"Umzug in Westen war Abenteuer"
Dietenheim. Die Ereignisse, die zur deutschen Wiedervereinigung führten, hat Claudia Sander erst im Nachhinein mitbekommen. Schließlich war sie erst zwölf Jahre alt, als sie mit ihrer Familie Ost-Deutschland verließ.
"Der Weggang aus Ost-Deutschland in den Westen war für mich als Kind so etwas wie ein neues Abenteuer", erinnert sich Claudia Sander an die damalige Ausreise mit ihrer Familie, "das war sicherlich ganz anders als bei den Erwachsenen, die mit dem DDR-System viel stärker konfrontiert waren." Claudia Sander war damals im Jahr 1989 erst zwölf Jahre alt. Die Zeit der Wende, als sich die Ereignisse bis zur Wiedervereinigung in kurzen Abständen fast überschlugen, habe sie erst im Nachhinein mitbekommen. Als Jugendlicher sei sie an Politik ohnehin nicht so stark interessiert gewesen; und ihre Eltern haben sie über den Weggang aus dem Osten auch erst recht spät informiert. "Da hieß es, dass wir ausreisen dürfen, und meine Mutter hat mich gefragt, wie ich das finde", erzählt Sander, "nur drei Wochen später war der Mauerfall."
Daher ist für Claudia Sander der Tag der Deutschen Einheit auch nichts Besonderes. "Es ist für mich ein Tag wie jeder andere", sagt sie. Durch ihre Arbeit im Krankenhaus gebe es für sie ohnehin keine echten Feiertage.
Für ihre Eltern habe die Ausreise aus Ost-Deutschland einen ganz anderen Stellenwert gehabt. "Sie wussten ja nicht, dass es zur Wiedervereinigung kommen würde, und es hieß immer, dass wir unsere Verwandten mindestens zehn Jahre nicht mehr sehen dürften, wenn wir die DDR verlassen." Damals ist sie mit ihrer Familie zunächst in verschiedenen Übergangsheimen gewesen. Durch den Kontakt zu Bekannten seien sie nach Ulm gekommen. Dann ging es weiter zu ihrer Oma in einen Gasthof nach Altenstadt. Nach einer Zeit im Obergeschoss des Kollegs der Schulbrüder ist die Familie schließlich nach Dietenheim gekommen.
Anfangs fand Claudia Sander es noch recht cool in West-Deutschland. "Doch dann habe ich mich recht schwer getan, neue Freunde zu finden", erzählt Sander. Die Cliquen seien in diesem Alter schon geschlossen gewesen, so dass sie kaum nette Kontakte zu Gleichaltrigen bekommen hatte. "Da habe ich dann meine alten Freunde auf dem Dorf im Osten schon sehr vermisst und ihnen oft geschrieben", erinnert sie sich. Später ist sie auch mal auf ein Klassentreffen gefahren, und zu einigen der alten ostdeutschen Freundinnen hat sie immer noch Kontakt - zumindest telefonisch.
Und wenn Claudia Sander dann mal wieder in ihrer alten Heimat ist, befällt sie schon so etwas wie Wehmut. "Anfangs war es im Osten ja nicht so schön, weil erst alles wieder aufgebaut werden musste. Aber mittlerweile gefällt es mir richtig gut dort. Einmal bin ich auch meine alte Straße entlang gelaufen, wobei mir viele Erinnerungen durch den Kopf gingen", blickt Sander auf einen ihrer Besuche zurück.
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Autor: JOHANNES BRAUN | 09.09.2010
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