Was Arbeitnehmer in der Region bedrückt

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Seit einem knappen Jahr ist der katholische Theologe Michael Brugger Betriebsseelsorger in Ulm, im Alb-Donau-Kreis und im Kreis Biberach – und damit zuständig für rund 20.000 Betriebe. Im Interview mit der SÜDWEST PRESSE spricht er über seine ersten Eindrücke und Erfahrungen.

Auf unserem Foto klopfen Sie an die Türe – lässt sich so Ihre Arbeit auf den Punkt bringen?

Michael Brugger: Ja, genau. Meine Aufgabe ist es, auf die Menschen zuzugehen. Ich verstehe die Kirche als Geh-Hin-Kirche, weniger als Komm-Her-Kirche.  Jetzt in der Anfangszeit gilt es sowieso erst einmal, Kontakte zu knüpfen, Verbindungen in die Betriebe und Einrichtungen hinein zu pflegen und aufzubauen und den Arbeitnehmern zu vermitteln, dass ich als Ansprechpartner jederzeit für sie da bin. Die Einarbeitung läuft gut, ich stoße bei den Betrieben oft auf offene Türen. Betriebsseelsorge ist durch meinen Vorgänger Alfons Forster ein Begriff.

Sie haben längere Zeit im Ausland verbracht. Muss man da manchmal aufpassen, dass einem die Sorgen der Menschen hier nicht als Luxusprobleme erscheinen?

Nein. Die Auslandsaufenthalte haben mich darin geschult, jede Situation erstmal so zu nehmen, wie sie ist. Ich nehme sie wahr und nehme sie ernst. Das, was man von außen vielleicht manchmal als kleines Problem erachtet, kann für den Betroffenen ein großes Unglück sein, beispielsweise wenn sich jemand von den Kollegen ausgeschlossen oder geängelt fühlt. Gefühle wie Scham oder Selbstzweifel spielen da rein, was schnell zu hohem Leidensdruck führen kann. Ich nehme zuerst einmal die Perspektive des Menschen ein, der zu mir kommt. Klar, die Infrastruktur in Deutschland ist gut, die Arbeitslosigkeit, besonders hier in der Region, sehr gering . . .

. . . was nicht so bleiben muss, glaubt man den allgegenwärtigen Prophezeiungen über die künftige Arbeitswelt, Stichwort „Industrie 4.0“. Haben die Menschen bereits Angst davor, selbst trotz hoher Qualifikation schon bald durch intelligente Maschinen ersetzt zu werden?

Ich habe einen Fall erlebt, als in einem Betrieb ein neues Bestellsystem mit einem Regal, das mitdenkt, eingeführt wurde. Neigt sich ein Material dem Ende, dann bestellt das Regal selbstständig nach. Eigentlich nichts Dramatisches. Da entstand dann ein Konflikt zwischen den Innovationsfreudigen und den Konservativeren im Betrieb und es entwickelten sich auch Gefühle beim Einzelnen wie: Bald braucht man mich nicht mehr. Aber wir dürfen nicht vergessen: Innovationen gab es immer und wird es immer geben. Aus meiner Erfahrung heraus kann ich in dem Bereich zumindest momentan kaum Ängste bei den Mitarbeitern erkennen.

Aber es wird schon bald zum Problem werden, oder?

Ich bin vorsichtig mit Prognosen. Die Unternehmen sind immer gefordert, ihre Mitarbeiter so zu unterstützen, dass sie mit der technischen Innovation Schritt halten können.

Der Leistungsdruck macht vielen heute schon zu schaffen.

Richtig. Und damit auch ein Kompetenz- und Professionalisierungsdruck. Hinter dem Begriff „Industrie 4.0“ verbirgt sich ja der Effizienzgedanke, ursprünglich bezogen auf Maschinen, mittlerweile genauso auf Menschen.

Gibt es Branchen, auf die das besonders zutrifft?

Vor allem im Bereich Pflege, also den Pflegeheimen und Krankenhäusern, da ist enormer Druck im Kessel. Darauf will ich bei meiner Arbeit ein besonderes Augenmerk haben. Mein Eindruck ist, dass viele Pflegende in einem permanenten Ausnahmezustand sind. Ständig höre ich, es gibt zu wenig Personal, es wird zu schlecht bezahlt. Das Finanzielle hat auch etwas mit Wertschätzung zu tun.

Kann mit dem neuen Pflegegesetz die Situation verbessert werden?

Es soll dafür sorgen, dass mehr Pflegebedürftige ambulant und weniger stationär betreut werden. Somit ist es nur eine Verlagerung, mehr nicht.

Was können Sie als Betriebsseelsorger hier konkret unternehmen?

Mein Kollege in Biberach hat bereits Aktionen zu dem Thema veranstaltet. Und die Katholische Arbeitnehmerbewegung hat in Ehingen im Frühjahr eine Fotoausstellung samt Podiumsdiskussion auf die Beine gestellt. Ähnliches will ich in Ulm auch umsetzen.

Gibt es schon konkrete Pläne dafür?

Meine Idee für die Zukunft: Einen Treffpunkt für Pflegekräfte aufzubauen, damit sie sich untereinander vernetzen und austauschen können. Wer hier Interesse hat, kann sich jederzeit bei mir melden. Ich begleite zusammen mit der IG Metall bereits den Kreis betrieblicher Suchthelfer, das sind Kolleginnen und Kollegen, die in den betrieben für das Thema Sucht sensibilisieren und Betroffenen helfen. Meine Erfahrung ist: Solche Hilfe zur Selbsthilfe kann viel bewirken und Strukturen zum Positiven verändern. Ich halte aber auch Aktionen in der Öffentlichkeit für wichtig, wenn es gilt, Missstände aufzuzeigen.

Wie lautet Ihr erstes Fazit?

Ich durfte hinter die glänzenden Fassaden der Firmen schauen. Natürlich glänzt da nicht alles. Auch in unserer Region leiden Menschen mit und ohne Arbeit. Betriebsseelsorge ist  da weiter gefordert. Und wissen Sie, was mich am meisten überrascht hat?

Nein, was denn?

Der Umgangston. Der ist teilweise sehr rau. Und das scheint als normal zu gelten, das habe ich so nicht erwartet. Es heißt aber nicht umsonst: Der Ton macht die Musik. Darauf sollten wir alle wieder mehr achten. Manch ein Konflikt würde dann erst gar nicht entstehen.

Zur Person Michael Brugger ist mit 32 Jahren der jüngste Betriebsseelsorger in Württemberg. Aufgewachsen in Hörenhausen, leistete er nach dem Abitur eineinhalb Jahre lang in Peru „Weltkirchlichen Friedensdienst“, studierte in Tübingen, Santiago de Chile, Frankfurt und Stuttgart katholische Theologie und Sozialwissenschaften. Zunächst war er Bildungsreferent bei der Christlichen Arbeiterjugend der Diözese; seit Januar ist er Betriebsseelsorger und erreichbar im Bischof-Ketteler-Haus, Olgastraße 137, in Ulm,  Telefon (0731) 9206025 oder per Mail: betriebsseelsorge.ulm@drs.de

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Kommentare

25.12.2016 16:31 Uhr

Antwort auf „Opportunismus mit tödlichem Ausgang”

Wenn Papst Franziskus jüngst verlauten ließ, dass diese Wirtschaft tötet, müssten darüber hinaus die zusätzlich, weil vermeidbar zuvor anfallenden Kosten für die Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung erwähnt werden, die fortgesetzt ein frühes Ableben der Hinterbliebenen befördern. Zwingt Frau Nahles als ihres Zeichens Ministerin des Bundes für Arbeit und Soziales den Bundesfinanzminister Schäuble dazu, mehr Steuergeld in die Kassen der Sozialversicherung zu stecken, könnte deren Ansatz nicht verfehlter sein, solange die in Rede stehenden Personen nicht in die vom Souverän gebotenen Schranken gewiesen werden. Bedenkt man, welche Einsparpotenziale angesichts dessen brachliegen, gerät die Rede von einer vermeintlich Europa restringierenden Austeritätspolitik rasch zur Worthülse, die zu einer Verschärfung der Lage beiträgt.

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25.12.2016 14:05 Uhr

Opportunismus mit tödlichem Ausgang

Das Festhalten an längst überkommenen Lebens- und Produktionsweisen lässt jedwede Erneuerung menschlicher Arbeit in unerreichbare Ferne rücken. Setzen sich in den regional ansässigen Unternehmen Betriebsangehörige notwendig für innovative Formen der Arbeitsgestaltung ein, sehen sie sich augenblicklich äußersten Gefahren für Leib und Leben ausgesetzt. Sehr schnell werden sie dadurch in vergleichsweise jungen Jahren gesundheitlich bereits extrem eingeschränkt mit der Folge einer vorzeitigen Verrentung wegen Invalidität und daran anschließend beschiedenem Pflegegrad 5. Ärzte der Ulmer Universitätskliniken kritisieren zwar solch einen Umgang Dritter mit der immer nur begrenzt verfügbaren Arbeitskraft des Einzelnen ausdrücklich. Offenbar ist aber in den Firmen nicht nur der Umgangston rau, wie der katholische Betriebsseelsorger im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE feststellt, sondern nicht wenige unter den dortigen Belegschaften, die sich einem arbeitspolitischen Konservativismus verschrieben haben, kennen vor allem keinerlei Scheu, um des eigenen Vorteils willen buchstäblich über Leichen zu gehen.

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