Der Lehrermarkt ist abgegrast

Das Staatliche Schulamt Biberach berichtet dem Kreistag über die Situation der Schulen im Alb-Donau-Kreis. Amtsleiterstelle wegen Gerichtsverfahren noch immer unbesetzt.

|
Fast so schwierig wie die Relativitätstheorie ist es derzeit, Lehrer zu finden. Nach Meinung von Landrat Scheffold liegt das auch an schlechter Planung seitens des Landes.  Foto: 

Die Rechnung ist einfach: 154 Lehrer sind zum Schuljahr 2017/18 eingestellt worden, 176 sind in Rente gegangen. Damit fehlen alleine deshalb 22 Lehrer im Zuständigkeitsbereich des Staatlichen Schulamts Biberach. Hinzu kommen zusätzlich nötige Lehrerstunden etwa für die Ganztagsbetreuung und neue pädagogische Angebote. „Wir hätten deutlich mehr Lehrer einstellen können, aber der Markt ist leer.“ Das sagte Achim Schwarz, stellvertretender Leiter des Schulamts, am Montag im Kreistag. Er berichtete dort über die Situation der Schulen im Alb-Donau-Kreis.

Schwarz konnte die Räte insofern beruhigen, als dass seine Behörde die Lehrerstunden für den Pflichtunterricht abdecken könne. Das aber hatte seinen Preis: Denn dazu musste die Behörde teilweise erste und zweite Klassen zu jahrgangsübergreifenden Klassen zusammenlegen, zum Beispiel an den Grundschulen in Bermaringen und Temmenhausen. An der Realschule Gerhausen wurden aus drei neunten Klassen zwei gemacht – und damit der Klassenteiler  erhöht. Jede der zwei Klassen hat nun 31 Schüler. Diese Änderungen, die zum Teil erst nach Beginn des Schuljahrs umgesetzt wurden, sorgten vor allem bei Eltern für heftigen Unmut (wir berichteten).

Wie viele Lehrer in seinem Zuständigkeitsbereich tatsächlich fehlen, konnte Schwarz nicht sagen. „Denn die Zahl ändert sich ständig.“ Das liege unter anderem natürlich an Krankheitsfällen, aber auch an den vielen Schwangerschaften. Alleine in diesem Jahr rechnet Schwarz mit 180 Lehrerinnen, die in Mutterschutz gehen. „Bloß, wann und wo das sein wird, das kann ich ihnen beim besten Willen nicht sagen“, erklärte der stellvertretende Amtsleiter und erntete dafür einige Lacher. Nichtsdetostrotz wird es für das Schulamt schwierig bis unmöglich, solche Ausfälle durch Neueinstellungen auszugleichen. Denn, wie gesagt: Der Lehrermarkt ist abgegrast, nicht nur in der Region, sondern im ganzen Land fehlt es an Bewerbern.

Woran das denn liege, wollte Wolfgang Mangold (Freie Wähler) wissen. Der Mangel habe sicherlich eine Vielzahl von Ursachen, sagte Schwarz, verwies aber darauf, dass er dazu nichts sagen könne. „Sie dürfen nichts sagen, aber ich schon“, sprang Landrat Heiner Scheffold in die Bresche: „Das Land hat hier noch nie vorausschauend geplant.“ Es sei ja nun auch wahrlich nicht so, dass man von dem höheren Lehrerbedarf etwa durch die Ganztagsschulen überrascht worden sei, fügte Scheffold hinzu. „Aber, wie gesagt, eine vorausschauende Planung ist nicht Sache des Landes.“

Steigen wird laut Schwarz  – im Gegensatz zum Landestrend – die Zahl der Grundschüler: Zum laufenden Schuljahr sind im Schulamtsbezirk 1751 Kindergartenkinder in die Schule gekommen. Für das Schuljahr 21/22 rechnet Schwarz mit 1829.  Das liege nicht nur an der steigenden Zahl an Flüchtlingskindern, wie einige Kreisräte vermuteten, sondern daran, dass die Region attraktiv sei und viele junge Familien hierher ziehen.

Nicht rosig ist dagegen die Situation der Werkrealschulen, was keinen im Kreistag überraschte. Waren es zum Schuljahr 2011/12 noch 21 Werkrealschulen mit fünf Außenstellen, wird nach Worten von Achim Schwarz lediglich die Michel-Buck-Schule in Ehingen überleben. Diese erreicht mit 24 Anmeldungen als einzige die notwendige Anmeldezahl von 16 und hat insgesamt 196 Schüler. Die restlichen Werkrealschulen werden ihre bestehenden Klassen noch zum Abschluss führen und dann – ist Schluss.

Lob seitens des stellvertretenden Schulamtsleiters gab es für die Gemeinschaftsschulen (im Kreis gibt es elf, in der Stadt Ulm vier). „Dort wird hervorragende Arbeit geleistet.“ Dass die Anmeldezahlen dort nicht immer den Erwartungen entsprechen, beunruhigt Schwarz offenbar nicht wirklich: Die neue Schulform müsse sich halt noch etablieren.

Verwaist Seit Jahresbeginn ist Wolfgang Mäder, bisheriger Leiter des Staatlichen Schulamts Biberach, im Ruhestand. Doch noch immer ist die Stelle nicht besetzt. „Der Grund ist, dass ein Gerichtsverfahren anhängig ist“, sagte ein Sprecher des Kultusministeriums auf Anfrage. Bereits im Juni 2016 – also rechtzeitig – sei die Stelle für die Nachfolge von Mäder ausgeschrieben gewesen. Wegen des Gerichtsverfahrens könne die Besetzung aber nicht weiter vorangetrieben werden. Wer das Verfahren angestrengt hat, um was es geht und wie lange es noch dauert, darüber wollten weder er noch der Sprecher des zuständigen Regierungspräsidiums Tübingen Auskunft geben. Aus Datenschutzgründen. Ziel sei, die Leitungsstelle so schnell wie möglich zu besetzen.

Dienstaufsicht Seit Mäder in Pension ist, führt sein Stellvertreter Achim Schwarz die Geschäfte des Staatlichen Schulamts. Dieses hat laut Homepage die Dienst- und Fachaufsicht über rund 200 Grund-, Haupt-, Werkreal-, Real-, Sonder- und Gemeinschaftsschulen mit rund 4000 Lehrern und mehr als 40 000 Schülern in den Kreisen Alb-Donau und Biberach sowie dem Stadtkreis Ulm.  Dazu gehört auch die Schulpsychologische Beratungsstelle.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Ende der möglichen Jamaika-Koalition kam für viele Ulmer überraschend

Umfrage: Einige Passanten hätten sich eine Einigung gewünscht, manche finden das Handeln der FDP jedoch konsequent. weiter lesen