Polierte Träume
Machtolsheim. Wenn Helmut Föhner sein Garagentor öffnet, traut man seinen Augen nicht: Denn dahinter funkeln 15 fahrtüchtige Motorräder, allesamt Oldtimer, allesamt liebevoll restauriert - und weitere warten noch.
Schwarz glänzt der aufpolierte Lack einer NSU Quick in der Sonne, als Helmut Föhner das Motorrad stolz in seine Garagenauffahrt stellt: "Baujahr 49. Das war gerade nach der Währungsreform. 98 Kubik, Zweitakter", bemerkt der Machtolsheimer. Ein Leichtkraftrad mit Hupe, auf dem einst die Machtolsheimer Hebamme Marie Steeb Schwangeren zu Hilfe eilte. Föhner schiebt noch eine NSU Fox, Baujahr 53, aus der Garage: "Das war das leistungsstärkste Motorrad, drei-Gang-Motor und die erste Neukonstruktion nach dem Krieg. Ein Viertakter." In dieser Zeit hätten die Besatzer festgelegt, dass Neukonstruktionen nicht mehr als 60 Kubik haben dürfen. "Deswegen gab es dann die Viertakter. Damit war mehr rauszuholen", erzählt Föhner, der 1954 in Machtolsheim eine Lehre als Landmaschinenmechaniker machte. Ein halbes Jahr fuhr er mit dem Rad von Hohenstadt nach Machtolsheim, dann kaufte ihm seine Mutter eine NSU Quick. 300 Mark habe die gekostet, für damalige Verhältnisse "ein Vermögen". "Fünf Mark habe ich pro Woche verdient, aber meine Mutter hat ein Grundstück verkauft, sonst wäre das nicht gegangen", erzählt Föhner. Später habe er sich dann eine NSU Fox gekauft, auf der man schon zu zweit fahren konnte und schließlich eine gebrauchte NSU Max. "Die lief bis in die Schweiz - einwandfrei. Und meine Frau hintendrauf." Die Max gefällt auch Ehefrau Erika: "Das war unsere Jugend, damit waren wir viel unterwegs. Als die Kinder kamen, haben wir die Maschine für einen kleinen Fiat hergegeben." Kein Mensch habe in dieser Zeit daran gedacht, zwei Fahrzeuge zu unterhalten. Klar, dass die von Föhner wieder zusammengebaute und restaurierte "neue alte Max" einen ganz besonderen Stellenwert hat. "Nach dem Krieg konnte man mit Führerschein Klasse 4 alle möglichen Fahrzeuge bis zu 250 Kubik fahren." Als sich die Vorschriften änderten, arbeitete er bei der Heidelberger Druck: "Wir mussten keinen neuen Führerschein machen, sondern haben mit einer Sammelbestellung der Belegschaft unsere Führerscheine weggeschickt und bekamen sie umgeschrieben auf Klasse 1 wieder zurück."
Bei der NSU Quickly N, die im Herbst 1953 auf den Markt kam, "brauchte man anfangs gar keinen Führerschein. Mit der sind die Frauen aufs Feld". 1000 Stück davon habe NSU täglich gebaut. "Das war ein absoluter Renner." Dann holt Föhner noch zwei NSU Quickly L dazu: eine taubenblau, eine korallenrot mit walgrau, Baujahr 1957. Petticoatzeit. Das L steht für Luxus, die Hinterradverkleidung sorgt dafür, dass die Kleider nicht in die Räder kommen können. "Ein Damenfahrzeug, drei Gang", kommentiert Föhner und lacht. Seine Frau bringt derweil das Album mit den passenden Fotos: Motorräder, Ausflüge und schicke Sommerkleider. . . Das Lachen vergeht ihr allerdings, als sie in die Garage und den Schuppen schaut. "Der Mann hebt alles auf", schimpft sie. "So viel Zeug, der kann alles brauchen." Und Föhner bekräftigt mit Blick auf die Ersatzteile und Maschinen: "Weggeworfen wird nichts - und verschenken tu" ich auch nichts." Außerdem: "Als Rentner brauch ich mit 72 Jahren doch ein Hobby. Und Platz hab ich genug."
Mit seinen Maschinen ist er regelmäßig unterwegs, nimmt an Ausstellungen und Ausfahrten teil - und damit er möglichst viele Maschinen zeigen kann, wird die ganze Familie eingespannt. Besonders stolz ist er auf eine rot blitzende NSU Cavallino: "Baujahr 1958, italienische Form, ganz anderes Design, das ist doch was." Ein paar Kollegen hätten sie auf einem Schrotthaufen gefunden. "Davon sind nur 20 000 Stück gebaut worden, das ist quasi mein Porsche. Zum Glück konnte ich noch die Papiere ergattern", erklärt er begeistert. Es dauert nicht lange, dann stehen die ersten Bewunderer um sein "kleines Pferd" Cavallino herum. Einziges Manko: "Super Sound, Super Optik, aber der Sitz ist für mein Alter und meine kaputte Hüfte etwas zu hoch." Er selbst steigt daher lieber auf die alte Max.
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Autor: BRIGITTE SCHEIFFELE | 02.09.2010
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