heute sprudelt es aus ihr – vor einem Jahr durften nicht mal enge Freunde über ihre Schulprojekt erfahren. „Die hätten mich wohl für größenwahnsinnig gehalten.“

Im Team mit vier Kollegen hat Österreicher eine Schule zum Leben erweckt. Mehr noch: Wo andere Bildungsstätten versagen, soll ihre Schule punkten. Ihr Konzept soll Antworten bieten auf die Fragen: Wie kann jeder Schüler nach seinen Bedürfnissen gefördert werden? Wie können junge Menschen zum Lernen motiviert werden – ohne dass Angst und Frust dominieren. Und wie gelingt es, Schule und Freizeit unter einen Hut zu bekommen?

Früher unterrichteten die Lehrer an der Gemeinschaftsschule in Herbrechtingen. Nach dem Unterricht saßen sie oft zusammen und teilten ihren Frust über zahlreiche Vertretungsstunden, sinnfreie Lückenfüller und unterschiedliche Niveaus in den Klassen. „Wir hatten das Gefühl, die einzelnen Schüler kommen zu kurz“, erzählt Österreicher und fügt hinzu: „Viele Lehrer waren unzufrieden und wollten etwas ändern.“ Ideen, Pläne, Konzepte schwirrten im Raum. Irgendwann fiel der Satz: „Dann müssen wir wohl unsere eigene Schule aufmachen.“  Natürlich gebe es auch Lehrer, die nur „bruddeln“, aber das sei nicht ihre Art, sagt Österreicher. Der „harte Kern“ machte Ernst mit dem Plan von einer eigenen Schule. Ohne Blaupause, aber mit viel Enthusiasmus.

Ein halbes Jahr nach dem ersten Schultag scheint der Belastungstest bestanden. Noch wirken die Flure etwas karg, im Lehrerzimmer stehen Ikea-Regale, im Computerraum gebrauchte Tische. Die neue Schule überzeugt mit dem Charme des Personals – weniger mit Äußerlichkeiten. Noch muss das Lehrerteam zwei Jahre auf staatliche Anerkennung warten, muss beweisen, dass das Konzept aufgeht, bevor 3800 Euro Jahresförderung pro Schüler fließen. „Wir sind noch in der Bewährungsphase“, sagt Österreicher. Doch die Anmeldungen im vergangenen Jahr von 40 Schülern haben  die Erwartungen deutlich übertroffen. Worin also liegt das Erfolgsrezept?

Ein gewöhnlicher Tag beginnt mit einem Ball am Fuß und tanzenden Armen. Kein Schüler setzt sich in ein Klassenzimmer, ohne sich zuvor nicht mindestens eine Stunde lang bewegt zu haben. „Powersport“ heißt das in Altheim.  „Ich freue mich da jeden Morgen drauf“, sagt Noah. Der Zehnjährige wohnt in der Nachbarschaft und hat den wohl kürzesten Schulweg. 1.38 Minute mit dem Fahrrad, vom Neubaugebiet rübergedüst, selbst gestoppt.

Tischtennis statt Ausschlafen

Für Noah beginnt die Schule schon vor dem offiziellen Unterricht um 7.40 Uhr: Eine halbe Stunde früher kommt er zum Tischtennisspielen mit seinen Freunden in den Aufenthaltsraum. „Mir ist es egal, dass ich nicht ausschlafen kann“, sagt er. Unterrichtsende ist um 12.35 Uhr und zwei Mal in der Woche um 13.20 Uhr. Leer- oder Vertretungsstunden gibt es keine. So kann die Schule das vorgeschriebene Zeitpensum erfüllen – und Noah hat dennoch genug Freizeit. Statt langem Nachmittagsunterricht bleibt ihm Zeit zum Fußballspielen, Schlittenfahren im Winter oder bei schlechtem Wetter „ Landwirtschaftssimulator“ am Computer spielen. Wenn er groß ist, möchte Noah Landwirt werden, „Bulldog fahren“, und „was bei der Feuerwehr machen“. Nicht nur das schulische Wissen ist dafür wichtig – auch die Erfahrung, die er in seiner Freizeit sammelt. Noah bekam nach der Grundschule eine Empfehlung fürs Gymnasium, doch er wollte in Altheim bleiben. Und seine Mutter, Martina Kölle, wusste dass die Realschule das richtige ist für ihren Sohn, weil er ein „Draußenkind“ ist, sportlich und technikbegeistert, wie sie sagt.

Als Gemeinderätin hat Kölle mitentschieden, als es um die Zukunft des Schulstandortes Altheim ging. 2014 schien es noch, als würde die staatliche Werkrealschule nach 480 Jahren in der Versenkung verschwinden. Sie ist froh, dass es anders kam. Für rund 750 000 Euro wurde das Schulhaus saniert – die Euphorie im Ort war groß und ist es noch. Heute kommen die Schüler meist aus den umliegenden Gemeinden, ab September dieses Jahres gibt es zudem eine Busverbindung nach Westerstetten über Lonsee und Ettlenschieß. Doch Busse und Geld allein reichen nicht, um die Schule am Laufen zu halten.

Kölle sagt: „Auch wir Eltern müssen hinter dem Konzept stehen.“ 100 Euro zahlt sie im Monat für den Schulbesuch ihres Sohnes. Das sei „gerechtfertigt“ – der Sohn spare sich die Monatskarte. Zudem habe sie das Glück, mittags daheim zu sein und sich um Noah zu kümmern.

„Wir wollen den Kindern nicht ihre Freizeit nehmen“, sagt der stellvertretende Schulleiter Werner Kobes. Er sieht die Realschule als Gegenentwurf zu den großen Ganztages-Schulzentren, und vielleicht auch als kleines Innovationslabor mitten in der 1700-Seelengemeinde Altheim. „Höchstens 24 Schüler sind in einer Klasse, von Anfang an gab es zwei Züge. Bislang reichen die Räume aus, im nächsten Schuljahr werden weitere im Nebengebäude saniert. Über einen Anbau hat Österreicher bereits mit der Gemeinde gesprochen. Wachstum um jeden Preis will die Schulleitung aber vermeiden. „Wir wollen eine Schule bleiben, in der jeder jeden kennt“, sagt Kobes – und die Schüler ein gutes Benehmen an den Tag legen. „Wir erklären den Kindern natürlich nicht, ,heute trainieren wir überfachliche Kompetenzen’“, sagt Kobes. Das funktioniere mit kleinen Ermahnungen. Sprüche wie „Hey Alter“ seien im Schulhaus tabu, dafür ein Gruß beim Bäcker Pflicht. Inzwischen bedanken sich die Schüler sogar, wenn Kobes Arbeitsblätter austeilt.

Eine heile Welt auf dem Land? Schulleiterin Österreicher winkt ab. Natürlich gebe es auch hier Missstimmung und Streit, doch dieser lasse sich meistens schnell schlichten. Auch weil sich die Schüler ernst genommen fühlten. Statt Elternsprechtagen gibt es Entwicklungsgespräche – dabei sitzen Schüler, Eltern und Lehrer an einem Tisch. Zuvor muss sich das Kind mit einem Fragebogen selbst einschätzen.

Wie die tägliche Wertschätzung funktioniert, zeigt sich im Unterricht. In den Hauptfächern sind stets zwei Lehrer im Zimmer. Hat jemand die Hausaufgaben nicht verstanden, wird er während der Stunde an einen kleinen Stehtisch im Zimmer gebeten.

Heute kommt Philipp in den Genuss des Einzelgesprächs. Der Schüler ist an zwei Aufgaben zu Nomen in einem Text über Tiger gescheitert. Jetzt beugt er sich über den Tisch – mit dem Selbstbewusstsein eines wohlhabenden Bankkunden beim Beratungsgespräch. Sein Berater: Deutschlehrer Werner Kobes. Sofort wird klar: Das Scheitern ist hier keine Schande. „Weißt du, was Nomen sind?“, fragt Kobes. „Wörter, die man groß schreibt“, antwortet Philipp. Kobes bohrt nach, gibt Tipps und bringt Philipp auf die richtige Fährte. Nach fünf Minuten ruft der Schüler mit strahlendem Gesicht: „Ah, jajaja jetzt hab ich’s verstanden!“

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