URL: http://www.swp.de/1828107
Autor: THOMAS STEIBADLER, 30.01.2013
Blaubeuren:Im Juli hat Tobias Hoefer als verantwortlicher Vorstand für Sanierung und Insolvenzplan das Ruder bei Centrotherm übernommen. Im Gespräch erläutert er, warum der Blaubeurer Maschinenbauer Zukunft hat.
Herr Hoefer, die Centrotherm-Gläubiger haben dem Sanierungsplan zustimmt. Ist damit Ihr Job erledigt?
TOBIAS HOEFER: Heute ist die neue Centrotherm geboren worden, und ich war sozusagen Mitglied des Geburtshelfer-Teams. Meine Arbeit als Fachmann für Eigenverwaltung war es, das insolvenzrechtliche Konzept zu entwickeln, dieses zusammen mit dem Vorstand auszuarbeiten und mit dem Sachwalter und den Gläubigern abzustimmen. Wir haben seit dem 12. Juli geschafft wie die Brunnenputzer und den Konzern zusammengeführt. Damit sollte meine Aufgabe erfüllt sein. Über die Dauer meines Engagements entscheidet aber der Aufsichtsrat.
Warum sind die Gläubiger mit dem Plan so zufrieden?
HOEFER: Aus allen Gläubigern werden Aktionäre, und diese Gemeinsamkeit bringt den Mehrwert. Jeder Gläubiger ist besser gestellt als in einem normalen Insolvenzverfahren. Mindestens 30 Prozent der Forderungen werden erfüllt, wir offerieren sogar die Chance auf 100 Prozent plus x.
Diese Rechnung geht aber nur auf, wenn der Wert der Centrotherm-Aktie wie erhofft steigt. Wie haben Sie die Gläubiger davon überzeugt, Aktionäre zu werden?
HOEFER: Das ist im Wesentlichen eine unternehmerische Bewertung. Die Gläubiger sind fast ausschließlich Fachleute, und alle haben erkannt: Centrotherm ist ein Unternehmen mit Weltmarktgeltung und Potential. Schon vor Beginn des Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung haben wir von der Unternehmensberatung Roland Berger eine Drittmeinung eingeholt, um eine objektive Einschätzung zu bekommen. Die hat bestätigt, dass wir Centrotherm als Marktführer wieder profitabel aufstellen können.
Hätte das Unternehmen ohne das im März 2012 in Kraft getretene "Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen" (Esug) überlebt?
HOEFER: Centrotherm ist so ein Fall, für den das Esug geschrieben wurde. Ohne dieses Gesetz wäre die echte Insolvenz nur eine Frage der Zeit gewesen. Das Unternehmen ist aber frühzeitig und nicht aus einer Position der Schwäche heraus in das Verfahren gegangen. Wenn die Restrukturierung abgeschlossen ist, wird Centrotherm das am besten aufgestellte Unternehmen im Markt sein.
Um den Preis zahlreicher Arbeitsplätze. Wie viele Mitarbeiter haben ihren Job verloren?
HOEFER: Vor dem Ausbruch der Krise vor einem Jahr zählte die Centrotherm Gruppe etwa 1900 Mitarbeiter, jetzt sind es noch etwas mehr als 1000 Beschäftigte. Wir haben seit Juli bei der Centrotherm in Blaubeuren und in den Bereichen, die den Kern der neuen Centrotherm bilden, aber nur 20 bis 25 Kündigungen ausgesprochen. Unser Leitbild dabei war, dass jeder gerne wiederkommt, wenn Einstellungen nötig werden. Der Rest waren Eigenkündigungen. Zudem sind Tochterunternehmen verkauft worden, die nicht zum neuen Kern von Centrotherm gehören. Aber die Arbeitsplätze in diesen Betrieben sind ja noch da. Es sind also weit mehr als die gut 1000 Arbeitsplätze in der neuen Centrotherm erhalten geblieben.
Bei Centrotherm schien es nur aufwärts zu gehen. Dann kam das Jahr 2011: Bei fast 700 Millionen Euro Umsatz brachte das operative Geschäft ein Minus von 19,8 Millionen.
HOEFER: Der Konzern hatte eine sehr komplexe Struktur, der Umsatz war durch die vielen Tochtergesellschaften aufgebläht. Mit der Rückbesinnung auf das Kerngeschäft - Maschinen für Photovoltaik- und Halbleiterfertigung - werden auch kleine Aufträge über 10 oder 20 Millionen Euro wieder interessant. Wir rechnen in diesem Jahr bei bescheidenem Auftragseingang mit 148 Millionen Euro Umsatz und einem Fehlbetrag von 24 Millionen. 2014 wird auch noch keine rauschende Zeit, aber es geht aufwärts. Wir planen mit 372 Millionen Euro Umsatz und 22 Millionen Überschuss.
Worauf beruht diese Zuversicht?
HOEFER: Auf Kundenbefragungen und Marktanalysen. Außerdem bestätigt auch der Einstieg des US-Investors Warren Buffet in die Solarbranche unsere Annahmen.
Centrotherm ist vom Export abhängig, vor allem nach Asien. Wie sind die Aussichten dort?
HOEFER: 80 bis 90 Prozent unserer Kunden sind im Ausland, und die können mit unseren Maschinen eine tolle Qualität zu einem günstigen Preis produzieren. Centrotherm hat einen sehr guten Stand in Asien. In China haben wir eine eigenständige Tochter, ein funktionierendes Vertriebsnetz und eine hohe Marktkenntnis. Dass wir im Dezember einen großen Auftrag der China Energy Conservation and Environmental Protection Group bekommen haben, ist ein Zeichen für unsere Kompetenz und unseren Marktzugang. Etwas komplizierter ist es mit den Großaufträgen in Katar und in Algerien. Dort sind die Zeitabläufe schwer einschätzbar, aber wir sind auf einem guten Pfad.
Hans Autenrieth, Mitbegründer des Unternehmens,war im Juni aus dem Vorstand ausgeschieden und ist im Oktober zurückgekommen. Ihre Einschätzung dieser Personalie?
HOEFER: Hans Autenrieth ist ein ganz wichtiger Mann. Er genießt überall großes Ansehen, weil er das Produkt authentisch verkörpert. Gerade im Vertrieb ist er eine starke Säule. Ich bin persönlich froh, dass er zur Sanierung von Centrotherm beiträgt. Er und Peter Augustin (Vorstand Operations; d. Red.) sind in der Branche hoch geschätzte Fachleute.
Und der frühere Vorstandsvorsitzende Robert M. Hartung?
HOEFER: Herr Hartung ist im Oktober vom Vorstand in den Aufsichtsrat gewechselt, so dass sein Wissen dem Unternehmen erhalten bleibt.