Morddrohung im Internet wirft 60-jährigen Lehrer aus der Bahn
Region. Mit Leib und Seele Lehrer. Das ist Gerhard Lang. Bis er eine Morddrohung erhält. Der 60-Jährige wird krank, leidet unter Albträumen. Er kämpft mit seinen Ängsten und jetzt auch vor Gericht.
An manchen Tagen wacht Gerhard Lang (Name von der Redaktion geändert) noch immer auf und denkt, er ist tot. Erschossen von einem Unbekannten. Albträume gehören zum Leben des 60-Jährigen. Seit jenem Moment im März 2008, als der Lehrer aus dem Alb-Donau-Kreis erfahren hat, dass sein Leben womöglich in Gefahr ist. Im Internet hatte ein Schüler unverblümt damit gedroht, ihn erschießen zu wollen. Seinen Hass auf Lehrer Lang verlieh der Jugendliche klar und deutlich Ausdruck. Mit wüsten Beschimpfungen und üblen Beleidigungen, die so schlimm waren, dass Lang sie am liebsten aus seinem Gedächtnis streichen würde. Das aber ist dem Pädagogen bis heute nicht gelungen. "Es wirkt nach", sagt er mit leiser Stimme.
Ein Kollege sprach ihn auf den Eintrag im Netz an. Die Morddrohung warf den passionierten Lehrer aus der Bahn. Lang packte die nackte Angst. Panikartig verließ er die Schule, zermarterte sich das Hirn, warum der Schüler ihn so hasste, fühlte sich verloren. Helfen aber konnte ihm zunächst niemand. Auch deshalb, weil er sich dafür entschied, die Polizei nicht zu informieren, keine Anzeige zu erstatten. Aus Angst, der Schüler könnte nicht nur ihm, sondern auch seiner Familie etwas antun. "Die Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen."
Ob der Schüler seine Ankündigung im Internet tatsächlich ernst gemeint hat, weiß Lang nicht. Sie erzielte aber auch so ihre Wirkung. Das diffuse Gefühl der Bedrohung ließ den Lehrer nicht mehr los. Lang wurde krank. Er litt unter Angstattacken, wachte nachts schweißgebadet auf, zog sich immer mehr zurück und wurde sich selbst fremd. Er, der fast 40 Dienstjahre geleistet und nie länger gefehlt hatte, konnte nicht mehr.
Lang ging zum Arzt und ließ sich in eine Klinik überweisen. Sechs Wochen verbrachte er in Therapie. Lang wollte seine Ängste überwinden und wieder zurück in seinen Beruf, den er liebt, den er schon als Kind ausüben wollte. Die Therapie schlug an. Dank guter Ärzte und einer starken Familie im Hintergrund, wie der 60-Jährige betont. "Meine Frau hat zu mir gehalten. Meine Töchter haben gesagt: Papa, du schaffst das. Du brauchst doch die Schule."
Nach neun Monaten hat Gerhard Lang es tatsächlich geschafft. Er unterrichtet wieder. Deutsch und Biochemie, seine beiden Fächer. An einer Schule in Ulm. Eine Rückkehr an die alte Schule kam nicht in Frage. "Dort hätte mich alles wieder eingeholt." Schließlich war der Schüler, der die Morddrohung ins Netz gestellt hatte, immer noch da. Die Schulleitung hatte den Jugendlichen nicht wie erwartet von der Schule verwiesen. Eine Entscheidung, die Gerhard Lang ratlos zurückließ. Viele Jahre hatte er an der Schule im Alb-Donau-Kreis gearbeitet, sich dort wohl gefühlt und etwas geschaffen. Mit dem Abstand von gut zwei Jahren sagt Lang: "Ich wurde geopfert. Mir wurde mein Lebenswerk genommen."
Langs Geschichte ist inzwischen ein Fall für das Gericht geworden. Genauer gesagt, für das Verwaltungsgericht in Sigmaringen. Dort findet in den kommenden Wochen eine Verhandlung statt. Lang gegen das Land Baden-Württemberg, das seinen Fall nicht als Berufsunfall anerkennt. Der 60-Jährige will das nicht akzeptieren. Es geht ihm ums Prinzip, wie er sagt. "Weil ich meinen Kopf für die Schule hingehalten habe und das Geschehen doch unmittelbar mit meinem Beruf als Lehrer zu tun hat." Lang geht es auch um seine finanzielle Absicherung. "Woher soll ich wissen, dass ich nicht doch einen Rückfall erleide und berufsunfähig werde?" Sollte der Vorfall vor zwei Jahren nicht als Berufsunfall deklariert werden, habe er für den Fall eines Falles schlechte Karten.
Wenn der Pädagoge heute vor seinen Schülern steht, blendet er Vergangenes aus. So gut es eben geht. Vergessen ist das, was war, nicht. Immerhin, Albträume plagen ihn nicht mehr so häufig, die Nächte sind erholsamer geworden. Die Angst, erschossen zu werden, sie quält ihn seltener. "Ich bin auf einem guten Weg", sagt Lang. "Und habe wieder Freude am Leben."
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Autor: CARSTEN MUTH | 20.03.2010
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Gewaltandrohungen lassen Menschen verzweifeln und einsam werden. Sie erzeugen mitunter tiefsitzende Ängste, die kaum noch zu kontrollieren sind. Foto: Fotolia
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Kommentare (2)
Morddrohung im Internet
Ich weiß von einem Fall an einer Ulmer Schule, wo eine Lehrerin von einer Schülerin im Internet als Mordopfer abgebildet wurde. Die Schulleitung hat keine Konsequenz daraus gezogen; die Schülerin wurde auf der Schule belassen. Einige der Kollegen aus dem Lehrerkreis hatten sich bei einer Schulkonferenz zu diesem Thema nicht durchsetzen können mit ihrer Forderung nach Konsequenzen gegen die Schülerin. Dieses Duckmäusertum seitens der Schulleitung spricht von beispielloser Ignoranz gegenüber dieser kriminellen Handlung. Was hat die Schülerin daraus für ihr Leben gelernt?solche "Idioten" müssen zwingend angezeigt werden.
Es mag gegenüber Herr Garhard Lang hart klingen aber so darf diese Situation nicht gehandhabt werden. Ich kann es nicht akzeptieren dass der "Pädagoge" die Polizei nicht informierte und den Täter also nicht angezeigte und somit in seinem kriminellen Tun frei walten lies und bestärkte.Ich meine eine sofortige Anzeige ist in einem solchen Fall zwingend vorgeschrieben. Es darf niemals sein dass solche "Idioten" mit solchem Tun Erfolg haben. Deshalb ist das Gegenteil nötig. Nicht Weg- sondern Hinschauen und ein wenig Zivilcourage ist nötig. Ich habe Vertrauen in unsere Polizei und glaube auch dass die Gerichte meist angemessen reagieren. Aber wie gesagt... eine Anzeige ist nötig.