Weg zum Lernerfolg weisen

Gerhausen.  Zu Hause noch gekonnt, aber in der Prüfung versagt. So mancher Schüler kennt das. Schülercoaching hat das Auflösen von Lernblockaden zum Ziel. Es ist dabei nicht zu verwechseln mit Nachhilfe.

Die Lust auf Lernen ist Martin (Name von der Redaktion geändert) so ziemlich abhanden gekommen. Vor allem im Fach Englisch sitzt der Frust ziemlich tief. Da hatte er doch die Vokabeln zu Hause gepaukt, aber den Test am nächsten Tag wieder verhauen und eine Fünf kassiert. Jetzt ist er beim Schülercoach. Seine Mutter bestätigt im Gespräch Lutz Jaenicke, dass ihr Sohn daheim beim Abfragen die Vokabeln immer recht gut kann, in der Schule aber regelmäßig versage.

Schülern selbstständiges Lernen beibringen und auch die Motivation dafür zu wecken, ist das Ziel eines Schülercoachs. Im Gegensatz zu Nachhilfe geht es nicht um Beibringen oder Nachlernen von Schulstoff, sondern darum, in relativ kurzer Zeit Lernblockaden aufzulösen. Lutz Jaenicke, Realschullehrer in Gerhausen, will dieses neue Angebot der individuellen Förderung in die Schulen bringen. Keine Konkurrenz, sondern sinnvolle Ergänzung zu bisherigen Angeboten wie Beratungslehrer, Schulpsychologen oder Schulsozialarbeiter, sagt er. "An meiner Schule arbeite ich mit der Beratungslehrerin hervorragend zusammen." Schülercoaching sei nicht an eine bestimmte Schulart gebunden. "Das kann man schon an der Grundschule machen, aber auch an Hauptschule, Realschule oder Gymnasium." Bisher arbeitet Jaenicke als Schülercoach erst an seiner Schule, bietet aber anderen Schulen in der Region an, seine Dienste in Anspruch zu nehmen (siehe Infokasten).

Wie groß das Interesse auch der Eltern an diesem Angebot ist, zeigte ihm ein Infoabend im vergangenen November in Gerhausen, als rund 90 Eltern kamen mit fast durchgängig positiver Resonanz. Unterstützung erhält der Lehrer auch von fachlicher Seite, vom Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL), das dem Lehrstuhl von Professor Manfred Spitzer an der Uni Ulm angegliedert ist.

"Die Schüler müssen selber zu mir kommen. Sie müssen wollen", nennt der 58-Jährige eine Voraussetzung für einen erfolgreichen Einsatz seinerseits. "Wenn sie genauso zu mir gehen wie in ungeliebten Unterricht, hat es keinen Zweck."

Von Martin erfährt der Lehrer, dass der Schüler seine Wörter auf dem Sofa sitzend lernt, meist ist dabei Musik an oder der Fernseher. Er hält abwechselnd die deutsche und englische Wörterspalte zu und sagt sie so lange in Gedanken, bis er das Gefühl hat, er kann sie. Ob er denn beim Abfragen in der Schule auch Musik hören darf, will Jaenicke wissen - der erste Aha-Effekt.

Mit einer anfänglichen Abfrage, unter anderem dem "Schweinehund-Test", versucht Jaenicke herauszufinden, wie ein Schüler lernt, nicht nur wo die Schwächen, sondern auch, wo seine Stärken und Fähigkeiten liegen. Die will er nutzen, um den Schülern "den Glauben an die eigene Lernfähigkeit zurückzugeben". Wichtig ist ihm dabei, eine gute Beziehung zum Kind oder Jugendlichen aufzubauen. Er wisse, wovon er rede, sagt der Lehrer, er habe selber eine schlimme Schulzeit hinter sich. "Ich habe viel gelitten, bin dreimal sitzen geblieben." Für ihn einer der Gründe, warum er selbst Lehrer geworden ist. Schon an seinen ersten Arbeitsstellen in Tübingen, Hechingen und Kirchentellinsfurt hat er an Projekten mitgewirkt, die darauf abzielten, Lerninhalte innovativ zu vermitteln.

Das Ergebnis des "Schweinehund-Tests" wird auf das "Rad zum Lernerfolg" übertragen. Jaenicke schaut mit seinen Schülern, wie rund das läuft, wo die Knackpunkte sind. Bei Martin hat der Lerncoach festgestellt, dass er sehr gerne Sport treibt, und schlägt ihm deshalb vor, Wörter künftig im Gehen zu lernen, und zwar auf einer imaginären liegenden Acht. "Damit macht er automatisch gleich eine kinesiologische Übung zur Verbindung der beiden Gehirnhälften." Martin freut sich über diesen ersten konkreten Hinweis und schafft bei der nächsten Vokabelarbeit eine Drei. Motivation für den Schüler, weiter in diese Richtung zu arbeiten. Das Musikhören lässt er mittlerweile ganz weg.


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Autor: WERNER GALLBRONNER | 20.03.2010

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