Die Suche nach dem "heiligen Hain"
Langenau/Region. Welches Interesse hatten die Nationalsozialisten an archäologischen Grabungen im Lonetal? Dieser Frage geht das neue Buch des Lonetalexperten Jürgen Werner nach. Hauptfigur darin ist Robert Wetzel.
Aus der Geschichte bezieht die Politik seit Jahrtausenden ihre Legitimation. Was nicht passend war, wurde schon immer passend gemacht. Einen recht kruden und mit Theorien des NS-Rassenwahns gespickten Pakt zwischen Geschichte und Politik hat jetzt Jürgen Werner (44) aufgespürt.
Der gebürtige Asselfinger, Lehrer für Mathematik und Physik in Urach, geht in seinem neuen Buch der Frage nach, warum sich die Nationalsozialisten für die eiszeitliche Archäologie im Lonetal interessierten. "Mir fiel irgendwann auf, dass manche der Lonetal-Ausgräber Mitglieder der NSDAP waren, und ich stellte mir die Frage, welchen Zusammenhang es zwischen dem Nationalsozialismus und archäologischen Grabungen im Lonetal gab", sagte Werner bei der Vorstellung seiner Publikation "Spurensuche auf der Schwäbischen Alb". Dazu eingeladen hatten der Lonetal-Verein und die Stadt Langenau. Werner gab den rund 50 interessierten Zuhörern einen Einblick in die bislang wenig erforschte Geschichte der archäologischen Ausgrabungen im Lonetal.
Protagonist in Werners Buch ist der Anatomieprofessor Robert Wetzel (1898-1962), der ab 1932 in der Bockstein-Höhle und von 1935 bis 1939 am Hohlenstein Ausgrabungen leitete. Wetzel hatte nach dem Ersten Weltkrieg Medizin studiert, 1933 trat er der NSDAP bei, 1937 begann seine Karriere in der Schutzstaffel Himmlers, die maßgeblich am Holocaust beteiligt war. Zu seinen Recherchen ließ sich Buchautor Werner Unterlagen über den Hobby-Archäologen Wetzel aus dem Berliner Bundesarchiv kommen: Grabungsberichte, Briefwechsel, Skizzen. Aus dem Quellenmaterial zeichnete er das Bild des überzeugten Nationalsozialisten und Hochschullehrers Robert Wetzel, der von Heinrich Himmler und der SS unterstützt und finanziert wurde.
Heinrich Himmler, Reichsführer-SS und Anhänger einer rassistisch-germanischen Phantasiewelt, erhoffte sich aus archäologischen Grabungen Belege seiner kruden Theorien. Auch interessierte sich der Chef von über 20 Konzentrations- und Vernichtungslagern für Sagen aus dem Lonetal. Dort, so Himmler in einem Brief an Wetzel, müsse es einen "heiligen Hain" geben. Vor allem aber war es den Nazis wichtig, den bedeutenden französischen Ausgrabungen etwas entgegenzusetzen. Sie wollten zeigen, erläuterte Werner, dass die Deutschen als eiszeitliche Kulturschöpfer bedeutender waren als die Franzosen.
Wetzel ging aus heutiger Sicht recht rabiat mit seinem Forschungssujet um, indem er sich Höhleneingänge einfach frei sprengte. Was er aber fand, ist bis heute eine Sensation: Den Knochen eines Neandertalers oder das Grab einer dreiköpfigen Familie. Den bedeutendsten Fund aus dem Hohlenstein-Stadel aber übersahen Wetzel und sein Kompagnon Otto Völzing im Jahr 1939: Den heute weltberühmten Löwenmensch.
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Autor: SIMON PALAORO | 18.05.2010
Forschungsarbeit im Lonetal unter nationalsozialistischen Vorzeichen: Robert Wetzel (Bildmitte) 1933 bei der Ausgrabung der Bocksteinschmiede. Das Bild stammt aus dem Grabungstagebuch von 1960. Foto: Ulmer Museum
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