Alleinerziehend, sechs Kinder und zum ersten Mal in Ausbildung

Sie wurde früh Mutter. Zwei Jahre nachdem Anita Pires ihren Hauptschulabschluss gemacht hatte, wurde ihr erstes Kind geboren.

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In einer neuen Rolle: Im Büro ist Anita Pires Auszubildende, somit die, die von anderen lernt. Zuhause ist sie nun beides: Lehrende und Lernende.  Foto: 

Sie wurde früh Mutter. Zwei Jahre nachdem Anita Pires ihren Hauptschulabschluss gemacht hatte, wurde ihr erstes Kind geboren. Inzwischen ist sie 38 Jahre alt, sechsfache Mutter, alleinerziehend (die drei kleineren Kinder leben bei ihr, die drei größeren beim Vater) und absolviert zum ersten Mal in ihrem Leben eine Ausbildung. Ein großer Schritt. Gleichwohl ein wohlüberlegter, entschlossener und akribisch vorbereiteter Schritt. "Man muss vorausschauen, Kinder bleiben nicht ewig klein", sagt Anita Pires. "Und man muss das wirklich wollen."

Sie weiß, was sie will: etwas Festes in der Hand haben, etwas Fundiertes. Einen Beruf, der sie erfüllt, nämlich Kauffrau für Büromanagement. Sie weiß auch, was sie nicht will: sich ein Leben lang von einem Minijob zum nächsten hangeln - wie viele alleinerziehende Mütter, die keine andere Wahl haben. Anita Pires war sich bewusst, dass eine Ausbildung in ihrer Situation "kein Spaziergang wird".

Als sie die Entscheidung traf, eine Ausbildung zu machen, ging sie zur Arbeitsagentur in Ehingen, wo sie wohnt, und sagte klipp und klar: "Das hab' ich vor. So sieht mein Plan aus." Sie drang darauf, in das Projekt "MIA - Mütter in den Arbeitsmarkt" der Familienbildungsstätte Ulm aufgenommen zu werden. Und sie holte sich die Gleichstellungsbeauftragte des Jobcenters Alb-Donau "ins Boot", wie sie es nennt. Die wiederum band noch den katholischen Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit In Via Ulm ein.

So entstand ein Netz von Unterstützern und Lotsen, die ihr halfen, die hohen organisatorischen Hürden zu nehmen: die Absprache mit der Kammer wegen einer Teilzeitlösung, die aufwendige Organisation der Kinderbetreuung, die schwierige Ausbildungsplatzsuche, die komplexe Regelung der Finanzen.

Ein schmaler Aktenordner voller Schriftverkehr kam zusammen, bis alles geklärt war, berichtet Beate Reize, die Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt im Jobcenter Alb-Donau. "Zu allem ist ein Antrag nötig." Der Papierkrieg war in diesem Fall ein doppelter: weil der erste Ausbildungsbetrieb, auf den alles zugeschnitten war, kurzfristig einen Rückzieher machte. "Zwei Tage später hat sich Frau Pires berappelt und die Enttäuschung beiseite geschoben", sagt die Gleichstellungsbeauftragte. Sie wollte ihren Plan durchziehen, nahm umgehend einen zweiten Anlauf.

Er sollte gelingen: Das Oberlin-Haus in Ulm bildet Anita Pires seit Oktober in dem neuen Büroberuf "Kauffrau für Büromanagement" aus, der drei Vorgängerberufe für Bürotätigkeiten verbindet. Wieso sich das Oberlin-Haus auf eine alleinerziehende, sechsfache Mutter einlässt, die außer einem Minijob als Servicekraft in der Gastronomie keine Berufserfahrung vorweisen kann? - "Weil sie im Vorstellungsgespräch das beste Bild abgab", sagt der Leiter der Verwaltung, Sebastian Stiegler. "Ganz elementar war auch, dass ihr klar ist, was auf sie zukommt, jeden Tag - auf drei Jahre gesehen." Denn die Jugendhilfeeinrichtung hat nicht nur gute Erfahrungen gemacht mit älteren Azubis - es krankte mitunter an Selbstüberschätzung und mangelndem Durchhaltevermögen. Die Konsequenz war aber nicht zu sagen: Wir stellen keine mehr ein. Sondern: "Wir sind vorsichtiger geworden bei der Auswahl". Das Oberlin-Haus hat als kirchlich getragene Einrichtung zwar einen sozialen Anspruch einzulösen und zeigt sich offen für Bewerber, die andernorts Ablehnung erfahren - es muss aber trotzdem wirtschaftliche Erwägungen miteinbeziehen.

Es ist nicht so, dass Anita Pires keine Ängste gehabt hätte. Anfangs dachte sie, sie würde einige Nächte durchlernen müssen, um den Stoff zu bewältigen. Nach so langer Zeit wieder lernen zu lernen, gelingt ihr besser als gedacht, "Ich komme super mit" - obwohl sie ihre Fachbücher erst nachts studieren kann, sobald die Kinder schlafen. In der Berufsschule hat sie sich trotz des großen Altersunterschieds zu den meisten anderen Schülern gut eingefunden, auch wenn es anfangs Irritationen gab: "Am ersten Schultag dachte mein Lehrer, ich bin eine Kollegin." Fast alle Mitschüler könnten ihre Kinder sein. Ein "komisches Gefühl" war das die ersten Tage, jetzt nicht mehr. Die 38-Jährige sieht vor allem das Verbindende: Sie alle sind zum Lernen da. Für Anita Pires steht abgesehen davon fest: "Ich gebe nicht die Mama-Rolle in der Klasse." Die Rollen verkehren sich auch zuhause. "Früher war ich die, die bei den Kindern Vokabeln abgefragt hat. Heute lasse ich mir von ihnen BWL erklären", sagt Anita Pires. Ihre 20-jährige Tochter machte schon ihr Abitur, die 18-jährige ist gerade dabei.

Das größte Problem, das sich ihr in den Weg gestellt hatte, war, für ihr kleinstes Kind einen Krippenplatz zu finden. Es ist zwei Jahre alt. Ab diesem Frühjahr muss es in den Kindergarten. Auch das musste schon gewährleistet sein, bevor die Ausbildung beginnen konnte. Das Modell Pires funktioniert aber nicht zuletzt deswegen, weil sich eine nette Nachbarin im Notfall kurzfristig kümmert. Und wenn Anita Pires zum Elternabend muss, kommen ihre großen Kinder und passen auf die kleinen auf.

Finanziell hat Anita Pires genauso so viel Geld zur Verfügung, wie vor der Ausbildung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sie erhält eine anteilige Ausbildungsvergütung, dazu Grundsicherung und Unterhalt. Sie kommt klar damit. Aber sie kann keine großen Schritte machen. "Da müssen wir durch."

Ihre Perspektive ist gut. Wenn die sechsfache Mutter nach der Ausbildung noch eine Zusatzqualifikation im Bereich Buchhaltung absolviert, kann sie eine langjährige Mitarbeiterin ersetzen, die in den Ruhestand geht. Das Angebot des Oberlin-Hauses steht.

Vorbehalte gegen Teilzeitmodell - Kleinere Betriebe offener

Hauptproblem Die Schwierigkeit besteht weniger im Spätstart, als in der Ausbildung in Teilzeit. Viele Arbeitgeber haben Vorbehalte. Die Bereitschaft in Teilzeit auszubilden, sei eher in kleineren Betrieben vorhanden, die auf herkömmlichem Weg ihre Lehrstellen nicht besetzen können, sagt die Gleichstellungsbeauftragte im Jobcenter Alb-Donau, Beate Reize.

Interesse Zehn Frauen suchen über das Jobcenter Alb-Donau zurzeit eine Teilzeit-Lehrstelle. Reize hofft, dass die Hälfte im Herbst einen adäquaten Ausbildungsplatz hat.

Ohne Abschluss Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung sind besonders von Arbeitslosigkeit und prekären Beschäftigungsverhältnissen bedroht. Im Alb-Donau-Kreis sind mehr als 1300 davon als arbeitslos registriert darunter fast 900 im Alter von 35 Jahren oder älter.

 

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