Bequem auf Bücherfang - E-Books beliebt

Buchhandlungen haben Flair. Aber Internetbuchhandel und E-Books machen ihnen starke Konkurrenz. Sind sie vom Aussterben bedroht? Buchhändler aus Laichingen und Blaubeuren berichten.

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Ernst-Joachim Bauer: Internetbuchhandel als Gegenspieler. Foto: Isabella Hafner

Man weiß gar nicht, wo man hingucken soll. Das Auge wird nicht satt. Der Blick hangelt sich von einem Buchcover zum nächsten. Da liegen Autoren und Titel, die verführen: François Lelord, Martin Walser, Leon de Winter oder Peter Stamm. Buchläden sind eine der wenigen Läden, wo Innen kaum eine Wand durchblitzt - Bücher bis unter die Decke. Da ist das Ticket für eine Reise in eine andere Welt für gerade mal zehn bis dreißig Euro zu haben. Sich anmachen lassen und eines kaufen oder widerstehen? Das Gewissen flüstert: Zu Hause wird der Stapel immer größer.

Ist es also nur Science Fiction, dass vielen Buchhandlungen der Tod droht? Ernst-Joachim Bauer aus der Buchhändlerdynastie Aegis mit Läden in Laichingen und Ulm spürt zumindest die Veränderungen deutlich. Auch Karin Bauer, die im Laichinger Aegis-Laden ihres Mannes arbeitet. "Wenn unsere Kinder kommen, dann heißt es schon: Bloß nicht das Wort Amazon verwenden." Zuvor hatte Bauer den Klappentext für die Geschichte des Buchhandels mit offenem Ausgang geliefert: Zwar werde noch immer so viel gelesen wie vor zwanzig Jahren - entgegen der landläufigen Meinung. "Besonders bei den Reiseführern verzeichnen wir Zuwächse, obwohl man dazu mittlerweile einfach Apps herunter laden kann", berichtet er. Aber der Gegenspieler Internetbuchhandel ist präsent: Bequem von zu Hause aus shoppen, ein Klick, in den Warenkorb, fertig. Nicht mehr vor die Tür müssen, keine Öffnungszeiten beachten. Zwei, drei Tage später ist das Buch im Briefkasten. Toll?

Nicht toll für Ernst-Joachim Bauer: "Für den Internethandel steht ein Name, den ich gar nicht aussprechen will." Siehe Aussage Karin Bauers. "Es ist für mich ein Ärgernis, dass Millionen Internetnutzer auf diese Seite gehen, obwohl auch kleine Buchhandlungen Bücher für den Kunden bestellen." Schneller, sagt Bauer: "Wenn um 18 Uhr ein Kunde bei uns bestellt, kann er sein Buch am nächsten Tag um 8 Uhr abholen." So sei das seit 50 Jahren. Der Preis bleibe gleich - wegen des Preisbindungsgesetzes. Beim Onlinekauf fällt dagegen meist noch Porto an.

Ein Beispiel Bauers spiegelt das veränderte Kaufverhalten vor allem bei Jugendlichen wieder. "Kürzlich hat ein Lehrer extra keinen Klassensatz der Schullektüre bei mir besorgt, damit sich seine Schüler selbst um ihr Buch kümmerten." Bauer hat abgewartet. Von 25 Schülern waren am Ende fünf in der Buchhandlung. Der Rest? "Ein Teil hat woanders eingekauft, ein Teil hatte das Buch schon zu Hause, ein Teil hat es sich im Internet besorgt."

Eine andere Art von Lesern wiederum jucken die Papiere im Pappendeckelsandwich gar nicht. Warum, bitteschön, sollten sie Bücher in Regalen horten, in denen sie einstauben? Auf bildungsbürgerliches Geprotze pfeifen sie. Ihre Gemeinsamkeit zu den Onlineshoppern: Sie laden sich ihr Buch abends bequem im Bett herunter - etwa zwanzig Prozent günstiger als die gebundene Ausgabe - und lesen diese gleich zum Einschlafen. Sie lieben ihren E-Reader - ein zweiter Problempunkt in der Buchhändlergeschichte. Der Reader kann eine ganze Bibliothek in sich aufbewahren, statt der fünf Bücher muss in den Urlaubskoffer nur der Reader, die Schriftgröße ist verstellbar - praktisch gerade im Alter.

Zwar verkaufen die Buchhandlungen selbst auch E-Reader und E-Books können direkt im Laden herunter geladen werden. Aber wer macht das schon, wenn er es bequem von zu Hause aus auch kann? Höchstens der problembewusste Leser, der weiß, dass sich sein Buchhändler vor Ort freut, wenn bei ihm ein bisschen Provision hängen bleibt.

Als mutig wollen die Buchhändler Martin Gaiser und Irena Bohovic nicht bezeichnet werden. Sie haben im Sommer die Blaubeurer Buchhandlung Holm übernommen. Zuvor arbeiteten sie bei der Buchhandelskette Thalia in Ulm. Sie haben den Schritt zum eigenen Laden gewagt. Denn "wir wollten nicht nur noch tun, was die Zentralleitung vorgibt". Vorsichtshalber haben sie sich eine Unternehmensberaterin geschnappt. Martin Gaiser: "Sie hat gesagt: Einfach wirds nicht, die Zahlen sind nicht toll." Gleichzeitig habe sie aber den beiden Durchhaltevermögen zugetraut.

Warum aber fiel bei den beiden die Wahl gerade auf die Buchhandlung Holm? Gaiser erklärt: Sie ist die einzige in Blaubeuren, dort sei eine intellektuelle Landschaft vorhanden, außerdem weisen Blaubeurens Hotels eine hohe Bettenbelegungszahl auf. "Im Sommer haben wir das schon massiv gemerkt." Doch auch vor dem Bücherpunkt machen die Probleme der Branche nicht Halt. Der Laden wirbt damit, dass über die Homepage Bücher bestellt und im Laden abgeholt oder nach Hause geliefert werden können. Gaiser wird sauer, wenn er über Amazon spricht: "Der hat seinen Firmensitz in Luxemburg, wo er kaum Steuern zahlen muss. Sein Geld verdient er in Deutschland, das finde ich unverantwortlich." Die Kunden sollten daher bewusst einkaufen.

Aber auch die Buchhändler nimmt Gaiser in die Mangel. Sie sollten ihr Standesdünkel ablegen und sich öffnen für die Zukunft. Die sehe eben anders aus, man müsse beweglich sein. Martin Gaiser fragt: "Bin ich noch Buchhändler, wenn ich außer Bücher noch Radiergummis verkaufe?" Und antwortet sich selbst: "Ja". Er sei sich für ergänzenden Nippes jedenfalls nicht zu schade.

Minus bei den Buchläden
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