Ausstellung: Archaische Brücken in die Eiszeit schlagen

|
Vorherige Inhalte
  • Künstler Konrad Geyer (rechts) erklärt Nadine Maier und Albrecht Braun vom Vorstand des Lonetal-Vereins, wie er mit der Frottage-Technik sein Bild „Über dem Wald“ angefertigt hat.  1/2
    Künstler Konrad Geyer (rechts) erklärt Nadine Maier und Albrecht Braun vom Vorstand des Lonetal-Vereins, wie er mit der Frottage-Technik sein Bild „Über dem Wald“ angefertigt hat.  Foto: 
  • Richard Allgaier stellt in Langenau Kunstwerke aus, die er mit der Kettensäge ausgesägt hat.  2/2
    Richard Allgaier stellt in Langenau Kunstwerke aus, die er mit der Kettensäge ausgesägt hat. Foto: 
Nächste Inhalte

Überall Wald. Urwald, um genau zu sein, in dem natürliche, organische Formen vorherrschen. Vor 35.000 Jahren war im Lonetal, dessen Höhlen mit jenen im Achtal im Juli zum Unesco-Welterbe erhoben wurden, eben noch lange Zeit keine Spur von begradigten Flurstücken. Von Siedlungen, die sich ausdehnen. Von Straßen, die die Landschaft durchschneiden.

Urzeitlich wirkt Konrad Geyers Frottage „Über dem Wald“, mit dem der Ulmer Künstler aus der Vogelperspektive auf das Ur-Lonetal blicken lässt, eines der Exponate der Ausstellung „Zeitgenössische Kunst zur Eiszeitkunst III“, die von Sonntag an im Kulturbahnhof Langenau zu sehen ist (siehe Info-Kasten). Und doch verbindet Geyer auch den Urwald mit den Eingriffen, die die Moderne mit sich bringt. In „Waldspaltung“ zieht sich ein roter Balken wie eine Schneise durchs Bild. „Es soll die Umwandlung der Natur darstellen.“

Mit einfachsten Mitteln hat Geyer seine Holzschnitte für die Frottagen hergestellt, geritzt, geschnitzt, gekratzt. Vielleicht stellenweise so, wie die Menschen in der Eiszeit die vermeintlich ersten Kunstwerke der Geschichte wie Löwenmensch und Pferd gefertigt haben. „Die Frottage war für mich die Urtechnik.“ Damit sei er „ganz archaisch“ vorgegangen. Mit einem Graphit- und Kohlestift hat er den Schnitt auf Papier übertragen, Farbpigmente aufgebracht. Noch immer haften Reste davon an seinen Fingernägeln.

Das Archaische als Annäherung an die erste Kunst der Menschheit aus den Höhlen entlang der Lone ist ganz im Sinne des Lonetal-Vereins, der die Ausstellung mit dem Künstlerhaus BBK Ulm und der Stadt Langenau veranstaltet. Man wolle auch mit Hilfe der Kunst eine Brücke schlagen, sagt Albrecht Braun vom Vereinsvorstand, von heute zu damals, zu den Eiszeitmenschen. Seit seiner Gründung 2001 in Lonsee arbeitet der Verein mit seinen mittlerweile mehr als 100 Mitgliedern daran, den Menschen in der Region ihr kulturelles Erbe nahezubringen. Und er will dabei helfen, deren Zeugnisse zu bewahren.

Wissenschaftliche Vorträge, wie zuletzt in Langenau über die Muster auf den Eiszeitfunden, etwa Kreuzreihen auf dem Mammut, werden veranstaltet, Exkursionen organisiert, Führungen durchs Lonetal angeboten, ja sogar wissenschaftliche Grabungen wie vor vier Jahren in Börslingen finanziell unterstützt.

Vieles läuft natürlich nur in Kooperation, so hat Heinrich Wolf, der seit 2016 den Vorsitz im Vorstand inne hat, gemeinsam mit seinem Vorgänger Braun für die nun startende Ausstellung den Kontakt zum Künstlerhaus BBK Ulm hergestellt, das dann wiederum die beiden Künstler vermittelte. „Wir brauchen Qualität, wir sind ja kein Kunstverein“, sagt Braun.

Das Geld für die vielen Projekte stammt aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen. Laut Braun und Wolf hatte der Verein vor Jahren auch Unterstützung von juristischer Seite: Strafzahlungen aus Gerichtsverhandlungen flossen gelegentlich in die Vereinskasse, konnten so das ein oder andere Projekt mitfinanzieren. Mittlerweile ist diese Geld-Quelle versiegt, aber man will den Kontakt zu den Juristen wieder suchen.

Mit alten Materialien gearbeitet

Archaisches, Ahnen, Nachkommen, all das steckt auch in den Skulpturen von Richard Allgaier, dem zweiten Künstler der Ausstellung. Aus einer Mooreiche, die 4000 Jahre im Bad Waldseer Ried lag, hat er mit einer Kettensäge seinen „Ahnenstamm“ herausgearbeitet. „Ich habe Materialien genommen, die auch was auf dem Buckel haben.“

Geschwungene, natürliche Formen, langgezogene Gesichter: Allgaiers Skulpturen erinnern an Kunst aus Afrika oder Südamerika. Auf beiden Kontinenten war er unterwegs, hat sich dort inspirieren lassen – und deren archaische Formen in seine Kunstwerke einfließen lassen.

„Es zeigt die lange Kette von Vorfahren, die jeder von uns hat“, sagt Allgaier selbst über seinen „Ahnenstamm“. Für Albrecht Braun hat „das schon fast etwas Religiöses“. Eigens gefertigt für die Ausstellung hat Allgaier das Kunstwerk nicht. Er habe aus seinem Fundus jene herausgesucht, die zum Thema passen.

Reihe Die Ausstellung „Zeitgenössische Kunst zur Eiszeitkunst III“ beginnt am kommenden Sonntag, 22. Oktober, im Kulturbahnhof Langenau mit einer Vernissage (11 Uhr). Die Werke der beiden Künstler Konrad Geyer (Ulm) und Richard W. Allgaier (Bad Waldsee) sind dann bis zum 27. November dort zu sehen, immer sonntags von 14 bis 17 Uhr.

Kooperation Die Ausstellung kam zustande über eine Kooperation des Lonetal-Vereins mit dem Künstlerhaus BBK. Von dort kam der Vorschlag, sich an die beiden nun ausstellenden Künstler zu wenden. Die Ausstellungsreihe läuft in etwa alle zwei Jahre, zuletzt hatte sie der Lonetal-Verein mit der Ulmer Kunststiftung „Pro Arte“ zusammen ins Leben gerufen.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Kripo-Beamter der Ulmer Polizei vor Gericht

Wegen Strafvereitelung und Unterschlagung von Geldbußen in zig Fällen muss sich ein Polizist vor der Justiz verantworten. Der Angeklagte bestreitet alles. weiter lesen