Wainer Michaelskirche: „Schönste evangelische Dorfkirche in Oberschwaben“

Die Wainer Michaelskirche ist historisch und theologisch gesehen ein richtiges Kleinod, das Barbara Eyrich mit ihren kirchenpädagogischen Führungen dem Besucher näher bringt.

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Die Kirche St. Michael in Wain gehört zu den schönsten evangelischen Gotteshäusern in Oberschwaben.  Foto: 

Immer wieder begegnen einem in der Wainer Michaels­kirche die Spuren der ehemaligen Reichsstadt Ulm, deren Wappen und die Wappen bedeutender Ulmer Patriziergeschlechter wie der Besserer, Krafft und Baldinger. Durch Ulm ist Wain relativ spät, nämlich 1573, evangelisch geworden. Der Magistrat hat neun Jahre später (1582) die aus dem Mittelalter stammende Kirche durch einen Anbau erweitern und 1687 bedeutend vergrößern lassen, weil die „Änge der alten Kirche die Menge der immer sich mehrender Gemein fast nicht mehr fassen wollte“, wie es in den Kirchenbüchern heißt.

Grund für die immer größer werdende Gemeinde waren die ab 1649 aus Kärnten und der Steiermark eingewanderten evangelischen Glaubensflüchtlinge und deren zahlreiche Nachkommenschaft, die in Wain mit Billigung der Reichsstadt Ulm eine neue Heimat fanden, ihr „gelobtes Land“, wie es die berühmte Exulantentafel an der Südwand des Kirchenschiffes vermitteln will. Der Exodus der Protestanten aus Arriach, der heutigen Partnergemeinde Wains, und dessen Nachbargemeinden wird hier mit dem Auszug Abrahams und seiner Sippe nach Israel verglichen.

Über allem steht der Spruch: „Willst überwinden, lass dahinten.“ Neben der Stiftertafel des Ulmer Magistrats für die Michaelskirche mit dem Stadtwappen erhebt sich die Empore der Freiherrn von Herman und der Freiherrn von Süßkind-Schwendi aus dem Jahre 1855. Benedikt von Herman hatte die Herrschaft Wain 1773 der verschuldeten Reichsstadt abgekauft, sein Neffe und Erbe ließ das Schloss bauen. Hier wohnt bis heute die freiherrliche Familie den Gottesdiensten bei.

Überhaupt überrascht diese evangelische Dorfkirche durch ihren Bilderreichtum: im Chor mit den vier Evangelisten, im Kirchenschiff und an der Empore mit den zwölf Aposteln. Auf der Empore sind noch Bilder zu sehen vom alten Altaraufbau aus der vorreformatorischen Zeit, der Rest befindet sich im Ulmer Museum.

Der Schutzpatron Erzengel Michael darf natürlich nicht fehlen. Über dem Südportal ist er als Triumphator über den gefallenen Engel Blickfang der Erinnerungstafel an den Kirchenbau von 1687, in der die Ulmer Herrschaftspfleger, der Vogt und die führenden Handwerker – übrigens Katholiken – verewigt sind. Direkt dahinter auf der Außenseite ist Michael als Drachentöter zu sehen, als Teil des Bildprogramms des Bronzeportals von Ulrich Henn aus dem Jahre 2002.

Gerade dieses einzige moderne Kunstwerk der Michaelskirche ist besonders sehenswert und von großer theologischer Bedeutung. Henn hat den Eingang von Süden her als Taufportal gestaltet, der zentralen Position des Taufsteins in der Kirche entsprechend, den Bund mit Gott hervorhebend. So sind die sieben biblischen Szenen des Portals zu verstehen, besonders als Jesus sagt: „Lasset die Kindlein zu mir kommen!“

Seit mehr als 30 Jahren ist Barbara Eyrich, Ehefrau des Wainer Pfarrers Ernst Eyrich, mit der Michaelskirche eng verbunden. Inzwischen hat sie sich zur kirchenpädagogischen Führerin ausbilden lassen.

Was die Kirchenpädagogik von einer normalen Führung unterscheidet, erläutert Barbara Eyrich so: „Es geht nicht so sehr um Zahlen und Fakten, sondern um wichtige Einzelaspekte wie die Ausstattung oder Themen wie Flucht und Vertreibung.“ Die Besucher sollen die Kirche selbst entdecken, sich auf die Suche nach den vielen Engeln in der Michaelskirche machen.

Gerade für Flucht und Vertreibung bietet dieses Gotteshaus viele Ansätze, der Chor wird für Barbara Eyrich schließlich zum neuen Heimatort. Für die Schulkinder sei das spielerische Element sehr wichtig, so Eyrich, die zu diesem Zweck ein Kirchenmemory entwickelt hat, das den kleinen Kirchenbesuchern viel Spaß mache. Jeder soll in der Kirche einen Platz finden, wo er sich am Wohlsten fühlt.

Auf die Frage, was ihr an der Michaelskirche selbst am Besten gefällt, sagt Barbara Eyrich: „Der weite Chor, weil hier Verträge mit Gott geschlossen werden unter Anwesenheit von Zeugen wie bei der Taufe, der Trauung, der Einsetzung und dem Abendmahl.“ Sogar ein Modell von „ihrer“ Kirche hat die Wainer Pfarrfrau gebastelt. Und für ihren Mann, der hier nun schon seit mehr als 30 Jahren predigt, ist die Michaels­kirche ohnehin die „schönste evangelische Dorfkirche Oberschwabens“.

Serie Mit den Gotteshäusern im unteren Illertal beschäftigt sich die Sommer-Serie des Illertal Boten. Welche Anekdoten und Geschichten ranken sich um die Kirche, was können Pfarrer, Mesner, Kirchgänger erzählen? Welche Besonderheiten machen den Bau aus? In welcher Zeit wurde die Kirche erbaut, wann saniert? Um solche Fragen geht es in den Folgen der Sommer-Serie.

Heute Evangelische Kirche St. Michael, erbaut im Mittelalter, Umbau und Erweiterung 1582 beziehungsweise 1687.

Patronat Erzengel Michael

Besonderheiten Exulantentafel, Bronzeportal von Ulrich Henn. Kirchenpädagogische Führungen können vereinbart werden, Tel. (07353) 98 29 83 (Barbara Eyrich) oder (07353) 34 85 (Pfarramt).

Kirchengemeinde Evangelische Kirchengemeinde Wain.

Gottesdienstzeiten Jeden Sonntagmorgen um 9 Uhr.

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