Gedenkveranstaltung zum Todestag von Francis Bioret

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Bürgermeister Daniel Salemi hat im Rahmen der Gedenkveranstaltung zum Todestag von Francis Bioret  ein Gesteck auf dem Mahnmal niedergelegt.  Foto: 

Wer heute in Deutschland lebt, hat gute Chancen, alt zu werden. Auch in Langenau wird gar nicht so selten ein 100. Geburtstag gefeiert. Dass Francis Bioret in diesem Jahr 95 Jahre alt geworden wäre, daran erinnerte Bürgermeister Daniel Salemi am vergangenen Donnerstagabend an der Kreuzung neben dem Langenauer Rathaus. Rund 50 Menschen waren dort rund um eine in den Boden eingelassene Gedenkplatte versammelt. Sie steht seit 2013 an der Stelle, an der am 13. April 1945 der junge französische Zwangsarbeiter Bioret an einem rasch gezimmerten Galgen aufgehängt wurde (siehe Info).

Seit 2009 wird an Biorets Todestag an den kurz vor Kriegsende von SS-Schergen begangenen Mord erinnert. Und seit diesem Jahr wird die Veranstaltung, wie 2016 vom Gemeinderat einstimmig beschlossen, von der Stadt Langenau ausgerichtet. „Es geht nicht um Schuld, es geht um Verantwortung“, sagte Salemi in seiner Gedenkrede. Es gehe darum, sich der eigenen Geschichte zu stellen: „Sie verschwindet ja nicht, nur weil der zeitliche Abstand größer wird.“

Mit Verweis auf „Entwicklungen in unserem Land, die mehr als bedenklich sind“, forderte der Bürgermeister dazu auf, Schlüsse aus der Vergangenheit zu ziehen. Sich mit den Anfängen des Nazi-Regimes auseinanderzusetzen, könne aufzeigen, wohin Anfänge führen könnten. Es gelte für Staat wie Zivilgesellschaft, wachsam zu sein. „Und deshalb müssen wir auch immer fragen, wie wir unsere Geschichte der jungen Generation nahebringen können.“

Die junge Generation war bei der Gedenkfeier jedoch kaum vertreten. Teilgenommen haben vielmehr politisch Interessierte der Generation 50 Plus, Räte verschiedener Gemeinderatsfraktionen, Altbürgermeister Wolfgang Mangold und natürlich Mitglieder des Arbeitskreises „Freunde von Francis Bioret“. Die Gruppe hat sich  jahrelang dafür eingesetzt, dass sein Schicksal nicht vergessen wird, ebenso  der Langenauer Lehrer Wilmar Jakober, der auf dieses schon 1985 in einem Buch   hingewiesen hatte.

Eine kurze Zusammenfassung der schrecklichen Ereignisse vom 13. April 1945 und der bis jetzt geleisteten Erinnerungsarbeit, an der der Gestalter der Gedenkplatte, der Langenauer Künstler Michael Döhmann, wesentlich beteiligt war, findet sich im neuen Flyer „Gegen das Vergessen“. Herausgeber ist die Stadt Langenau. Wie Salemi informierte, ist der Flyer für alle Interessierten  im Rathaus, in der Stadtbücherei, im Marktplatz-Café und in der Buchhandlung Mahr erhältlich. Der Bürgermeister dankte auch den Mitarbeitern des städtischen Kulturamts, die am Flyer mitgewirkt und die Gedenkveranstaltung organisiert haben.

Musikalisch umrahmt wurde diese vom Duo „Herzallerliebst“, also von Hans Lang (Akkordeon) und Renate Blickle (Gesang). Und auch Dr. Martin Hauff teilte mit den Versammelten seine Gedanken vor dem abschließenden Gebet. Der evangelische Pfarrer erinnerte an Gründonnerstag, den Tag bevor Christus „verhaftet, gefoltert und ans Kreuz gehängt“ worden sei. Er erinnerte an die Menschen in Syrien, „die nun schon seit Jahren unter Krieg und Terror leiden, weil die Groß- und Regionalmächte nicht zu wirksamen Friedensschritten zusammenfinden“. Man wolle den gewaltsamen Tod Biorets ebensowenig vergessen wie den gewaltsamen Tod vieler Menschen in den Krisenregionen dieser Welt.

Chronologie Francis Bioret ist am 1. Mai 1922 in Versailles geboren worden. Er wurde 1943 als Zwangsarbeiter aus Frankreich verschleppt und lebte in Langenau in der Kirchgasse 19. Im November 1944 wurde ein Genesenden-Bataillon der SS in Langenau stationiert. Knapp zwei Wochen vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen legte sich Bioret mit seinem Arbeitgeber an, weil der ihn misshandelt haben soll. Der Chef zeigte den Franzosen bei der SS an. Diese verhaftete Bioret am 13. April 1945 und ein Standgericht sprach ein Todesurteil gegen ihn aus. Kurze Zeit darauf wurde das Urteil vollstreckt. Als Anerkennung für die Gedenkarbeit hat die Langenauer  Gruppe „Freunde von Francis Bioret“ im November 2014 in der Bayerischen Staatskanzlei den „Preis des Bündnisses für Demokratie und Toleranz“ erhalten.

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