Asylbewerber besuchen Alphabetisierungskurs in Senden

Und der Lehrer sagt: "Jetzt schlagen wir Seite 39 auf." Die Schüler nehmen ihre Bücher, Kugelschreiber und lose Blätter zur Hand und beginnen zu lesen. Was nach einer Unterrichtsstunde an einer deutschen Schule klingt, ist ein Alphabetisierungskurs für Asylbewerber in Senden.

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Eine ganze Reihe von Deutsch- und Alphabetisierungskursen bieten die Wolfahrtsverbände und Helferkreise in der Region: einer davon ist in Senden.  Foto: 

Modon Lami Singhateh und seine Mitschüler lernen das Alphabet, dann lesen, schreiben und die Grundlagen der deutschen Sprache. Zweimal in der Woche unterrichtet Albert Lehmann in den Räumen der Diakonie Neu-Ulm, der Wohlfahrtseinrichtung der evangelischen Kirche.

Alle Fenster des Raumes sind geöffnet. Es herrscht eine drückende Hitze. Die Schüler sitzen an einem großen Tisch und machen ihre Übungen. Die Bücher sind auf dem ganzen Tisch verteilt. "Es ist nicht einfach, Deutsch zu lernen", sagt Singhateh aus dem Senegal, "das ist eine Frage der Konzentration". Das Gespräch führt er auf einer Mischung aus Deutsch und Englisch.

Als er im vergangenen April zum Kurs stieß, konnte er weder lesen noch schreiben. Inzwischen trägt er Texte fast fehlerfrei vor und füllt Aufgaben auf Übungsblättern aus - auf Deutsch. "Er lernt sehr schnell und ist immer bei der Sache", lobt Lehmann. Außerhalb des Unterrichts übt der 19-Jährige jeden Tag, erzählt er. In seinem Alltag ist er mit einem Mandinka-Deutsch Wörterbuch anzutreffen. So kann er sich zum Beispiel beim Einkaufen im Supermarkt verständigen.

Im Unterricht korrigieren Lehrer und Schüler gemeinsam die Hausaufgaben. Dann geht es ans Lesen, und schließlich beginnen sie mit den Aufgaben aus dem Deutschbuch. "Mein, dein, sein" - Grammatik ist das Thema der Stunde. Die Schüler setzen auf dem Übungsblatt ein: mein Apfel, deine Schwester, sein Heft. "Heute macht es mir richtig Spaß, es fällt mir leicht", sagt Singhateh. Die Übungen, die geplant sind, hat er zum großen Teil bereits ausgefüllt und zwar korrekt. Warum dieser Ehrgeiz? "Wenn ich gut deutsch spreche, finde ich später vielleicht eine Arbeit", sagt Singhateh. Am liebsten würde er jeden Tag zur Schule gehen und eine Ausbildung zum Mechaniker machen. Der Kurs ist eine Chance auf Bildung, die Singhateh in seinem Heimatland, dem Senegal, nicht hatte. Der Muslim hat keine Schule besucht, nahm lediglich an einem Religionsunterricht teil. Dort las ihm jemand aus dem Koran vor. Genaue Erinnerungen daran hat er nicht, erzählt der junge Mann.

Warum er nicht zur Schule gehen konnte. Warum er fliehen musste und zum Verbleib seiner Eltern, davon zu erzählen, fällt dem jungen Asylbewerber schwer. "Es macht mich traurig", sagt Singhateh mit brüchiger Stimme. Vor zwei Jahren brach der 19-Jährige im Senegal auf. Sein Weg führte ihn durch die Länder Mali, Burkina Faso und Niger. Nach einem Jahr kam er in Libyen an. Dort arbeitete er als Gärtner, wie auch schon in seiner Heimat. "Der Boden dort ist trocken, und man muss alles von Hand machen." Auf den Rat eines Freundes hin, beschloss er, nach Deutschland zu gehen. Auf der Suche nach einer Perspektive. Die Überfahrt auf einem Schlepperboot "war eine schlimme Erfahrung". Eine Woche später war er in Italien, fuhr mit Bus und Bahn nach München und gelangte in eine Unterkunft in Neu-Ulm.

Im Kurs traf der junge Mann aus dem Senegal auf Albert Lehmann. Der pensionierte Lehrer unterrichtet ehrenamtlich seit zwei Jahren Asylbewerber in Zusammenarbeit mit der Diakonie Neu-Ulm. Derzeit hat er sieben Schüler, die zwei Mal wöchentlich zur Deutschstunde kommen. "Einen Lehrplan gibt es nicht", sagt der 72-Jährige. Viele Übungen hat er sich selbst überlegt. Mit seinen Schülern kauft er Deutschbücher. Oft ist der Unterricht kein einfaches Unterfangen: "Manche fühlen sich überfordert und kommen nicht mehr." Der Erfolg eines Schülers wie Singhateh macht ihn stolz. ""Wir lernen voneinander", sagt Lehmann.

Schulbildung im Senegal

Schulpflicht Im Senegal gibt es bis zum Alter von 16 Jahren eine Schulpflicht. Die Kinder sollen im Alter von sechs Jahren an einer Grundschule eingeschult werden, die sie sechs Jahre lang besuchen. Danach gehen sie auf eine Realschule oder ein Gymnasium. Der Besuch einer staatlichen Schule ist kostenlos.

Analphabeten Das Schulsystem im Senegal ist jedoch nicht in der Lage, die vielen Kinder aufzunehmen, die im Schulalter sind. Der Staat kontrolliert nicht, ob die Kinder ihrer Schulpflicht nachkommen. Deshalb sind etwa 60 Prozent der Bevölkerung im Senegal Analphabeten.

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Kommentare

29.08.2015 12:14 Uhr

Probleme über Probleme

und das ist erst der Anfang über die Kosten reden wir besser gar nicht, noch weniger wer das alles bezahlen soll.

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