Besuch in Blaubeuren: Beifall für Ramelow

Jeden Tag die Welt ein bisschen lebenswerter und gerechter gestalten, ist der Anspruch von Bodo Ramelow, Ministerpräsident in Thüringen. Er war in Blaubeuren.

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Linker und Christ: Nach dem Vortrag suchten viele das Gespräch mit Bodo Ramelow.  Foto: 

Vor Jahren bekam ein Ministerpräsident im Blaubeurer Kloster eine kalte Dusche ab. Der hieß Gerhard Stoltenberg, war von der CDU und damals Regierungschef in Schleswig-Holstein. Schüler des im Kloster untergebrachten evangelischen Seminars und Leute aus dem Umfeld des damals deutlich links angehauchten Blaubeurer Jugendhauses standen im Verdacht, einen Kübel Wasser von einer Empore herab auf den Politiker geschüttet zu haben. Unbeschadet hat der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Partei „Die Linke“ nun seinen Auftritt im Dorment des Klosters überstanden. Er wurde sogar mit Beifall überschüttet. Seine Positionen für eine gerechtere Gesellschaft kamen bei den 200 Zuhörern an.

Der Evangelische Kirchenbezirk hatte den bekennenden Protestanten als einen Beitrag zum Reformationsjubiläum zu Vortrag und Diskussion nach Blaubeuren eingeladen. Er stammt aus einer traditionsreichen lutherischen Familie, trat auch mal aus der Kirche aus, als er mit seinem Pfarrer uneins war über die Form der Jugendarbeit. Als Aufbauhelfer kam der Gewerkschaftssekretär in den Osten, kandidierte 1999 in Thüringen für die PDS. „Bei den Kommunisten“, wie ihm eine alte Tante damals vorwarf.

Wie geht das zusammen, Linker und Christ? Ramelow bezeichnet sich als „demokratischer Sozialist“. Begründet er seine Vorstellung vom Sozialismus mit Gott? Das wollte ein junger Zuhörer genau wissen. Ja, antwortete der eloquente 61-Jährige, doch er wolle keinen Gottesstaat, solche Versuche gingen immer schief. Ramelow zitierte die Bibel: Alle sieben Jahre sei der Zins, alle 50 Jahre die Schuld zu streichen. Wer ein Feld habe, müsse es nach der Ernte zum „Stoppeln“, zum Ährenlesen für die Armen zur Verfügung stellen. Ramelow hält die „christliche Vorschrift des Teilens“ hoch.

Nicht die Feinde des Sozialstaats

Er prangert an, dass in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, drei Millionen Kinder unter Armutsbedingungen aufwachsen und es an solch alltäglichen Dingen fehle wie einem Pullover für die Klassenfahrt. Und dass eine Verkäuferin, die ihr Leben lang geschafft hat, im Ruhestand „zum Amt gehen muss“, weil’s Geld nicht reicht. Ramelow kritisiert Hedge-Fonds, mit denen Monokulturen in Afrika angelegt würden. Dadurch produziere man Flüchtlingsbewegung. „Menschen, die nach Deutschland kommen, sind nicht die Feinde des Sozialstaats“. Die Herausforderung sei, sie in die Lage zu versetzen, mit ihrer eigenen Hände Arbeit Geld zu verdienen. In Thüringen gebe es 3000 offene Ausbildungsstellen und 40 000 leerstehende Wohnungen.

Hasspredigern nicht das Feld überlassen

Er versteht nicht, dass Flüchtlinge aus Afghanistan einen anderen Status haben als die aus Syrien. „Das sage ich auch jedes Mal der Kanzlerin“, berichtete der Ministerpräsident. „Meine Behörden müssen Entscheidungen treffen, die ich nicht gut finde.“ Er tritt ein für einen gesellschaftlichen Dialog, der nicht den Hasspredigern das Feld überlässt. Ramelows Credo: „Jeden Tag die Welt ein bisschen lebenswerter und gerechter gestalten.“

Konkret angesprochen wurde Ramelow auf die Position der Linke-Fraktionsvorsitzenden Sahra Wagenknecht zum Thema Abtreibung, die Selbstbestimmung fordert. „Ich muss nicht alles gut finden, was sie sagt“, antwortete Ramelow. „Ich bin ein Gegner der Abtreibung.“ Andererseits dürfe das Thema nicht aufs Strafgesetzbuch reduziert werden. Sahra Wagenknecht solle den „innerfamiliären Diskurs“ suchen mit ihrem katholischen Ehemann Oskar Lafontaine. Auch er gehöre zu den bekennenden Christen bei den Linken.

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