Blautopf: Neue Lebensform in Höhle?

Gebannt haben am Freitagabend 530 Zuschauer am Blautopf auf die Bilder der "Arge Blautopf" geschaut. Die Forscher sind im Untergrund neuen Hohlräumen und neuen Lebensformen auf der Spur.

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Vor 55 Jahren tauchten Mitglieder der Höhlenforschergruppe Eschenbach/Göppingen am Grunde des Blautopfs erstmals durch die "Düse" und drangen in die Unterwasserhöhle ein. Vor 30 Jahren erreichte Jochen Hasenmayer nach einer 1250 Meter langen Tauchstrecke den lufterfüllten "Mörikedom". Vor 10 Jahren verließen Taucher der "Arge Blautopf" das Wasser der Höhlenseen und stiegen hoch in den "Landweg". Seit 10 Jahren berichten sie immer wieder auf der Sommerbühne am Blautopf in Blaubeuren über ihre Forschungen in der Blauhöhle. Es gebe also mehrere Jubiläen zu feiern, sagte Andreas Kücha, der gemeinsam mit Oliver Schöll und Werner Gieswein den Vortragsabend am Freitag bestritt.

Peter Imhof vom Team der Sommerbühne freute sich, dass die Forschungen der "leicht verrückten Taucher" immer noch so viele Menschen faszinieren: Er konnte 530 Zuschauer auf der Tribüne am Blautopf begrüßen. "Näher könnten wir nicht dran sein. Es ist, als ob sich die Taucher gerade erst umgezogen hätten."

Diese begannen einen ihrer Filmbeiträge mit Bildern aus dem Weltall. Andere seien dort, sie eben unter der Alb auf der Suche nach unbekannten Welten, sagte Oliver Schöll. Möglicherweise führt "die Raumfahrt des kleinen Mannes" zu neuen Lebensformen: Die Blauhöhle ist neben dem Herbstlabyrinth im hessischen Breitscheid die zweite Höhle weltweit, in der Fäden aus Bakterienschleim, so genannte Pool Fingers, entdeckt wurden. Kristalline Formen sind zwar auch anderswo bekannt, aber "lebende" Pool Fingers, an deren Entstehung Mikroorganismen beteiligt sind, nur aus diesen beiden Höhlen. Die "Arge Blautopf" zeigte Aufnahmen, wie mit sterilen Spritzen Proben genommen wurden, um diese zur Untersuchung an ein Institut in die USA zu schicken. Auch die Raumfahrtbehörde Nasa interessiert sich dafür. Vielleicht gebe es tatsächlich eine neue Lebensform in Blaubeuren. "Wir geben das dann bekannt", sagte Andreas Kücha trocken.

Schon jetzt erregt das Blauhöhlensystem Aufsehen. Im vergangenen Jahr war im renommierten Wissenschaftsmagazin "National Geographic" ein Beitrag unter dem Titel "Expedition in Deutschlands schönste Höhle" erschienen, woraufhin die Forscher zum Umwelt-Fotofestival nach Zingst an die Ostsee eingeladen wurden. "Als Schwaben haben wir einen Vortrag gehalten bei den Fischköpfen, die nicht einmal wissen, was eine Höhle ist", sagte der immer zu Scherzen aufgelegte Werner Gieswein. "Das kam gar nicht so schlecht an."

Gieswein war es, der die Bedingungen für die Taucher in der Unterwasserhöhle anschaulich machte. Er zeigte ein Glas mit Mineralwasser. So klar sei das Wasser beim Eintauchen. Dann zeigte er ein Glas mit Hefeweizen. So trüb sei das Wasser, wenn durch Flossenbewegungen Sediment aufgewirbelt wurde. Andreas Kücha erläuterte: Der geübte Höhlentaucher tastet sich einer Leine entlang zum Ausgang.

Obwohl es mit dem vor fünf Jahren von der Stadt Blaubeuren gebohrten Schacht einen trockenen Zugang zu den hinteren Abschnitten der Blauhöhle gibt, legen die Forscher immer wieder im Blautopf ihre schwere Tauchausrüstung an, um in den unter Wasser liegenden Gängen nach Fortsetzungen zu suchen. Meist führt sie der Weg aber durch den trockenen Forschungsschacht an der Bundesstraße 28 und über die Höhlenseen "Mörikedom", "Mittelschiff" und "Äonendom" hinein in den Berg. Oliver Schöll sind mit einer Drohne, einem ferngesteuerten Fluggerät, witzige Filmaufnahmen gelungen: In Schläuchen von Autoreifen sitzend, paddeln seine Kollegen gemächlich auf dem klaren Wasser.

Faszinierend waren für die Zuschauer die Aufnahmen von dem erst vor sechs Wochen neu entdeckten "Fakir-Gang": Am Boden ein Bett aus scharfkantigen Kristallen, oben helle Tropfsteine. Um in dem Gang, der eineinhalb Kilometer Wegstrecke vom Einstiegsschacht entfernt ist, nichts zu verschmutzen, legen die Forscher dort frische Kleider an. "Wir ziehen uns öfters um als Claudia Schiffer", behauptete Werner Gieswein.

Ein Luftzug in dem bislang auf 370 Metern vermessenen Gang nährt die Hoffnung, dass es weitergeht. Die Richtung zeigt zur Hessenhauhöhle bei Berghülen. Diese ist 5033 Meter lang, das aus Blauhöhle und Vetterhöhle bestehende Blauhöhlensystem 12 200 Meter. Dazwischen liegen - direkt gemessen - noch rund 850 Meter. Mit einer Verbindung beider Höhlen und weiteren Gängen könnte das System im Blautopf-Einzugsgebiet mit seiner Gesamtlänge das "Riesending" bei Berchtesgaden überholen und zu Deutschlands längster Höhle werden. Die Marke liegt bei 19 300 Metern.

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