Behinderter Lehrer kämpft gegen Barrieren

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In die Schule zu kommen, ist für Rollifahrer Uwe Maier ein Hindernislauf. Er braucht Helfer wie Volker Waldbaur.  Foto: 

Jede Menge Hindernisse hat der Laichinger Lehrer Uwe Maier schon überwunden, bevor er in seiner ersten Stunde aus dem Rollstuhl seine Englisch-Klasse unterrichtet. Jede Ankunft am Albert-Schweitzer-Gymnasium muss genau geplant sein. „Ohne Hilfe komme ich nicht aus dem Auto“, sagt Maier. Jeden Tag steht ein anderer Kollege bereit, um ihm beim Aussteigen, beim Ausladen seines Rollstuhls und beim Eintritt in den Schulneubau zu helfen.

Der Abstellplatz vor dem Schulgebäude ist jetzt im Winter manchmal vereist. Wegen seiner attestierten „außergewöhnlichen Gehbehinderung“ wäre das Aussteigen alleine zu gefährlich. Und obwohl der Gymnasium-Neubau barrierefrei sein sollte, erweisen sich schon die großen Eingangstüren ohne automatischen Türöffner als ein Problem.

Uwe Maier ist eine Institution am Laichinger Gymnasium. Er ist ein sehr geschätzter Sprachenlehrer, der über Jahrzehnte hinweg die Englisch-Fachschaft leitete. Vor zehn Jahren begannen gesundheitliche Probleme – mit einem gutartigen Tumor im Kopf, der auf die Größe einer Apfelsine anwuchs und schließlich bei einer schweren Operation entfernt wurde. „Seither ist nichts mehr, wie es war“, erzählt der 61-Jährige. Sein Balance-Gefühl ist gestört: Während er nach der Operation Probleme mit dem linken Bein hatte, ergab sich seit einem Sturz im Mai auch eine Geh­unsicherheit rechts. „Ich musste viel aufgeben“, unter anderem seine Rockband, erzählt er. Seinen Lehrauftrag hat er reduziert.

Er ist enttäuscht zu erleben, dass Bekenntnisse von Politikern zur Inklusion von Behinderten in seinem Fall nur „leere Worte“ sind. „Dabei ist es Gesetz, dass Aufzüge in öffentlichen Gebäuden vorhanden sein müssen.“ Das Problem: Bei Altbauten muss Barrierefreiheit erst im Zuge von Umbauten hergestellt werden.

Keine schnelle Abhilfe

Weder das Regierungspräsidium noch die Stadt Laichingen werden deshalb schnell für Abhilfe sorgen – auch wenn sie ihre Sympathie und ihr Bedauern für Maier äußern. Zuständig ist das Regierungspräsidium, aber das beruft sich auf die Richtlinie, dass ein behinderter Lehrer eher an eine andere Schule versetzt oder in den Ruhestand verabschiedet wird, als Umbaumaßnahmen zu bezahlen, wenn sie den finanziellen Rahmen sprengen, erläutert Cordula Plappert, Schulleiterin des Gymnasiums, die Position der übergeordneten Behörde. Die Stadt Laichingen sieht angesichts hoher Schulden auch keinen Spielraum für freiwillige Umbauten zugunsten eines Einzelnen. „Der Einbau eines Aufzugs würde 150 000 Euro kosten“, sagt Bürgermeister Klaus Kaufmann. „Das können wir wegen anderer hoher Investitionen in den Schulen nicht leisten.“ Da hilft es Uwe Maier nicht, dass er ein Angebot für den Einbau eines ganz einfachen Aufzugs für rund 40 000 Euro vorliegen hat, wie er in anderen Altbauten nur für Behinderte eingesetzt wird. „Das wäre keine vernünftige zukunftsträchtige Lösung, zumal dieser Aufzug nicht alle Stockwerke anfahren könnte“, argumentiert Kaufmann, der das Thema von einem Sachverständigen hat beurteilen lassen. Auch das Argument, dass ein barrierefreier Altbau behinderten Schülern helfen könnte, zieht vom rechtlichen Standpunkt aus nicht.

Momentan sieht es so aus, als müsse sich Maier mit der Situation irgendwie arrangieren. Eine Versetzung oder Pensionierung kommt für ihn jedenfalls nicht in Frage. Der Unterricht in Laichingen ist es ja gerade, was ihn momentan aufbaut: „Hier bin ich zu Hause. Ich liebe diese Schule.“

Einige Kollegen, die ihm auch sonst unter die Arme greifen, überlegen, Spendenaktionen zu organisieren, um den Aufzug im Altbau mit eigenen Mitteln zu finanzieren oder zumindest Erleichterungen wie Türöffner. „Jeder von uns könnte in genau dieselbe Situation geraten“, gibt Volker Waldbaur zu bedenken. Wie Maier ärgern sich auch andere darüber, dass die Stadt gerade eine Million für Brandschutz und Feuertreppen ausgegeben hat, aber nichts für Barrierefreiheit.

So bleiben „1000 Dinge“ für Maier ein Hindernis. Am schlimmsten ist für ihn, dass er keinen normalen Kontakt zu Kollegen hat, weil er das allgemeine Lehrerzimmer und Schulsekretariat wegen der Treppen nicht ohne großen Aufwand erreicht. Post aus dem Dienstfach bringen ihm Kollegen. Kurzfristige Pausen-Konferenzen erreicht er indes nicht.

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