Die Region will 55 Zentimeter hohe Bahnsteige

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Diese Frage treibt zur Zeit den Verein Regio-S-Bahn Donau-Iller um: 76 oder 55 Zentimeter? Gemeint ist die Höhe der Bahnsteige. In Verbindung mit der Einstiegshöhe der Züge ist dieses Maß entscheidend für einen barrierefreien Nahverkehr auf der Schiene. Die allermeisten Bahnhöfe in der Region verfügen nach Kenntnis von Vereinsgeschäftsführer Oliver Dümmler über 55 Zentimeter hohe Bahnsteige. Im gesamten künftigen Netz der Regio-S-Bahn gebe es lediglich drei Bahnhöfe mit 76 Zentimeter hohen Steigen: Ulm, Memmingen und Jettingen. Trotzdem wolle die Deutsche Bahn bundesweit und „ungeachtet der regionalen Situation“ die Einheitshöhe von 76 Zentimetern für alle Bahnsteige durchsetzen.

Rückt damit das Ziel einer barrierefreien Regio-S-Bahn in weite Ferne? Um auf diese Gefahr hinzuweisen, haben der Ulmer OB Gunter Czisch als Vorsitzender des S-Bahn-Vereins und der Neu-Ulmer Landrat Thorsten Freudenberger als stellvertretender Vorsitzender an die Landesverkehrsminister geschrieben (wir berichteten). Der Inhalt der gleichlautenden Schreiben an Winfried Hermann (Grüne) und Joachim Herrmann (CSU) ist allerdings vertraulich, heißt es seitens des S-Bahn-Vereins.

Die Sorgen und Bedenken in der Region sind offenbar unbegründet. Das jedenfalls legen die Antworten eines Sprechers der Deutschen Bahn in Stuttgart auf Anfragen der SÜDWEST PRESSE nahe. Darin wird auf das Bahnsteighöhenkonzept verwiesen, das europäische und nationale Vorgaben berücksichtige und seit 2011 als verbindliches Regelwerk für die Deutsche Bahn gelte. Ziel sei es, die Bahnsteighöhen langfristig zu harmonisieren.

Für neue Bahnsteige gelte dem Konzept zufolge eine Regelhöhe von 76 Zentimetern, teilt der Sprecher mit, um im nächsten Satz auf „begründete Ausnahmen“ hinzuweisen: „…wenn bereits die Mehrzahl der Reisenden an einer Linie an Bahnsteighöhen mit 55 Zentimetern ein- und aussteigt“. Entscheidend für die Zielhöhe der Bahnsteige einer Linie seien „der Bestand und der Nutzen für die Reisenden“, also jene Höhe, die bereits von den meisten Reisenden genutzt werde.

Das gilt dem Unternehmenssprecher zufolge zum Beispiel für den Bahnhof in Beimerstetten. Dessen Modernisierung solle im nächsten Jahr beginnen, geplante Bahnsteighöhe seien 55 Zentimeter. Diese Höhe entspreche auch der Vorgabe des Landes Baden-Württemberg für den Nahverkehr auf der Filstalbahn. Für diesen ist von 2019 an das deutsche Tochterunternehmen der britischen Go-Ahead zuständig.

Ähnliches gilt für die Brenzbahn Ulm–Aalen und den Nahverkehr auf der Donautalbahn zwischen Ulm und Munderkingen. Auch dort steht im Jahr 2019 ein Betreiberwechsel bevor, übernimmt die Hohenzollerische Landesbahn den Regionalexpress Ulm–Aalen, die Regionalbahn Ulm–Langenau und die Regionalbahn Ulm–Munderkingen. Laut dem Verkehrsministerium in Stuttgart werden auf den genannten Strecken „moderne, neue Dieseltriebwagen“ mit einer Einstiegshöhe von 55 Zentimetern fahren.

Vor diesem Hintergrund weist die Deutsche Bahn auch die Befürchtung zurück, im Bahnhof in Heidenheim könnten die Bahnsteige mit dem Umbau auf 76 Zentimeter angehoben werden. Der Sprecher: „Für die Modernisierung des Bahnhofs Heidenheim ist eine Bahnsteighöhe von 55 Zentimetern vorgesehen.“

Neubau Entsprechend des Bahn-Konzepts, wonach neue Bahnsteige in der Regel 76 Zentimeter hoch sind, wird auch der Regionalbahnhof Schwäbische Alb bei Merklingen geplant. Dort werden nach Inbetriebnahme der Schnellbahntrasse (geplant Ende 2021) schnelle IRE-Züge halten. Nicht aber Nahverkehrszüge, die den Kern der Regio-S-Bahn bilden.

Kante Während die Bahnsteige in den Nahverkehrsbahnhöfen in der Region 55 Zentimeter hoch sind, sind die Steige im Ulmer Hauptbahnhof 76 Zentimeter hoch. Die Fahrgäste im Nahverkehr oder im IRE-Zügen mit 55 Zentimetern Einstiegshöhe werden daher auch künftig eine Kante überwinden müssen.

Geduld Nach Angaben der Deutschen Bahn sind in etwa 3300 der insgesamt ungefähr 5400 Bahnhöfe die Bahnsteige bereits „auf Zielhöhe optimiert“. Die meisten Bahnsteige (34 Prozent) seien 76 Zentimeter, etwa 20 Prozent 55 Zentimeter hoch. Hinzu kommen reine S-Bahn-Haltestellen mit 96 Zentimeter hohen Steigen (acht Prozent). Um eine „vollständige Barrierefreiheit“ zu erreichen, müssten noch etwa 3800 Bahnsteige auf Höhe gebracht werden. Bei etwa 100 Steigen pro Jahr werde das 35 bis 40 Jahre dauern.

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