Alb-Linsen

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    Alb-Linsen vor der Aussaat, hier mit Gerste, die als Stützfrucht benötigt wird. Foto: 
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    Uralte Sorte: Woldemar Mammel zeigt eine gedörrte Griechenpflaume. Foto: 
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Er gilt als Retter der Alb-Linsen. Zusammen mit anderen Idealisten holte Woldemar Mammel aus Lauterach im Jahr 2006 Samen aus der Wawilow-Genbank in St. Petersburg. Die alten Sorten Späths Alblinse I und Späths Alblinse II waren hierzulande verschwunden gewesen und wurden von 2008 an von Mammel und anderen Bauern vermehrt. Seit 2012 werden die Sorten verkauft. Eine Erfolgsgeschichte, wie Mammel am Freitag im Blaubeurer Naturfreundehaus sagte, wo er auf Einladung der BUND-Ortsgruppen Laichingen, Berghülen, Blaubeuren und Blaustein sprach. Thema des Abends war das Projekt „Genkbänkle“. Ein Verein, der sich in der Gründung befindet, macht es sich zur Aufgabe, Sorten zu retten und die Nutzpflanzenvielfalt in Baden-Württemberg zu erhalten.

Es ging bei der von rund 50 Interessierten besuchten Veranstaltung nicht hauptsächlich um die Linse. Doch Woldemar Mammel verzichtete nicht darauf, die Vorzüge der Hülsenfrucht zu preisen. Die Linse mit Eiweiß, Kohlehydraten und Vitaminen könne ein ganz wichtiger Beitrag dazu sein, die Welt zu ernähren. Mit einem so hohen Fleischkonsum von 63 Kilogramm pro Kopf und Jahr in Deutschland könne es nicht weitergehen. „Uns gehen die Flächen aus“, sagte Mammel. In Indien werden viele Linsen angebaut und von der Bevölkerung verzehrt, teils zusammen mit Getreideprodukten. Die Aminosäuren ergänzten sich. „Hier können wir Linsen mit Spätzle essen, dann haben wir diese Kombination“, sagte Mammel. Spätzle aus Dinkelmehl gelingen auch ohne Eier. Und zu dem Gericht braucht es keine Saitenwürstle, meint Mammel. „Die sind eine moderne Erfindung“, sagte er und erinnerte an Linsen und Spätzle als das Arme-Leute-Essen auf der Alb.

Heute kommen Linsen billig aus Kanada, wo Sorten angebaut werden, die jedes Unkrautvernichtungsmittel überstehen. Wegen hoher Glyphosat-Werte bei kanadischen Linsen habe die Europäische Behörde den Grenzwert einfach um das Hundertfache erhöht, berichtete Mammel.  Während in Kanada das „Clearfield“, also der unkrautfreie Acker, propagiert werde, hätten die Mitglieder der Alb-Linsen-Erzeugergemeinschaft „die unkrautreichsten Äcker“, sagte Mammel. Ein Beitrag gegen das Insektensterben. „Wir machen Ihre Windschutzscheibe wieder schmutzig“, lautet ein Slogan der Bio-Linsenanbauer. 80 Landwirte bauen auf 250 bis 300 Hektar die Späth-Sorten oder eine dunkel-grün marmorierte Linse, die aus Frankreich stammt, an. „In Kanada wäre das ein Durchschnittsäckerle“, zog Mammel einen Vergleich. Ihm geht es auch darum, die vielen kleinen Ackerflächen auf der Alb ökologisch zu bewirtschaften.

Der 75-Jährige, der ohne Pause zweieinhalb Stunden lang vor den aufmerksamen Zuhörern redete, ärgert sich, dass sich in Baden-Württemberg niemand um den Erhalt alter Gemüse- und Obstsorten kümmert. Schließlich gehe es um unsere Nahrungsgrundlagen. In 100 Jahren seien 90 Prozent verloren gegangen. So startete der Alblinsen-Förderverein in Zusammenarbeit mit der Hochschule Nürtingen das Projekt Genbänkle. Nicht wie in St. Petersburg oder in der internationalen Genbank im ewigen Frost von Spitzbergen sollen Samen konserviert werden, vielmehr sollen Sorten durch regelmäßigen Anbau erhalten bleiben. Dazu sucht das Genbänkle Bauern und Hobbygärtner. Auf Pflanzenbörsen sollen Samen getauscht werden.

Früher habe es regional unterschiedliche Kulturpflanzen gegeben, sagte Woldemar Mammel. Bekannt sind rund 40 verschiedene Gemüsesorten mit dem Namen „Ulm“: Ulmer Spargel, Ulmer späte Kohlrübe, Ulmer großer blauer Herbstrettich, Ulmer blass-rote Kopfzwiebel. Früher hätten Gärtner Pflanzen gezüchtet durch Einzelauslese. Heute werde Saatgut gekauft.

Nicht zur Vermehrung geeignet

Der Handel biete meist Hybridsorten an, die sich nicht zur Vermehrung eigneten. Der Hobbygärtner erkenne dies an dem Aufdruck „F1“ auf der Tüte. „Die Saatgutsouveränität der Bauern wird durch Hybridsorten kaputt gemacht“, sagte Mammel. Was denn der Einzelne für den Erhalt der Sortenvielfalt tun könne, wollte ein Zuhörer wissen. Mammels Antwort: Beim Saatgutkauf auf „samenechte“ Sorten achten. Und wer selber gärtnert, könne bei Samentauschmärkten mitmachen und sich beim Genbänkle als „Erhalter“ registrieren lassen.

Zum Schluss verteilte Mammel zum Probieren und zum Erraten kleine gedörrte Früchte an die Zuhörer: Es handelte sich um die Griechenpflaume, eine Sorte, die nachweislich schon vor 6000 Jahren im Steinzeitdorf Ehrenstein angebaut wurde.

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