Warum Hartmut Bögel im Polizeirevier übernachtete
Bermaringen. Auf seinem Rad hat Hartmut Bögel aus Blaustein rund 12.000 Kilometer von Kairo nach Kapstadt zurückgelegt. Pünktlich zum ersten WM-Spiel der deutschen Nationalelf möchte er in Durban sein. In loser Folge berichtet Hartmut Bögel über seine Erlebnisse von unterwegs.
15.Juni
Brrrrrrrrrr es ist lausig kalt hier. In der Nacht kam die angekündigte Kaltfront auch in Pietermaritzburg an, wo mich ja John, Jane und Matthew beherbergen, bekochen und all meine Wäsche wieder auf vorzeigbaren Status bringen.
Herrschten gestern noch angenehme 23 Grad und blauen Sonnenscheinhimmel, sind es heute grade noch lausige V-I-E-R Grad. Dazu gibt es kalten böigen Wind, Graupelschauer und Regen, in den sich die ein und andere Schneeflocke mischt. Ich fasse es nicht, friere und bibbere trotzig in meiner kurzen Hose. Matthew begleitet mich die ersten 23 km mit seinem Mountainbike und erzählt mir, dass er eigentlich ausschließlich bei schönem Wetter radelt. Er ist 19 Jahre alt und spielt leidenschaftlich gerne auf seinen selbstgebauten Gitarren, am liebsten Led Zeppelin. Sein großer Wunsch ist es, die Vinylplatte mit "Stairway to heaven" irgendwo aufzutreiben. Wie alle Schüler und Studenten hier in Südafrika freut er sich über drei Wochen zusätzliche Ferien, die es nun wegen der Fußballweltmeisterschaft gibt.
Von Durban aus ging es gestern noch ziemlich verschlafen durchs Zuckerrohrland Richtung Pietermaritzburg und meine Gedanken weilten oft noch im Stadion und beim Spiel. Ich war noch recht ergriffen von all den Erlebnissen des Fußballsonntags. In einem Takeaway berichtet mir der zeitungslesende Kassierer völlig aufgebracht, dass sich alle Welt an den Vuvuzelatröten stört und dafür hat er gar kein Verständnis, sind sie doch einfach ein Stück Fußballkultur hier in Afrika. Am besten kommt man damit klar, wenn man das gelassen akzeptiert und sich, wie so viele Fans aus aller Welt, auch so ein Teil besorgt. Unsere Fußballer hat die Vuvuzela zumindest im ersten Spiel richtig beflügelt- dies meinte zumindest mein Vuvuzelaexperte im Takeaway und dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
16.Juni
In Mooi River verbrachte ich ziemlich durchgefroren die Nacht in einem Bed & Breakfast-Hotel, das mir Jane, John und Matthew organisiert haben. Die Nacht schluckte alle grauen Wolken und war sternenklar und bitterkalt. Die Pfützen waren am Morgen gefroren und -endlich- kamen mein langärmeliges Radtrikot und mein warmes Merinounterhemd zum Einsatz.
Mein Weg führte mich durch trockenes, entlegenes und hügeliges Farmland. Linker Hand begleiteten mich die beeindruckenden hohen Drakensberge, die ins Königreich Lesotho hineinreichen und sagenhaft schöne Trekkingtouren zu bieten haben. Am Nachmittag kam ich in den Genuss, eine 15 Kilometer lange flache Strecke radeln zu dürfen. 15 km ohne einen Hügel oder Berg, das hatte ich schon lange nicht mehr. Am frühen Nachmittag wollte ich in der Stadt Ladysmith ein Internetcafe aufsuchen, um Bericht und Fotos zu mailen und fand alle Geschäfte geschlossen vor. Etwas verwirrt fragte ich nach und erfuhr, dass heute ein bedeutender Feiertag ist: vor 34 Jahren war der Schüleraufstand im Township Soweto. Auslöser war, dass die damalige Apartheidsregierung Afrikaans (die Sprache der weißen Buren) als Pflichtsprache an den Schulen einführen wollte. Dieser Aufstand ist ein ganz bedeutendes Ereignis im Kampf gegen die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung. Also kein Internet, dafür heißen Kaffee im Wimpy Fast Food Restaurant, wo ich Andre treffe, der mir von seinem "Libery" Projekt berichtet. Er organisiert die Verteilung von kleinen Büchereiregalen in den Schulen in den entlegenen Gebieten Südafrikas und ermöglicht so den Schülern den Zugang zu geeigneten Jugendbüchern. In dem Büchereiregal ist auch ein TV und DVD-Gerät und einige Filme. Andre erzählt wie wichtig dieses Projekt ist und wie begeistert die Schüler der schwarzen Siedlungen es annehmen: www.masixhasane.co.za
Um mein Ziel Pretoria bis Sonntag zu erreichen, beschließe ich noch bis zum Einbruch der Dämmerung weiterzuradeln. Trotz der Ungewissheit, ob sich in dem einsamen Farmland noch eine Unterkunftsmöglichkeit bieten wird.
Nach 25 km treffe ich auf eine Polizeistreife und frage die Polizisten, wo und wann in welcher Richtung ein guter Platz zum übernachten wäre. Doch sehr erstaunt über mich und mein Fahrrad - und noch mehr über meine Reise - schicken sie mich dann zu einer naheliegenden Polizeistation. So kam es, dass ich in einem leeren und ziemlich verwahrlosten Nebengebäude einer mitten in der Pampa liegenden Polizeistation nächtigen kann. Es ist kalt und ziemlich ungemütlich und Fußball gucken ist auch nicht drin, aber in jedem Fall ist es ein sicherer Ort, also bin ich zufrieden und werde mich schon kurz nach 20 Uhr in den Schlafsack mummeln, noch etwas lesen und schließlich in einen neuen Tag hineinschlummern. Gute Nacht wünscht ein müder und heute völlig ungewaschener Hardy (oh weh, nur noch ein paar Tage on Tour!)
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Autor: Hartmut Bögel | 18.06.2010
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