Tag der Leiden

Bermaringen.  Er fährt mit dem Rad von Kairo nach Kapstadt: Hartmut Bögel aus Blaustein. Rund 12.000 Kilometer wird er bis nach Südafrika auf dem Sattel verbringen. Pünktlich zur Fußball WM will der Blausteiner sein Ziel erreichen. In loser Folge berichtet Hartmut Bögel über seine Erlebnisse von unterwegs.

8. Februar

Der Tag der Zermürbung war das heute; der Tag der Leiden und des Willens und so mancher Dramen entlang der Strecke, da doch viele heute ihren EFI Status verloren (each fabulous inch - jeden fabelhaften Meter) weil sie nicht das Ziel auf dem Rad sondern in einem der Trucks erreichten.

Und eigentlich hätte ja alles so schön sein sollen und quasi ein besonderes Zuckerl auf dem Weg durch den Sudan, stand doch der Besuch des Dinger Nationalparks an und wir hatten eine Sondergenehmigung, um mit unseren Fahrrädern dort hineinzugelangen. Der Park ist im Südosten des Landes und ist ziemlich groß. Darin tummeln sich solch prächtige Tiere wie Geparden, Löwen, Affen, Giraffen, Elefanten und mehr und schon allein diese Vorstellung war im Vorfeld recht prickelnd.

Der Weg dahin führte über miserabelste Piste und das einzige Highlight war ein Cokestop in einem kleinen Dorf, umringt von unzähligen Kindern. Im Park angekommen mussten wir dann wegen unserer Sicherheit im Konvoi durch schreckliche Holperpisten radeln und selbst wenn da irgendwo ein Tier zu sehen gewesen wäre, hätten wir es wahrscheinlich nicht entdeckt, da die volle Konzentration der Holperpiste und dem Vordermann galt. Dennoch kam es zu einigen Stürzen und vor allem auch zu vielen platten Reifen, was den Konvoi endlos in die Länge zog. Bereits da war dann auch klar, dass für viele das Etappenziel am Abend nicht zu schaffen war.

Im Park gab es dann an einer Wildhüterstation einen herzlichen Empfang. Es wurde für den Tourismusverband gefilmt und interviewt und geknipst und ganz sicherlich werden wir alle für Werbung für den Park im Sudan TV herhalten. Dann ging es zur Sache, warteten doch noch stramme 50 km Piste in der prallen Mittagshitze. Der Weg war über weite Strecken ein grässlicher, mit tiefen Rissen durchzogener Wildhüter-Trail mitten durch Savanne und Wald und war zum Radfahren so ungeeignet wie ein ausgetrocknetes Bachbett zum schwimmen.

Immer wieder musste ich mein Rad schieben und wenn es zum Radeln ging, schmerzten meine Unterarme höllisch und jeder Holperer war wie ein Stich. Auf jedem Meter gab es mindestens drei heftige Holperer und somit drei peinvolle Stiche und jeder Kilometer war eine reine Qual. Streckenweise kam ich mit gerade mal neun Kilometern in der Stunde vorwärts und es wurde mir mehr und mehr klar, dass mir die Zeit anfing davonzulaufen, wenn ich noch vor Einbruch der Dunkelheit ankommen wollte.

Ich versuchte verschiedene Strategien, um mir die Zeit und mein Dasein erträglicher zu machen, fing an zu singen "kein schöner Land zu dieser Zeit....." oder "nehmt Abschied Brüder.....". Dann versuchte ich mir Geschichten von wilden Löwen auszudenken, die um mich herum lauerten (zumindest theoretisch ja denkbar) und unlogischerweise war es zudem so, dass wir auf dem Weg in den Park Konvoi fahren mussten in Begleitung eines Wildhüters im Jeep, aber auf dem Holperweg aus dem Park war ich meist völlig alleine auf meinem Radel unterwegs. Das war schon ein spannendes Gefühl, wenn man da so an Löwen und Geparde und an Daktari und ähnliches dachte.

Ein nettes Spielchen war auch, die verschiedenen Kothaufen auf dem Weg Tieren zuzuordnen und zumindest der Haufengröße nach zu urteilen waren da schon stattliche Tiere unterwegs. So verging dann Kilometer um Kilometer und Stunde um Stunde und es wurde später und später und ich musste mich entscheiden: will ich um meinen EFI-Status kämpfen oder nicht. Ich entschied mich für Ersteres, gab meinen Rad die Sporen und biss auf die Zähne (blutige Lippe!!!!) und erreichte dann völlig erschöpft bei beginnender Dämmerung das trockene Flussbett, das zugleich Ende der Holperstrecke und Ende des Nationalparks und Ende der offiziellen Etappe bedeutete – geschafft - yeahhhhhhhhhh!!!!

Kurz davor kreuzte auch noch ein stattlicher Affe meinen Weg- als Belohnung quasi. Aber bis zum Camp waren es immer noch 10 km, doch erstmal ging es durch eines dieser nun schon vertrauten Dörfer und ich wusste in jedem dieser Dörfer gibt es einen kleinen Laden mit einem Kühlschrank voller Softdrinks. Also radelte ich ins Dorf, das wie überall voller Menschen war und rief "hello" und "Pepsi" und "Cola" und alle halfen mir und wiesen mir den Weg zur Labe-Station. Ich kaufte mir zwei Faschen Pepsi – eisgekühlt - für drei sudanesische Pfund (1 Euro) und eine Flasche trank ich in einem Zug leer und spürte wie wieder Leben und Kraft und Glück in meinen ausgepowerten Körper kam. Um mich herum waren staunende und fröhliche Menschen, die irgendwie spürten, dass ich es wirklich total nötig gehabt habe...

Als ich dann im Camp ankam, war es vollends dunkel und da einige Ziegen- und Kuhherden samt Hirten noch unterwegs waren, musste ich ziemlich Acht geben, nicht noch auf den letzten Metern mit eben diesen zu kollidieren. Im Dunkeln das Zelt aufzubauen macht nicht wirklich Spaß, zumal wenn man völlig am Ende ist und verdreckt und verschwitzt, aber auch das hab ich geschafft und es gab ja noch ein köstliches Essen. Viele Radler kamen – meist im Truck dann – noch lange nach mir an und es gab viel zu diskutieren über diesen beinharten Tag. Jeder hatte seine speziellen Leiden und jeder ist tausend Tode auf dem Rad gestorben und doch wieder irgendwie zu Kräften gekommen.

Im Camp schüttete ich nochmals kaltes Cola und Wasser in mich und hatte doch das Gefühl überhitzt und ausgetrocknet zu sein und war den ganzen Tag über einmal nur beim pinkeln und das nur mit Anstrengung und aus purer Gewohnheit. Zu später Stunde setzte ich mich dann noch neben mein Zelt und aß noch zwei von diesen köstlichen Grapefruits, die es hier gibt. Dabei schaute ich in die Sterne und dankte einfach für diesen Tag und dass ich ihn so schaffen durfte. Ach ja, die Schalen der Grapefruits eignen sich im übrigens excellent zum Säubern der Füße und hinterlassen einen verführerischen Duft... aber das jetzt nur mal am Rande bemerkt.

Eine wirklich üble Geschichte ist die von Jos aus Südafrika: Er ist ein Bär von einem Mann und ist vor zwei Tagen wahrscheinlich an einem Bahnübergang gestürzt. Da er alleine unterwegs war, wissen wir es nicht genau. Er kam dann noch mit dem Fahrrad zum Camp geradelt und es fiel uns allen erstmal nur auf, dass er so ruhig ist; wenn man ihn fragte, ob er ok sei sagte er immer "Yes" und so schenkte man ihm nicht viel Beachtung. Erst als er dann beim Essen immer noch abseits stand, merkten wir, dass da was nicht stimmt. Jos hatte keinerlei Erinnerung an den Tag und konnte nicht erzählen, was wirklich geschehen war und wurde mehr und mehr abwesend. Caroline, die Krankenschwester, legte ihm dann eine Infusion und er wurde ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht... Nun ist er in der Klinik in Khartoum und wir alle können nur hoffen und beten, dass er sich wieder richtig erholt.

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12.02.2010

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