Auf Kräutersuche mit Christine Rueß

|
Vorherige Inhalte
  • Kräutersuche auf der Jungviehweide. Was jetzt sprießt, ist besonders gesund. 1/4
    Kräutersuche auf der Jungviehweide. Was jetzt sprießt, ist besonders gesund. Foto: 
  • Die unscheinbare Vogelmiere schmeckt wie Zuckermais. 2/4
    Die unscheinbare Vogelmiere schmeckt wie Zuckermais. Foto: 
  • Grünkräutersuppe, garniert mit Gänseblümchen, gerösteten  Brennnesseln und Löwenzahnknopsen. 3/4
    Grünkräutersuppe, garniert mit Gänseblümchen, gerösteten  Brennnesseln und Löwenzahnknopsen. Foto: 
  • Wildkräuterführerin und Biobäuerin Christel Rueß schöpft Gründonnerstagssuppe. 4/4
    Wildkräuterführerin und Biobäuerin Christel Rueß schöpft Gründonnerstagssuppe. Foto: 
Nächste Inhalte

Es gibt Grünzeug, das verflucht der Gärtner. Giersch, Brennnessel und Löwenzahn braucht nun wirklich kein Mensch in seinen Rabatten. Oder doch? Während einer fast zweistündigen Kräutersuche mit Wildkräuterführerin Christine Rueß wachsen die Zweifel. Eine weitere Stunde später schaffen es frittierte Brennnessel-Blätter und kleine Löwenzahnknospen sowie eine überaus schmackhafte Suppe, alle bisherigen Bedenken vom Tisch zu wischen: Was für ein erstaunliches Geschmackserlebnis an Gründonnerstag! Aus verhassten Garten-Unkräutern sind doch tatsächlich wohlschmeckende Suppenkräuter geworden.

Doch der Reihe nach: Neun Frauen haben sich diesen Gründonnerstag-Vormittag frei gehalten. Auf dem Gelände der Staudengärtnerei Gaissmayer in Illertissen treffen sie sich mit der Biobäuerin aus dem Illertisser Stadtteil Jedesheim. Aus Dietenheim, Altenstadt, Vöhringen, Finningen und Laupheim kommen die meisten. Eine scheute die Anfahrt von Esslingen nicht. Eine andere machte sich gar von Salem am Bodensee auf den Weg. „Das schöne Gelände kannte ich bereits. Nun will ich das mit einer Wildkräuter-Führung verbinden. Meine erste übrigens“, erzählt sie.

Zu jedem Kraut eine Geschichte

Premiere nicht nur für sie und die meisten anderen Kursteilnehmerinnen, sondern auch für Christel Rueß selbst. Am Vortag hatte  die Kräuterfrau noch eigens Seelen und Vollkornwecken gebacken und eine leckere Gierschlimonade angesetzt. Eine Kochplatte und Geschirr schleppte die gelernte Hauswirtschafterin für ihr erstes Kräuterseminar an, den Raum richtete sie her, den Tisch deckte sie liebevoll ein und dann das: „Haben die mir doch glatt die große Wiese niedergemäht!“

Aus der Ruhe bringt das die Allgäuer Wildkräuterführerin aber nicht. „Wir finden auch so noch genug“, zeigt sie sich zuversichtlich. Zur Sicherheit hat sie, büschelweise hübsch in Vasen arrangiert, aber doch schon bereitgestellt, was sich im heimischen Kräutergarten finden ließ für die Zubereitung der berühmten Neunkräutersuppe. Mit ihr feierten einst die Vorfahren nach dem dunklen Winter das Wiedererwachen der Natur. „Welche neun Kräuter das sind, ist nicht festgeschrieben. Das variiert. Kommt darauf an, wie weit die Natur zu Ostern ist“, erzählt Rueß, als sie den Kräuterspaziergang startet. Schon als Kind hat sich die 59-Jährige mit Wildkräutern und deren Verwendung beschäftigt. Heute weiß sie zu jedem Kraut eine eigene Geschichte zu erzählen.

Zum Beispiel zur Brennnessel zu ihren Füßen. Auf sie stürze sich der Bär im Frühjahr genauso, wie auf Bärlauch und Beerenklau. Denn B-Pflanzen sind Kraftpflanzen. „Sie geben im wahrsten Wortsinn Bärenkräfte.“ Überhaupt: Das erste Grün im Jahr enthalte besonders viele Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Gleich neben der Brennnessel ein Löwenzahn in voller Blüte. „Schon ein bisschen zu weit auf. Die geschlossenen Knospen sind besser“, sagt sie und verweist auf seine blutreinigende und appetitanregende Wirkung. Auch Leber und Galle tut er gut. Junge Löwenzahn-Blätter verwendet Rueß im Salat, die Köpfe schmort sie in Olivenöl. Dem Blick der Expertin entgeht auch nicht die unscheinbare Vogelmiere, die sich mit ihren winzigen, weißen Blütchen über dem trockenen Boden ausbreitet. „Junge Spitzen im Salat schmecken wie Zuckermais“, verspricht sie. Es sei ein besonders gesundes Kraut mit hohem Vitamin-C-Gehalt. „Habe ich erst gestern als Unkraut aus meinem Beet herausgerissen“, kontert eine Teilnehmerin und hat die Lacher auf ihrer Seite.

Und dann wäre da noch die Schafgarbe, „die Augenbraue der Venus“. „Gibt jedem Rührei eine ganz besondere Note. Probiert es aus“, fordert sie ihr staunendes Publikum auf. Nicht zu vergessen der Spitzwegerich, der in der Suppe zart nach Pilz schmeckt.

Mit vereinten Kräften sind später die Kräuter schnell geschnippelt, während in einer Brühe bereits Kartoffeln köcheln. Rueß füllt die Schüsseln mit dampfender Suppe  und garniert mit Gänseblümchen, frittierten Brennesselblättern und Löwenzahnköpfchen. Dass so gesund so lecker schmecken kann: Die Teilnehmer sind sich einig. Eine bessere Gründonnerstags-Suppe haben sie selten gegessen. „Ich gehe jetzt bestimmt anders durch meinen Garten und überlege, ob der Giersch wirklich raus muss“, sagt Rosa Mayr aus Finningen.

Überlieferung „Ach du grüne Neune“ war einst ein Segensspruch. Für Fülle, Fruchtbarkeit und Kraft wünschte man sich die grüne Neune herbei zu Zeiten, als der „grüne Junker“, der Vegetationsgott, noch die Urkraft symbolisierte und gerodeten Boden wieder zum Leben brachte. Drei mal drei Kräuter wurden gegessen: drei für die Schönheit, drei für die Fruchtbarkeit und drei für die Segnung. Bis heute werden neun Pflanzen oft rituell verwendet, zum Beispiel in den Kräuterbuschen an Maria Himmelfahrt oder in den Palmboschen am Palmsonntag.

Zutaten Für die heilende und kräftigende  Gründonnerstagssuppe eigenen sich je nach persönlicher Vorliebe: Brennnessel, Löwenzahn, Bärlauch, Giersch, Gundelrebe, Vogelmiere, Sauerampfer, Kerbel, Maggikraut, Frauenmantel, Spitzwegerich, Gundermann, Schafgarbe, Kerbel, Brunnenkresse, Knoblauchrauke, Petersilie, Schnittlauch und mehr.

Rezept Pro Person ein bis zwei Katoffel, eine Handvoll geschnittene Kräuter, Butterschmalz, eine Zwiebel, Gemüsebrühe, Salz, Pfeffer, Muskat, ein Schuss Sahne. Zwiebel im Fett anschmoren, gewürfelte Kartoffel dazu, mit Brühe aufgießen und garen. Zum Ende Kräuter dazugeben, aufwallen lassen. Pürieren und mit Sahne verfeinern. bele

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Teva streicht weltweit 14.000 Stellen

Die Ratiopharm-Mutter Teva will weltweit 14.000 Stellen streichen. In Deutschland hat der Konzern 2900 Mitarbeiter, die meisten arbeiten in Ulm. weiter lesen