Neue Heimat alter Kutschen

Laichingen.  Die einen tauschen angesichts der alten Geräte Erinnerungen aus, andere wünschen sich den Blick in die Vergangenheit oder eine nostalgische Fahrt mit Pferd: Helmut Frieds Kutschenwagen-Museum erfreut viele.

Bei älteren Bewohnern der Schwäbischen Alb wecken Begriffe wie "Schneddre" und "Heuliecher" viele Erinnerungen an frühere Arbeitstage, jüngere können dagegen erstmal weder mit den Worten noch mit den Dingen etwas anfangen. Beim Rundgang durch das Kutschwagen-Museum in dem Laichinger Teilort Bühlenhausen mit den Inhabern Helmut und Doris Fried bekommen diese alten Dinge schnell eine Bedeutung. Wenn Bauer und Helfer auf einem Leiterwagen genug Heu aufgeladen hatten, konnte ein Brett unter dem Heu hervor nach hinten gezogen werden. Auf dieses "Schneddre" genannte Brett setzten sich dann die jungen Helfer und ließen sich heimfahren, berichtet Helmut Fried.

Doris Fried erzählt, dass sie noch im Alter von zehn Jahren ihrer Großmutter in Feldstetten bei der Heuernte geholfen hat und auf dem Rückweg vom Feld auf der "Schneddre" saß und von den vorgespannten Kühen nach Hause gezogen wurde: "Manchmal saß man auch zu zweit da drauf und hat lustig geplaudert." Heuliecher, längere Holzstangen mit einem Haken, wurden übrigens damals verwendet, um Heu aus einem Heustock zu ziehen und zu testen, ob er vielleicht schon zu trocken ist und Brandgefahr besteht. Auch viele andere Gerätschaften in Frieds Museum geben einen Eindruck von der harten Feldarbeit: Sichel und Sense sind ebenso zu sehen wie erste Maschinen bei der Ernte: So steht da ein raffinierter Bindemäher, der Vorgänger des heutigen Mähdreschers, der in den 40er Jahren von drei Pferden gezogen werden musste.

Helmut Fried ist mit jeder Kleinigkeit in seinem Museum verbunden, das ist schnell zu bemerken. Seit er 1976 seine erste Kutsche selbst baute und ein Jahr später einen Bernerwagen aus dem Jahr 1910 kaufte, ließ ihn die Leidenschaft für die alten Wagen und andere Geräte aus dem bäuerlichen Umfeld nicht mehr los. Jede Kutsche hat er mit einer Tafel versehen, die ihre Herkunft und Verwendung erläutert. Mehr als 100 alte Wagen hat er inzwischen in seinem Museum versammelt: Sehr viele stammen aus der Region, waren früher im Besitz Berghüler oder Laichinger Bauern und Handwerker, manche sind aber auch aus Ungarn oder Russland. Seit diesem Jahr hat Fried auf der ausgebauten Galerie außerdem eine Schlafstube aus der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts eingerichtet - ein Wunsch seiner Frau. Hinzu kommen viele Handwagen, Kippkarren, Schubkarren und Schlitten in den verschiedensten Größen. Oft hat Helmut Fried jahrelang darauf hingearbeitet, eine Kutsche für sein Museum zu bekommen - beispielsweise die für Begräbnisse, die noch lange in Wiesensteig in Betrieb war und die Fried heute noch selbst nutzt, um bei befreundeten oder bekannten Familien jemandem die letzte Ehre zu erweisen. "Stilecht mit Melone, im schwarzen Frack und mit Pferden, die mit schwarzen Decken behängt sind: Das ist ein würdiger Abschied", findet Fried. Selbst kleine Details sind an dieser Kutsche noch erhalten - etwa ein immergrüner perlenbesetzter Kranz, der von armen Leuten fürs Begräbnis ausgeliehen werden konnte, weil sie sich die üblichen vier Kränze aus frischen Blumen nicht leisten konnten.

Besonders eindrucksvoll sind die alten Militärwagen, die sich auf den ersten Blick gar nicht so groß von den sonst üblichen Truchenwagen der Bauern unterscheiden, die mal mit Leitern, mal mit einer Truhe genutzt wurden. In einen der Militärwagen von 1914, der 1922 in Ulm von einem Bauern in Urspring gekauft wurde, konnten im Ersten Weltkrieg bis zu vier verletzte Soldaten von der Front ins Lazarett gefahren werden. An Frieds altem Wagen sind sogar Gasmasken und die zugehörigen Tornister zu sehen. Ein anderer hölzerner Truchenwagen gehörte im Zweiten Weltkrieg der Armee des russischen Generals Wlassow, der 1944 die Seiten wechselte und auf der Alb mit Hilfe der Nazis eine "russische Befreiungsarmee" aufbaute.


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Autor: THOMAS SPANHEL | 02.09.2010

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