Macht und Ohnmacht in Brasilien

Profitgier und Rohstoffhunger lassen Amazonien ausbluten. Gerd Rathgeb engagiert sich seit Jahren für den Erhalt des brasilianischen Regenwalds und hielt im Laichinger alten Rathaus einen Vortrag.

CHRISTINA KIRSCH |

"Wir wollen uns nicht nur mit lokalen Themen auseinander setzen, sagt die Volkshochschulleiterin Ilse Fischer-Giovante, "sondern auch global denken". Deshalb kam Gerd Rathgeb vom Stuttgarter Verein Poema nach Laichingen und machte deutlich, dass das Ferne ziemlich nah ist. Denn wird in Amazonien der Regenwald gerodet, leiden zwar zuerst die Menschen in Brasilien, aber der Tod einer grünen Lunge in Südamerika beeinträchtigt irgendwann auch die "Atmung" in Europa. Die Abholzung des Regenwaldes und die anschließende Erosion des Bodens hinterlassen unfruchtbare, sprichwörtlich verbrannte Erde. Gerd Rathgeb war im November 2015 vier Wochen lang in den brasilianischen Bundesstaaten Para und Maranhao unterwegs, um Hilfsprojekte zu besichtigen.

"Die Leute schilderten uns ihre Trinkwasserprobleme in einem der wasserreichsten Ländern der Erde, sie berichteten von Trockenheit, der Holzmafia und den gesundheitlichen Problemen", berichtete Gerd Rathgeb. In seinem Vortrag machte der ehemalige Daimler-Betriebsrat klar, dass Brasilien in einer schweren ökonomischen und ökologischen Krise steckt. Gerd Rathgeb kam Anfang der 90er Jahre nach Brasilien, weil Daimler dort LKW baut. Die Polsterung für die Sitze und die Rückenlehnen der Fahrzeuge wurden damals aus Kokosfasern in einem kleinen Betrieb hergestellt. Die Produktion wurde eingestellt, aber Rathgeb ließ das Land nicht mehr los.

In seinem Vortrag berichtete er von illegal geschlagenem Holz und illegalen Sägewerken, die schneller verschwinden als sie kontrolliert werden können. Man könne in Brasilien ohnehin nicht von einem Rechtsstaat sprechen, bemerkte der Redner, "denn ohne Schmiergeld geht dort nichts". Der Regenwald werde nicht nur wegen des hochwertigen Holzes gerodet, sondern auch, um Rinderweiden anzulegen. Brasilien exportiert Rindfleisch nach China und in die arabische Welt. Doch die Weiden seien nach ein paar Jahren erschöpft, das Land unfruchtbar. Zudem bedrohe die Holzmafia die Reservate der Kaapor-Indios und würde auch nicht vor Morden zurückschrecken.

Auf ihrer Reise besuchten Gerd Rathgeb und seine zwei Begleiter die Stadt Santarém, um zu überprüfen, ob die von Poema finanzierten Trinkwasseranlagen funktionieren. Die mit Solarpumpen ausgestatteten Wasseraufbereitungsanlagen, in denen Flusswasser gereinigt wird, sollen nach Möglichkeit mit Geräten bestückt werden, die das Wasser mit UV-Licht entkeimen.

Die Deutschen besichtigten auch Verladestationen von Futtermittelkonzernen. Für den Soja-Anbau wird ebenfalls Regenwald geopfert. Besucht wurde auch die Stadt Altamira am Rio Xingu. Dort baut die Regierung ein Prestige-Objekt, das Kraftwerk Belo Monte. Die deutsche Firma Voith Heidenheim liefert dafür die Turbinen und Generatoren. Durch den Kraftwerkbau, dessen Stausee eine Fläche in der Größe des Bodensees überschwemmen wird, mussten Menschen umgesiedelt werden. Diese Menschen werden nach Altamira vertrieben, einer Stadt, die sich mittlerweile zu einer Drogenstadt gewandelt habe, berichtet der dortige Bischof Erwin Kräutler, ein österreichischer Geistlicher, der unter Polizeischutz steht und Träger des alternativen Nobelpreises ist. In deren Siedlungen gebe es keine Infrastruktur, keine Schulen und keine Krankenstationen, erzählte Rathgeb.

Die hoffnungsvollen Projekte nehmen sich in Amazonien gegen die Umweltzerstörung geradezu winzig aus. Und doch gibt es sie. Gerd Rathgeb berichtete von der Schule "Casa Familia Rural", in der auch landwirtschaftliches Wissen vermittelt wird. Die Schüler sind teils in der Schule und teils zu Hause, wo sie ihr Wissen über Gemüseanbau und Viehzucht anwenden. Poema finanzierte die Trinkwasseranlage und will Ventilatoren für die Schlafräume anschaffen.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Zum Schluss

Umfrage: Internet auf der ...

Stiller Ort zum Surfen: Die Toilette. Foto: Monika Skolimowska

In der einen Hand das Klopapier, in der anderen das Smartphone - für fast jeden Zweiten in Deutschland ist das einer Umfrage zufolge kein Problem. 45 Prozent der Befragten gaben an, dass sie auf der Toilette selten oder regelmäßig im Internet surfen. mehr

Studie: Meiste Reiche leben in ...

Weltweit gibt es immer mehr Millionäre. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Reichen. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. mehr

Mückenplage droht – ...

Wo kommt sie vor? Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus).

Deutschland droht eine Stechmückenplage. Der Grund: das feuchtwarme Wetter. Experten bitten darum, Mücken zu fangen und einzusenden. mehr