Afghanischer Entwicklungshelfer referierte über sein Land

Der afghanische Entwicklungshelfer Khazan Gul Tani referierte in Dorndorf über sein Land und dessen Zukunft. 100 Menschen interessierten sich für die Geschichte(n) des Mannes, der ein Attentat überlebte.

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Khazan Gul Tani aus Afghanistan im Gespräch mit einer Zuhörerin.  Foto: 

Seltener Besuch in der Illerrieder Teilgemeinde Dorndorf. Auf Einladung der Afghanistan-Aktivisten Monika Koch aus Dietenheim und Heiner Tettenborn aus Dorndorf referierte im Gemeindehaus der ehemalige Mudschahedin-Kommandant im Widerstand gegen die sowjetische Armee und zeitweilige Erziehungsminister der Provinz Khost im Südosten Afghanistans, Khazan Gul Tani. Das schwierige Thema stieß gleichwohl auf Interesse. Koch und Tettenborn hatten bestenfalls mit 30 Gästen gerechnet. Der Illerriedener Bürgermeister Jens Kaiser zählte freilich 100 Personen, die Einschätzungen aus den Brennpunkten des Landes aus erster Hand hören wollten.

Sein Geburtsjahr kann Khazan Gul Tani nur schätzen. Er dürfte heute aber um die 70 Jahre alt sein. Dass gute Bildung der Schlüssel zu Veränderungen ist, war ihm früh klar. Darauf gehen Tettenborn und Koch auch in ihrem Buch "Der Unbeugsame" ein, das über das Leben des charismatischen Afghanen berichtet. Als ihm trotz bestandener Prüfung die Aufnahme in ein Gymnasium verweigert wurde, bedrohte der junge Khazan Gul den zuständigen Minister. Von 1964 bis 1973 studierte er in Deutschland, weshalb er gut deutsch spricht. Als die Sowjets das Land okkupierten, verteidigte er es mit der Waffe in der Hand, als Kommandeur einer Einheit von Mudschahedin.

Selber auf dem Land aufgewachsen, kennt Khazan Gul die Benachteiligung der einfachen Bauern, besonders im Bildungswesen. "Bildung ist aber die Voraussetzung für jede Veränderung", sagte er. Seiner Mutter habe er versprochen, bis zum Ende seiner Tage alle Kräfte auf dieses Ziel zu richten.

Bis heute hat der ehemalige Kämpfer etwa 50 Schulen gebaut, allesamt im armen, schwer zugänglichen Hinterland. Viele stehen in der südöstlichen, entlegenen Provinz Khost, seiner Heimat. Hier war er auch für kurze Zeit Bildungsminister. Khazan Gul schilderte lebendig, wie er Geld eintrieb, wie er die Schulhäuser baute und wie schlecht das Bildungswesen dennoch funktioniert: "Als Lehrer verdient man 50 Dollar im Monat, als Mitarbeiter einer ausländischen Organisationen, von der US-Armee bis zu Entwicklungshilfe, aber mindestens 200." Besonderes Augenmerk lege er auf die Gründung von Schulen für Mädchen, denn "Bildung bedeutet, dass man seine Rechte kennt". Der andere Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Landwirtschaft.

In Afghanistan hat er sich nicht nur Freunde gemacht. So überlebte er 2009 ein Attentat mit einer Schussverletzung knapp über dem Herzen nur mit einer Notoperation.

An der Politik der westlichen Welt, insbesondere an den USA, ließ Khazan Gul Tani nicht ein gutes Haar. Angriffe erfolgten seiner Meinung zu undifferenziert und forderten unnötig viele unschuldige Opfer. Für Soldaten westlicher Länder seien Taliban und Einheimische nicht zu unterscheiden, für Einheimische sehr wohl. "Wären die Afghanen auf sich allein gestellt, kämen sie mit den Taliban viel besser zurecht", ist Gul Tani überzeugt. Er forderte deshalb den Abzug aller fremden Truppen: "Dies wäre das Beste für alle!". Seinen größten Wunsch formulierte er am Ende einer intensiven Diskussionsrunde: "Wenn alle Christen gute Christen wären, und alle Moslems gute Moslems, wäre die Welt viel friedlicher!"

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