Dietenheim zieht an Nummer drei mit Wolfgang Grupp?

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Gibt es Möglichkeiten, die Dietenheimer Textilvergangenheit aufleben zu lassen und in der Stadt den Handel mit nachhaltigen und fair produzierten Textilien zu etablieren? Dieser Frage spüren die Universität Ulm und die Fachhochschule Reutlingen in ihrem gemeinsamen Forschungsprojekt nach. Zum Jahresende läuft das dreijährige „Reallabor“ aus. Vom Wissenschaftsministerium wurde es mit fast einer Million Euro gefördert. Prof. Martin Müller von der Universität Ulm blickt zurück und in die Zukunft.

Provokative Frage: Was bleibt nach drei Jahren. Nur „Dietenheim zieht an“ und das Nähcafé?

Prof. Martin Müller: Es bleibt natürlich eine ganze Menge mehr als das, was die Menschen vordergründig damit verbinden, also Bekleidungsmesse und Nähcafé. Unter anderem zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen wie Forschungs- und Untersuchungsberichte, die auch Normalbürger lesen könnten.

Es handelt sich vermutlich um höchst wissenschaftliche  und ziemlich trockene Artikel. Wo erscheinen die denn?

In Fachpublikationen, zum Beispiel im „Journal auf Cleaner Production“ oder im „Journal of Environment and Behavior“. Auch beim „Research Journal of Textile and Apparel“ haben wir ein Papier eingereicht. Ach ja: Bei der „Global Fashion Conference“ in Stockholm waren wir  im 2016 mit einem Vortrag vertreten.

Sind alle Veröffentlichungen auf Englisch?

Der Großteil. Englisch ist Wissenschaftssprache. Einiges hängt derzeit auch noch in der Pipeline, denn alle Artikel werden von zwei unabhängigen Gutachtern geprüft. Bis sie tatsächlich erscheinen, kann es durchaus eineinhalb Jahre dauern. Nochmal zu Ihrer Frage, was bleibt. Wir hoffen natürlich auch, dass sehr viel in den Köpfen der Menschen hängenbleibt. Es wäre viel erreicht, wenn in den Kauf von Kleidung künftig auch Nachhaltigkeits-Aspekte einfließen. Argumente für oder gegen einen Kauf, die man vorher  in dieser Form gar nicht im Bewusstsein hatte.

Die Gelder des mit knapp einer Million Euro geförderten Reallabors laufen zum Ende des Jahres aus. Gibt es Chancen auf eine Projekt-Verlängerung und auf frisches Geld?

Das Wissenschaftsministerium muss bekanntlich 48 Millionen Euro einsparen und ist entsprechend knapp bei Kasse. Aber man hat uns signalisiert, dass es für einzelne Projekt die Chance auf eine Verlängerung gibt.

Zum Beispiel für eine dritte Auflage der Nachhaltigkeitsmesse „Dietenheim zieht an“?

Die Messe, die sich ja noch nicht selbst trägt, werden wir ein weiteres Mal organisieren und mitfinanzieren. Teilweise jedenfalls. Es sind noch Restmittel aus der ersten Förderung da, die wir dafür einsetzen werden. Doch bei „Dietenheim zieht an“ Nummer drei wird sich die Stadt verstärkt einbringen. Es ist ja unser Ziel, dass sich die Sache langsam verstetigt. Wir haben übrigens bereits einen Termin: Sonntag, 10. Juni, 2018. Wir verlängern unser Engagement also kostenneutral um sechs Monate.

Als Sie das Forschungsprojekt 2015 vorstellten, sprachen Sie von einer besonderen Chance für Dietenheim, die im besten Fall eine Trendwende zur Folge haben könnte und die Stadt zu einem Standort für ökologische und fair gehandelte Textilien macht. Bleibt das eine Vision?

Natürlich ist diese Idee weiter präsent. Allerdings darf man nicht in kurzen Zeitfenstern denken. Fünf bis zehn Jahre dauert es, bis sich so etwas etabliert hat.

Also sehen Sie noch Möglichkeiten, verwaiste Innenstadtflächen für Neuansiedlungen zu nutzen?

Dazu kann ich nur Folgendes sagen: Es gibt zwischenzeitlich Ideen mit neuen Ansätzen. Das Rathaus und Unternehmer sind dran am Thema. Die Sache bleibt  spannend. Im Übrigen gibt es in der Dietenheimer Innenstadt gar nicht mehr so viel Ladenleerstand. Da hat sich deutlich etwas zum Positiven verändert.

Im Mai bei „Dietenheim zieht an“ machten Sie Umfragen unter Kunden und Ausstellern. Was waren die wichtigsten Ergebnisse?

Wir zählten insgesamt 2500 Gäste. Also deutlich mehr als bei der Premiere im Vorjahr. 46 Prozent kamen aus Dietenheim, die andere Hälfte aus einem Umkreis von rund 50 Kilometer Entfernung. 51 Prozent der Befragten hat die Messe sehr gut gefallen, 37 Prozent bewerteten sie mit gut. 10 Prozent fanden sie okay und nur 2 Prozent fanden sie überhaupt nicht gut. Wir  haben unsere Fragen im Übrigen nicht suggestiv gestellt. 88 Prozent der 156 Befragten wünschen sich, dass das Event wieder stattfindet.

Wie geht es jetzt weiter im Projekt?

Wir planen bereits die dritte Textil-Messe. Es hat sich gezeigt, dass große Unternehmen und namhafte Referenten einen Planungsvorlauf von einem Jahr benötigen. Zum Beispiel sind wir aktuell im Gespräch mit Trigema-Chef Wolfgang Grupp. Außerdem werden wir verschiedene Verstetigungs-Workshops veranstalten. Nicht zuletzt wollen wir, wie zu Beginn des Projekts, eine zweite Umfrage unter 4000 Dietenheimern starten. So kommen wir zu einem Vergleich, was bei den Bürgerinnen und Bürgern in der Zeit angekommen ist.

Vita  Prof. Martin Müller  hat seit 2008 eine Stiftungsprofessur am Institut Nachhaltige Unternehmensführung an der Universität Ulm. Er studierte und promovierte in Frankfurt und habilitierte in Oldenburg. Der 47-Jährige ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Die Messe „Dietenheim zieht an“ wurde im  Projekt „Reallabor Nachhaltige Transformation der Textilwirtschaft in Dietenheim“ entwickelt und will nachhaltige Konzepte vorstellen und Firmen  vernetzen.

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