Kultusministerin Schick in Staig - Hauptschule contra Werkrealschule

Staig.  Ihr erster Schulbesuch seit Amtsantritt hat Kultusministerin Marion Schick gestern nach Staig geführt. Dort wurde ihr deutlich vermittelt, wie sehr Werkrealschulen funktionierende Hauptschulen gefährden.

Etwas Privates vorneweg: Die baden-württembergische Kultusministerin Marion Schick, früher Präsidentin der Hochschule München, hat zwei Kinder. Keines geht auf ein Gymnasium. Erwähne sie dieses, sehe sie in den Gesichtern ihrer Gesprächspartner die Frage "Wie konnte Ihnen das denn passieren?".

Von ihrer Erfahrung mit Eltern erzählte sie beim gestrigen Besuch an der Verbandshauptschule Staig, ihrem ersten Schulbesuch seit Amtsantritt im Februar: "Viele glauben, dass unterhalb des Gymnasiums die Welt aufhört." Es sei beileibe nicht so. Doch genau diese Annahme macht Hauptschulen das Leben schwer. Nun kommt erschwerend hinzu, dass Baden-Württemberg den Schultyp der Werkrealschule geschaffen hat. 500 wollen zum nächsten Schuljahr beginnen.

Staig gehört nicht dazu. Die Verbandshauptschule hat keinen Antrag gestellt. Diesem Umstand verdankt sie den gestrigen Besuch der Ministerin. Schick hatte gegenüber Wolfgang Mäder vom Staatlichen Schulamt Biberach den Wunsch geäußert, im Alb-Donau-Kreis eine Hauptschule auf dem Land zu besuchen. Eine, die keinen Antrag zur Werkrealschule gestellt hat - vor Ort wolle sie nachfragen, warum.

Mit dem Lied vom "armen Dorfschulmeisterlein" haben sie die Schüler begrüßt. Letzte Strophe: "Heut kommt nun Frau Ministerin, Ministerin, das ist für uns ein Riesending. Wie soll die Schul im Dorfe sein?, fragt sich das Dorfschulmeisterlein."

Ja, wie nun? 2006 ist die Verbandshauptschule für über drei Millionen Euro modernisiert und zur Ganztagssschule ausgebaut worden, mit allem Drum und Dran. Dafür gab es einen großen Zuschuss aus dem Förderprogramm des Bundes für "Zukunft, Bildung und Betreuung". Vier Jahre später könnte die funktionierende Schule ins Abseits geraten. An ihr werden derzeit 152 Schüler aus dem Gemeindeverwaltungsverband unterrichtet, sie kommen aus Staig, Illerkirchberg, Schnürpflingen und Hüttisheim. Die Kultusministerin war beeindruckt vom eifrigen, friedlichen Lernklima, der erfolgreichen Arbeit der Lehrer.

Ob die Aussichten auch so rosig sind? Schulleiter Herrmann Röhm, Lehrer, Eltern und Verbandsmitglieder befürchten, dass ihre Hauptschule nicht mehr konkurrenzfähig ist und mit sinkenden Schülerzahlen rechnen muss. Nicht nur aus demographischen Gründen. Sondern weil sie sich schwer damit tut, Werkrealschule zu werden. Anton Bertele, Illerkirchberger Bürgermeister und Verbandsvorsitzender, führte an, dass die VHS Staig nicht genug Schüler habe, um wie gefordert zweizügig Klassen zu führen. Zudem sei es aus geographischen Gründen schwierig, einen Kooperationspartner zu finden: "Wir befinden uns in einer Insellage."

Allein aus der Bezeichnung "Verbandshauptschule" könnten Imageprobleme entstehen, meinte Bertele. Es klinge für Eltern einfach besser, wenn ihr Kind auf eine Werkrealschule geht. Der Staiger Bürgermeister Martin Jung bestätigte: Einige Eltern hielten die verbleibenden Hauptschulen für einen absterbenden Schulzweig. "Man muss immer wieder klar machen, dass das nicht so ist." Die Lehrer betonten zudem, dass der Bildungsplan an Haupt- und Werkrealschule bis zur neunten Klasse identisch ist. Ein Wechsel an die zehnte Klasse einer Werkrealschule oder Berufsfachschule sei jederzeit möglich. Viele Absolventen bevorzugten - ebenso wie Betriebe - einen Wechsel an eine der Ulmer Berufsfachschulen, sagte Klassenlehrerin Maria Lendler.

Der neue, noch nicht amtierende Schnürpflinger Bürgermeister Michael Knoll hakte nach, ob für Staig nicht eine Ausnahme gemacht und die Schule als Werkrealschule genehmigt werden könnte. Die Ministerin machte ihm keine Hoffnung: "Wir werden unser Konzept nicht schon am Anfang mit Ausnahmen durchlöchern." Ihr sei aber das Problem bewusst, das für Hauptschulen wie in Staig entsteht. "Dafür müssen wir eine Lösung suchen, das wird ein Schwerpunkt unserer Arbeit im kommenden Jahr sein." Sie versprach: "Ich werde Sie nicht im Stich lassen."


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Autor: PETRA LAIBLE | 19.03.2010

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