Aug' in Aug' mit Charolais-Rindern

Eine Vegetarierin zu Besuch auf einem Rinderhof? Jule Weishaupt grinst.

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Ja, sie esse zwar seit zwei Jahren kein Fleisch mehr. Doch als ihr Großvater sie animierte, die Ferienzeit sinnvoll zu nutzen, kam sie mit. Nach Asselfingen, an den nordöstlichen Zipfel des Alb-Donau-Kreises. "Ich will gucken, wie das hier abläuft", sagt die Zwölfjährige aus Blaustein.

Mit gut 20 weiteren Teilnehmern begibt sie sich am Freitagnachmittag auf Entdeckungstour. Auf Einladung der SÜDWEST PRESSE, geführt von Ulrich Gröner. Der 51-Jährige züchtet seit 1990 Charolais-Rinder, von denen es in der Region sehr wenige gibt. Eine französische Rasse, weiß bis cremefarben, ohne Pigmentflecken. Bei Gröner haben vier von fünf Rindern keine Hörner mehr. "Wir versuchen über die Genetik der Bullen auf hornlose Tiere umzustellen", erklärt der Landwirt. Ein schmerzhaftes Entfernen bei Jungtieren mittels Lötstift könne er nicht mehr befürworten. Doch eine Frage lässt da nicht lange auf sich warten: "Ist ein Rind ohne Hörner noch ein Rind?" Für Gröner schon. Sein Argument gegen Hörner ist die Verletzungsgefahr - für den Landwirt selbst und die anderen Tiere.

Der 51-Jährige ist ein Mann der klaren Worte. Das wird rasch deutlich, als er den Besuchern den Stall zeigt. "Ein Spaltenboden ist für die Tiere nicht so schlimm, wie es immer dargestellt wird." Er bezieht sich auf die Kritik von Tierschützern und geht sofort in die Offensive. Gewiss müssen seine aktuell 75 Rinder artgerecht gehalten werden. Einzig: "Wenn es den Tieren besser geht als dem Landwirt, stimmt etwas nicht." Es gebe unzählige Gesetze und Verordnungen, die eingehalten werden müssten. Und der Spaltenboden an jenem Ort, an dem die Tiere im Winter fressen und Ballast abwerfen, erleichtere die Arbeit ungemein. "Der Dreck läuft unten einfach weg." Danach lägen die Rinder ja wieder auf Stroh.

Geringerer Arbeitsaufwand ist einer der Gründe, warum der gelernte Landwirt kein Milchvieh hält. Von April bis November seien seine Charolais-Rinder auf der Weide. Er kontrolliert die Zäune, stellt Futter bereit, muss nicht melken.

Die Kälber werden von den derzeit 33 Mutterkühen nicht getrennt. Zehn Monate säugen diese ihren Nachwuchs, der mit 12 bis 14 Monaten geschlachtet werde. In Sontheim. Dorthin bringt Gröner die Jungtiere in einem Viehhänger. Den Besuchern zeigt er das Selbstfangfressgitter, das er in dem Wagen verbaut hat. Eine Einrichtung, mit der die Rinder vertraut sind. Nach zehn Minuten Fahrt dauere es maximal fünf Minuten, bis sie im Hänger erschossen werden. Mit dem Ablauf solle es nicht nur den Tieren einfacher gemacht werden. Auch die Fleischqualität bleibe so hoch. "Der PH-Wert sollte nicht steigen." Das wäre der Fall, wenn die Rinder kurz vor ihrem Tod in Stress geraten.

Während Handykameras klicken, hört Walter Rieck aus Neenstetten aufmerksam zu. Der 75-Jährige ist gekommen, um sich Gröners Arbeit anzuschauen. Er selbst sei in der Landwirtschaft aufgewachsen, sagt er. "Mein Vater hatte einen Hof, den mein Bruder weitergeführt hat." An dessen Schwiegersohn sei der Betrieb nun verpachtet, erzählt der gelernte Landmaschinenmechaniker.

Auf dem Weg zu einer angrenzenden Obstwiese fachsimpelt Rieck. Kein Wunder, dass das klappt. Die meisten Besucher haben einen persönlichen Bezug zur Landwirtschaft. Wie Renate Bernatzki aus Ulm. In ihrer Jugend sei sie in den Ferien bei den Großeltern auf dem Hof gewesen. Nach Asselfingen sei sie gekommen, um sich über Charolais-Rinder zu informieren. "Aber auch wegen dem Fleisch", sagt sie augenzwinkernd.

Am anderen Ende der Wiese tummeln sich fünf Jungtiere, fressen gemütlich. Gröner versucht sie zum Zaun zu holen. Vergeblich. Die eigentlich umgänglichen Tiere zieren sich. "Schade", sagt Bernatzki. Doch der Gastgeber will die Tiere aus der Nähe präsentieren. Zehn Minuten dauert der Spaziergang zur weitläufigen Weide, wo das Gros der Rinder die Sonne genießt.

Während Renate Bernatzkis Mann Edmund den Weg nicht auf sich nimmt und dem Hofladen - in diesem vermarktet seit 15 Jahren Gröners Frau Ute das Charolais-Fleisch direkt - einen Besuch abstattet, zeigt der Hofherr den Gästen den zweijährigen Zuchtbullen. "In der Herde gibt die Leitkuh den Ton an, nicht der Bulle." Der sei eher ein Mitläufer. "Wie im menschlichen Leben", scherzt ein Mann.

Charolais-Rinder seien schwerer als etwa Angus-Rinder, erklärt Gröner. "Wir hatten einmal einen Bullen mit 1250 Kilo." Die Kühe wiegen bis zu 950 Kilo. Auf der Weide bekommen die Tiere Gras, Heu, Stroh. Zudem gibt's Lecksteine mit Salz und Nährstoffen.

Die Hitze der vergangenen Wochen habe den Tieren zugesetzt, sagt Gröner. "Wir waren kurz davor, eine Sprenkelanlage einzusetzen." Auch die Futtervorräte seien durch die Trockenheit rapide gesunken. Der 51-Jährige, der in Teilzeit bei einem Fahrzeugbauer in Langenau angestellt ist, will seinen Betrieb noch einige Jahre weiterführen. Das gehe nur, wenn seine Familie - Frau, Sohn und drei Töchter - wie bisher mithilft. "Alle ziehen bei uns an einem Strang." Wie etwa am Freitagmorgen, als die Herde ausgebüxt ist. "Entweder ein Hund oder Wild muss auf die Weide sein, sonst wären die Tiere nicht so verstört gewesen", meint Gröner. Diese seien an einer Stelle, an der zwei Zaunpfosten auf dem Boden lagen, ausgebrochen. Ein paar hundert Meter entfernt hat er sie gefunden. Gemeinsam mit seinem Sohn trieb er sie zurück. Ob der 30-Jährige, der "einen guten Job" habe, einmal den Hof übernimmt? "Man wird sehen, ob er jeden Tag 12 bis 14 Stunden arbeiten will." Sagt der Vater.

Von der Aufregung der vergangenen Nacht ist bei den Rindern nichts mehr zu sehen. Gemütlich fressen sie auf der Weide, wechseln sich an der Tränke ab. Neugierig schauen sie die Besucher an, die erwidern die Blicke. Eine gegenseitige Attraktion, so scheint es.

Auch Jule Weishaupt ist letztlich beeindruckt. Und von unwürdiger Massentierhaltung könne bei Gröners wahrlich keine Rede sein, meint sie. Aber Vegetarierin wolle sich nach ihrem fast zweistündigen Besuch trotzdem bleiben.

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