"Keine Erinnerungen"

Memmingen.  Im Gammelfleisch-Prozess am Landgericht Memmingen hat der frühere Chef des Kühlhauses Kollmer alle Vorwürfe zurückgewiesen. Er soll tonnenweise Schlachtabfälle als Lebensmittel verkauft haben.

Ernst und gefasst. So haben Beobachter gestern den Angeklagten beim Auftakt des so genannten Gammelfleisch-Prozesses am Landgericht Memmingen erlebt. Der ehemalige Chef des Kühlhausbetriebs Kollmer aus Illertissen soll gegen das Lebensmittel-Hygienegesetz verstoßen und sich des Betrugs in insgesamt 15Fällen schuldig gemacht haben. Die Vorwürfe haben es in sich. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes unappetitlich.

Der heute 45 Jahre alte Unternehmer soll in den Jahren 2004 und 2005 fast 700 Tonnen Fleisch der Kategorie III an Lebensmittelbetriebe verkauft haben. Ware also, die nur noch zu Hunde- oder Katzenfutter hätten verwendet werden dürfen. Die Abnehmer sollen nicht über die Qualität des Fleisches informiert worden sein. "Sonst hätten diese Kunden das Fleisch niemals angenommen", sagte Staatsanwalt Andreas Rossa. Der Kühlhaus-Chef habe auf diese Weise einen Gewinn in Höhe von mehr als 200 000 Euro erzielt. Mit den illegalen Geschäften habe er sich eine dauerhafte Einnahmequelle sichern wollen.

Der Angeklagte bestritt sämtliche Vorwürfe. Zu den einzelnen Fällen äußerte er sich vor der Ersten Strafkammer zwar nicht. "Ich habe keine konkreten Erinnerungen", sagte er und ließ dann seine beiden Verteidiger, Ingo Hoffmann aus Neu-Ulm und Horst Koller aus Köln, Erklärungen verlesen. Tenor der Ausführungen: Ihr Mandat habe niemanden betrogen, niemals genussuntaugliches Fleisch in den Lebensmittelkreislauf geschleust und sich deshalb keiner strafbaren Handlung schuldig gemacht. Täglich sei der Betrieb ihres Mandanten von Veterinären kontrolliert worden. Kein anderes Kühlhaus in Bayern sei derart regelmäßig wie intensiv überprüft worden. Wenn es dann doch einmal Klagen von Abnehmern gab, habe dies schlicht und einfach an Fehlern beim Transport oder bei der fachgemäßen Zwischenlagerung gelegen.

Bereits Ende 2005 waren Zollfahnder auf die mutmaßlich unappetitlichen Geschäftspraktiken bei Kollmer aufmerksam geworden. Und zwar im Zuge der Ermittlungen gegen das inzwischen insolvente Kollmer-Tochterunternehmen Deggendorfer Frost - einem Betrieb, der laut Zulassung nur mit Schlachtabfällen handeln durfte (siehe nebenstehende Box). Die Deggendorfer Frost sei Teil des dubiosen Geschäftssystems gewesen. 2004 etwa habe Kollmer mehrere hundert Tonnen Schlachtabfälle aus Dänemark bezogen und diese unter anderem als Lebensmittel weiterverkauft, obwohl die Ware auf den offiziellen Lieferpapieren ausschließlich für die Tochter in Deggendorf bestimmt war. "Spätestens da war für uns klar, dass etwas nicht stimmen kann", sagte einer der damals ermittelnden Zollfahnder gestern als Zeuge vor Gericht.

Das Familienunternehmen Kollmer ist seit gut 50 Jahren in der Fleischbranche tätig. Inzwischen hat die Regierung von Schwaben, wie berichtet, der Firma die Lizenz als Verarbeitungs- und Kühlhausbetrieb entzogen. Auch die Kollmer-Nachfolge-Firma, die Rothtalfrost GmbH, hat bereits ihre Pforten wieder dicht machen müssen - wegen mangelnder Sicherheitsstandards im Wareneingang und genussuntauglicher Proben, wie es heißt.

Der Prozess am Landgericht Memmingen wird heute von 10.15 Uhr an mit der Anhörung weiterer Zeugen fortgesetzt.


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Autor: CARSTEN MUTH | 11.11.2009

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