Krasser Gegensatz zwischen Arm und Reich

Bermaringen.  Auf seinem Rad hat Hartmut Bögel aus Blaustein bisher rund 12.000 Kilometer von Kairo nach Kapstadt zurückgelegt. Pünktlich zum ersten WM-Spiel der deutschen Nationalelf möchte er in Durban sein. In loser Folge berichtet Hartmut Bögel über seine Erlebnisse von unterwegs.

30.Mai Jeffreys Bay

In Plettenberg Bay empfing mich Roy, ein Bekannter von Jos und der Sohn von Yvonne. Er verhalf mir zu einem ganzen Apartment in einer Bed&Breakfast-Pension und so hatte ich nicht nur ein komfortables Häusle, sondern kam doch glatt in den Genuss, mal wieder selbst etwas kochen zu können. Und so gab es dann zauberhaft gekochte Kartoffeln und allerlei Gemüse mit einer ordentlichen Menge Quark und zum Nachtisch überraschend feinen Apfelstrudel.

Für die Lesestunde danach hab ich mir zum ersten Mal in meinem Leben überhaupt Popcorn gekauft, das man in der Mikrowelle aufpoppen lässt, was zumindest ziemlich witzig ausschaut. Da habe ich Schmacht drauf gehabt, als ich die gesehen habe im Supermarkt, musste aber feststellen, dass die im Kino eindeutig besser schmecken, was aber vielleicht auch daran lag dass ich sie einen Tick zu lange den Mikrowellen aussetzte.

In einem alten Elektrogrill konnte ich außerdem meine völlig durchnässten Radschuhe trocknen und vielleicht sollte ich diese Geschichte besser für mich behalten... Berichtet sei aber, dass dies mein erster Regentag seit Kapstadt war und zudem war es empfindlich kalt. Dafür bot mir der Strand die Gelegenheit zu einem wunderschönen Spaziergang entlang der Dünen. Die Bucht hier gilt als einer der schönsten und sichersten Badestrände ganz Südafrikas. Das scheinen auch die Delphine zu schätzen, denn sie sind hier beinahe täglich zu sehen, wie sie in den Wellen sich tummeln.

Roy arbeitet als Sozialarbeiter in einem Therapiezentrum für erwachsene Suchtkranke und zeigte mir noch die Wohngruppe, wo bis zu acht Menschen in einer Gemeinschaft für drei Monate zusammenleben und lernen sollen, ohne ihre jeweilige Sucht klarzukommen. Danke Jos, Danke Roy für all das!

Am Morgen dieses Tages fuhr ich an erbärmlich armseligen Bretterverschlägen vorbei, vor denen dicker Rauch vom Feuer mit nassem Holz aufstieg und in denen gleich hinter der Schwarzensiedlung von Knysna die leben, die nirgends sonst untergekommen sind. Das beschäftigte mich dann doch ziemlich an diesem Tag. Ich kam gerade aus meiner prächtigen 5-Sterne-Suite und hatte königlich frischen Orangensaft, Obstsalat, Müsli und Omelette mit Käse und Gemüse gefrühstückt und bekam sogar noch ein Lunchpaket mit auf den Weg. Und dann sah ich eben diese frierenden Menschen, die sich am rauchenden Feuer der Blecheimer vor ihren mit Plastikfolie geschützten Behausungen wärmten. Das ist einfach ein zu krasser Gegensatz und dies so dicht beinander. Was ist fair, was ist recht und was ist falsch? Steht es mir zu, dass ich es mir so gut gehen lasse hier und was sollte ich überhaupt tun? Ein schlechtes Gewissen hilft nicht weiter und ist auch nicht angebracht, aber dass mich dies immer wieder aufs Neue beschäftigt, zumindest schon.

Der gestrige Tag nun führte mich ins herrliche Nature Valley. Da die Straße dort wegen Bauarbeiten teilweise und der nachfolgende Blougranspass wegen Steinschlags gar ganz gesperrt ist, verbrachte ich nahezu einen ganzen Radeltag ohne jeglichen Verkehr. Für mich war es zumindest spannend zu erleben, ob ich mit dem Fahrrad durchkomme, so ganz klar war das nämlich nicht, aber getreu nach dem Motto "wo ein Wille da ein Weg" nahm ich diese Strecke mutig unter die Räder. Und was ich erleben durfte, war einfach nur phantastisch. Es war ein perfekter Tag in einer vollkommen idyllischen Landschaft, die mir dichtesten Urwald mit Farnen, Efeu, Moos und Lianen, tiefe enge Täler, rauschende Bäche gefüllt mit dunklem Wasser vom torfhaltigen Grund, phantastische Ausblicke aufs Meer und bezauberndes Vogelgezwitscher offenbarte.

Selbst die verlassene Straße am Pass war voller feuchtem Moos und wie eine Höhle, da der Wald teilweise so dicht ist, dass sich die Kronen der Bäume auf beiden Seiten der Straße über mir zu einem schützenden Dach verbinden. Hey, an so einem vollkommenen Tag und inmitten einer solch reichen Schöpfung fühlt man einen tiefen Seelenfrieden in sich und man spürt eine Quelle Glück in sich sprudeln. Träumend und schwebend und vollkommen mühelos radle ich durch diese schier unglaubliche Idylle und bin eins mit ihr auf meinem Fahrrad. In solchen einzigartigen Augenblicken werden Kräfte geweckt, Visionen geboren und die ganze Welt verwandelt sich in ein einziges Paradies... Ach, möge doch dieser Zustand ewig so fortdauern, ewig!

Wie die schrill kreischende junge Dame, der ich von der Ferne bei ihrem Bungee-Sprung zuschaue, ihre Gefühlslage beim sieben Sekunden dauernden freien Fall von der 216 Meter hohen Bloukransbrücke beschreiben wird, werde ich wohl nie erfahren. Der Schrei klang nicht gerade glückserfüllt, aber der Sprung sah durchaus spektakulär aus, die deftige Rockmusik und die vibrierenden Bässe schallten weit durch die Landen und wurden nur vom Schrei beim Sprung übertönt...

Nach erbärmlich kalter Nacht in meinem Zelt (ich schlief in meiner langen Unterwäsche und war gottfroh, dass ich die nicht nach Hause geschickt oder verschenkt hatte) radelte ich heute bei blauestem Himmel nach Jeffreys Bay; weltweit bekannt und geschätzt bei den Surfern für prächtige Wellen und bei Muschelsuchern für besonders gute Funde. Zumindest letzteres kann ich nun auch bestätigen. Ich selbst habe beim Baden im kühlen Meere doch recht gehörigen Respekt vor den Wellen, wage mich nur in die kleineren Exemplare derselben und bevorzuge eindeutig Strände, wo mit den Surfanfängern und den kleinen Kindern geübt wird... Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Hardy radelt... So lassen wir das auch weiterhin sein!

Morgen erreiche ich mit Port Elisabeth die Stadt, die auf halbem Weg nach Durban liegt und wo mich Peter erwarten wird, ein Bekannter von Eric, der wiederum mit mir von Kairo nach Kapstadt unterwegs war. Diese Nacht verbringe ich im Zelt im Garten eines Backpackers und auch hier bin ich einziger Gast, habe Küche, Wohnzimmer und Internet für mich und mit Andre aus der Schweiz einen Fußball liebenden Herbergsvater – was will man mehr?!

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Autor: Hartmut Bögel | 31.05.2010

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