"Weißenhorn demokratisieren"

Kein Spaß: Neu-Ulmer Piraten mischen den Bürgermeisterwahlkampf in Weißenhorn auf. Ihren Kandidaten kürt die Partei im Internet. Jan Engelhart und Simon Engel aus dem Kreisvorstand sind stolz darauf.

|
Gut vernetzt: Simon Engel (links) und Jan Engelhart organisieren das Weißenhorner Bürgermeister-Casting im Internet. Foto: Matthias Kessler

Wird der nächste Bürgermeister in Weißenhorn ein Pirat sein?

SIMON ENGEL: Ich gehe davon aus.

Woher der Optimismus? Bislang sind die Piraten in Weißenhorn nicht groß in Erscheinung getreten.

JAN ENGELHART: Das ändert sich. Wir treten an, um zu gewinnen.

Bislang gibt es nur einen Kandidaten für die Bürgermeisterwahl im Juni: den parteilosen Wolfgang Fendt. Es heißt, er sitzt fest im Sattel.

ENGEL: Das mag sein. Wir treten aber an, Herrn Fendt zu schlagen.

Sie casten ihren Kandidaten im Internet, wie es sich für Piraten gehört. . .

ENGEL: Ja. Ein Casting macht die Kandidatenaufstellung transparent und ist basisdemokratisch. Das sind zentrale Grundsätze für uns.

Es soll Menschen geben, die Ihre Casting-Aktion belächeln.

ENGELHART: Wir betrachten unsere Aktion nicht als Spaß. Wir haben einen ernsthaften Ansatz. Das ist gelebte Demokratie.

ENGEL: Wir wissen, dass wir noch belächelt werden. Wir sind aber eine ernstzunehmende politische Kraft. Bundesweit stehen die Piraten bei acht oder neun Prozent. Bei der nächsten Wahl werden wir aller Voraussicht nach den Sprung in den Bundestag schaffen.

Zuvor erobern sie erstmal das Rathaus in Weißenhorn.

ENGEL: Warum nicht? Unsere drei Bewerber, die noch im Rennen sind, sind hochqualifiziert für das Amt - und zwei haben einen größeren regionalen Bezug zu Weißenhorn, als der jetzige Amtsinhaber.

Ein ehrgeiziges Vorhaben. Selbst die CSU verzichtet auf einen eigenen Kandidaten. Und die ist die stärkste politische Kraft in Weißenhorn.

ENGELHART: Es ist traurig, wenn es keinen Gegenkandidaten zu Herrn Fendt gibt. Wir sind dafür, dass die Bürger eine echte Wahl haben. Wenn man so will, wollen wir Weißenhorn stärker demokratisieren.

Deshalb also das Casting?

ENGELHART: Mit diesem Casting haben die Weißenhorner die Chance, ihren Kandidaten vorab auf Herz und Nieren zu prüfen.

Es gibt drei ernsthafte Interessenten. Nicht gerade viel, oder?

ENGEL: Das finde ich nicht. Unsere Erwartungen wurden bei weitem übertroffen.

Die drei Bewerber kommen aus Neu-Ulm, Memmingen und Nürnberg. Warum ist niemand aus Weißenhorn dabei?

ENGEL: Es gab viele Interessenten, auch einige Anfragen aus Weißenhorn. Jetzt haben wir drei offizielle Bewerber mit den nötigen fachlichen Kompetenzen. Das zählt.

Hätten sie das Bürgermeister-Casting auch organisiert, wenn es einen oder mehrere Gegenkandidaten gegeben hätte?

ENGEL: Ich denke schon. Die Aktion war lange geplant. Es soll sich ja etwas bewegen in Weißenhorn.

Was denn?

ENGEL: Wir wollen zum Beispiel mehr Bürgerbeteiligung.

Es gibt die Weißenhorner Stadtwerkstatt, ein Bürgerbeteiligungsmodell mit Arbeitsgruppen zu diversen Themen, Freizeitgestaltung etwa.

ENGEL: Wir wollen die Schwelle hin zu den Bürgerbeteiligungen noch niedriger setzen. Dabei geht es auch und vor allem um mehr Transparenz. Die Entscheidungen in der Weißenhorner Kommunalpolitik sind schwer nachzuvollziehen.

Wieso? Die Stadtratssitzungen sind in aller Regel öffentlich.

ENGEL: Aber nicht jeder Bürger hat Zeit, die Sitzungen zu besuchen. Die Protokolle der Sitzungen sind nur schwer zugänglich.

Wirklich? Die Protokolle werden im Weißenhorner Stadtanzeiger in voller Länge abgedruckt.

ENGEL: Mit deutlicher Verspätung.

Nun ja, die Inhalte des Stadtanzeigers finden sich auch auf der Homepage der Stadt.

ENGEL: Auch dort mit Verspätung. Für mich ist das ist eine Mitteilungspraxis aus dem vergangenen Jahrtausend. Die Protokolle müssen unmittelbar ins Netz gestellt werden. Am besten wäre ein Live-Streaming der Sitzungen. Das ist bürgernah.

Wird das Bürgermeister-Casting Schule machen?

ENGELHART: Ich könnte mir schon vorstellen, dass wir die Aktion auch vor Bürgermeisterwahlen in anderen Kommunen organisieren. Hier gab es auch schon Anfragen zur Umsetzung. Das zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Eislinger Bluttat: Täter stach morgens zu

Das Verbrechen in der Eislinger Tiefgarage geschah am vergangenen Donnerstag gegen 7 Uhr. Die Polizei fand Schmauchspuren. weiter lesen