Phantastische Welt aus Tropfsteinen

Hürben.  Berggeist, Elefant, Robbe und eine ganze Gottesdienst-Szene: Mit ein bisschen Phantasie kann der Betrachter in den tausenden von Tropfsteinen in der Charlottenhöhle in Hürben ganz eigene Welten erkennen.

"Robby" steht mitten im Weg. Die Besucher der Charlottenhöhle in Hürben (einem Ortsteil von Giengen an der Brenz) müssen daher aufpassen, wenn sie an dem etwa pudelgroßen Boden-Tropfstein vorbeigehen, der die Form einer kleinen Robbe hat. "Da ist schon mancher gestolpert - vor allem auf dem Rückweg", sagt Höhlenführer Gerhard Baamann und leuchtet mit dem Strahl seiner Taschenlampe von hinten auf "Robby", der daraufhin gelblich durchsichtig scheint. Überhaupt gibt es in der 587 Meter langen Schauhöhle einige Tiere und Fabelwesen zu bestaunen: Hier ein Elefant, dort eine Fledermaus, ein Hund, ein Berggeist. Ganze Szenen lassen sich in den Tropfstein-Formationen erkennen. Etwa im "Refektorium der Mönche", bei dem die Boden-Tropfsteine wie kleine dicke Männchen um einen Tisch sitzen. "Und der Große da, das ist der Abt", sagt Baamann. Tatsächlich kann der Besucher in dem hohen Tropfstein in der Mitte einen Mann mit Hut erkennen. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Die Namen der Höhlenabschnitte tun ihr übriges: "Königsthron", "Göttersaal", "Schiefer Turm", "Rettichgrube", um nur einige zu nennen.

All diese Figuren sind entweder Stalaktiten, also Tropfsteine, die von der Decke der Höhle nach unten wachsen, oder Stalagmiten, die vom Boden gen Decke wachsen. In den Jahrtausenden haben sie alle nur erdenklichen Formen angenommen. Zum Teil sind sie meterhoch, andere sind nur dünne, weiße Stifte, die von der Decke wachsen. "Die heißen Makkaronis, weil sie in der Mitte hohl sind. Wie die Nudeln", erklärt der Höhlenführer. Die Zeitdimensionen, in denen man sich bewegt, sind unvorstellbar: Gilt doch als grobe Angabe, dass ein Tropfstein in 100 Jahren rund einen Zentimeter wächst. So ein mannshoher Tropfstein bringt es damit locker auf 500 000 Jahre, in denen das eindringende kohlensäurehaltige Wasser den weichen Kalk des Weißen Jura auflöst. Das Alter der Höhle wird auf zweieinhalb bis drei Millionen Jahre geschätzt. "Bis sich ein einziger Tropfen an der Höhlendecke bildet, dauert es drei bis vier Tage", erklärt Baamann. In einem komplizierten chemischen Prozess entsteht durch das Zusammenspiel von Wasser und Kalk so genannter einfach kohlensaurer Kalk, der als Tropfsteine ausfällt.

Seit 1893 ist die Charlottenhöhle bereits Schauhöhle, dem Jahr ihrer Entdeckung. Schon in einer Karte von 1591 ist im Wald bei Hürben das "Hundsloch" eingezeichnet. Bis ins späte 19. Jahrhundert warfen die Hürbener in dieses Loch ihre Tierkadaver: Hunde, Pferde, Katzen. Der damalige Oberförster Hermann Emil Sihler ließ sich von den abergläubischen Geschichten der Hürbener über das "Hundsloch" nicht abschrecken und schickte im Mai 1893 drei Zimmerleute mit Strickleitern hinab. Der Anblick, der sich ihnen bot, dürfte nicht gerade erfreulich gewesen sein: Berge von Tierknochen türmten sich in dem Loch mit rund drei Metern Durchmesser. Erst nachdem die drei Männer Knochen, Steine und Schutt beiseite geräumt hatten, sahen sie einen großen beeindruckenden Tropfstein. Heute ist der Stein als "Berggeist" bekannt und steht rund 20 Meter vom Eingang entfernt. Der war im Jahr 1893 allerdings noch mit Felsen verstürzt und musste freigeräumt werden. Sihler und seine Helfer machten sich an die Arbeit und entdeckten bei verschiedenen Begehungen immer weitere Teile der bislang verborgenen Pracht.

Die Hürbener zeigten sich geschäftstüchtig und fortschrittlich: Schnell beschloss der Gemeinderat, diese Naturschönheit einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Er beschloss auch, die Höhle mit elektrischem Licht auszuleuchten. "Selbst Städte wie Giengen hatten damals noch kein elektrisches Licht", sagt Eduard Geisser, Vorsitzender des rund 190 Mitglieder starken Heimat- und Höhlenvereins Hürben, der die Charlottenhöhle, das dazugehörige Museum "Höhlenschauland" und das Infozentrum "Höhlenhaus" betreibt. Die Elektrifizierung sei eine Sensation gewesen, sagt Geisser. "Das zog wahrscheinlich mehr Besucher an, als die Höhle selbst." Innerhalb kürzester Zeit wurden Leitungen verlegt, Glühbirnen installiert und am Fuße des Berges ein Deutz-Generator installierst, der den Strom lieferte. Bis heute ist ein Teil dieser Beleuchtung von 1893 in der Höhle zu sehen - wenn auch ohne Funktion. Dafür ist der Höhlenverein derzeit dabei, die Charlottenhöhle mit einer neuen Beleuchtung zu versehen. Für rund 160 000 Euro werden LED-Lichter installiert. "Dieses weiße Licht hat den Vorteil, dass sich keine ,Lampenflora bildet", sagt Führer Baamann. Denn obwohl kein Gramm Erde an den Tropfsteinen ist, wachsen rund um die Glühbirnen Moose, Farne und Flechten. "Ihre Sporen werden in die Höhle eingetragen, und das Licht begünstigt ihr Wachstum." So hat so mancher Tropfstein einen grünlichen Schimmer. Das ist in der "Schatzkammer" schön zu sehen, wo sich Tropfsteine in unterschiedlichen Grün-Schattierungen aneinanderreihen: Sie schimmern in der Feuchtigkeit wie Smaragde in einer Schatzkammer.

Zur Eröffnung im September 1893 kam Königin Charlotte von Württemberg (1864 - 1946), die der Höhle den Namen gab. Für die Namensgebung versprach Charlotte den Hürbenern 1000 Mark. "Bis heute ist kein Pfennig davon angekommen", erzählt Baamann. Die Königin schritt am 23. September 1893 persönlich durch die Höhle, in der ständig eine - recht frische - Temperatur von acht bis neun Grad und Luftfeuchtigkeit zwischen 90 und 100 Prozent herrschen. Allerdings konnte die Königliche Hoheit nach rund der Hälfte der - heute begehbaren - Strecke von 532 Metern nicht weiter: "Der Eisenreif, der in ihrem Kleid eingenäht war, war zu breit für den schmalen Durchgang. Sie musste umdrehen", erzählt Gerhard Baamann, der mit 30 anderen Führern die rund 50 000 Besucher im Jahr durch die Höhle führt.

Faszinierend sind auch die "Bärenschliffe", auf die Baamann die Besucher hinweist: So haben die Höhlenbären, die vor Jahrtausenden in der Höhle lebten, ihr Revier markiert. "Die lebten ja in völliger Dunkelheit. Um sich zu orientieren haben sie ihr Fell immer wieder an derselben Stelle gerieben, bis die ganz blank war." Der Bärenschliff. Anhand der so gesetzten Duftmarken wusste der Höhlenbär, der es auf den Hinterbeinen auf drei Meter Höhe brachte, wo in der Höhle er sich befand.

Menschen haben wohl nie in der Höhle gelebt, zumindest wurden nur Tierknochen gefunden: "Zu kalt und zu nass", fasst Eduard Geisser die Gründe zusammen. In Anbetracht des stetig hörbaren Tropfens, der klammen, kalten Luft und des nassen Bodens kann der moderne Besucher seine Vor-Vorfahren nur allzu gut verstehen.

Auch heute bleibt die Charlottenhöhle von November bis März so, wie sie in den Zeiten der Höhlenbären war: dunkel, feucht und kalt. Denn in dieser Zeit gibt es keine Besichtigungen, die Höhle ist gesperrt. Über den Winter gehört sie den Fledermäusen. Sie halten dort ihren Winterschlaf. Eingelullt vom stetigen Tropfen des Wassers, das sich - wie seit Jahrtausenden - seinen Weg durch das Karstgestein bahnt.


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Autor: HELGA MÄCKLE | 25.06.2011

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